Coronakrise in Stuttgart Die Telefonseelsorge ist gefragt wie nie

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Kontaktverbote, Existenzangst, Angst vor Ansteckung: die Corona-Krise bedroht auch unsere psychische Gesundheit. Die Nachfrage bei der Stuttgarter Telefonseelsorge ist deshalb größer denn je.

Martina Rudolph-Zeller ist Leiterin der evangelischen Telefonseelsorge Stuttgart. Foto: Martin Stollberg
Martina Rudolph-Zeller ist Leiterin der evangelischen Telefonseelsorge Stuttgart. Foto: Martin Stollberg

Stuttgart - Das öffentliche Leben steht still. Die Kontaktverbote oder gar Ausgangssperren sind nötig, um die Pandemie einzudämmen und unser Gesundheitssystem vor einem Kollaps zu schützen. Die einschränkenden Maßnahmen bringen aber umgekehrt viele Menschen in existenzielle oder psychische Notlagen – auch weil wir mit noch nie dagewesenen Problemen konfrontiert sind. Menschen gewöhnen sich in der Regel an angstmachende Situationen, neue Ängste sind aber erst einmal schwierig zu bewältigen, uns fehlen die Ressourcen dafür. „Am Anfang haben wir versucht, alles handlungsfähig zu machen. Jetzt spüren viele so langsam das Loch“, sagt Martina Rudolph-Zeller, Leiterin der evangelischen Telefonseelsorge Stuttgart. In den Telefongesprächen, die sie und ihre ehrenamtlichen Mitarbeiter führten, spüre man das ganz stark.

Auch die Zahlen der Anrufe, Mails und Chatnachrichten, die die Seelsorge erreichen, sind in den vergangenen Wochen stark angestiegen. Das beherrschende Thema: Corona. Deshalb habe man auch die Kapazitäten aufgestockt. „Alle beiden Leitungen sind durchgehend besetzt, damit wir mehr Gespräche bewältigen können“, sagt Rudolph-Zeller, die die Seelsorge gemeinsam mit dem Pfarrer Stefan Jooß leitet.

Viele Anrufer plagen derzeit existenzielle Sorgen

Viele Anrufer haben starke Ängste: vor einer Infektion, aber auch vor einer Art „Apokalypse“. „Bei vielen läuft da schon ein Film im Kopf ab, da ist es gar nicht so einfach, den Stopp-Knopf zu finden“, sagt Rudolph-Zeller. „Wieder andere plagen existenzielle Sorgen, weil ihnen alle Aufträge wegbrechen“, sagt die Sozialpädagogin. „Die Nebenwirkungen der Vorsichtsmaßnahmen sind gravierend und stellen die Menschen vor komplett neue Probleme“, sagt sie. Vor allem bei Alleinstehenden oder Alleinerziehenden zeige sich, dass die gewohnten sozialen Kontakte wegbrechen. Das können Sport- und Freundinnentreffs sein, Gottesdienste, aber auch die Arbeit, bei der man regelmäßig Kollegen traf. „Das ist nicht zu unterschätzen“, sagt Rudolph-Zeller. Viele sitzen nun alleine in ihrem Homeoffice. „Die auferlegte Einsamkeit ist belastend, da sind die Menschen nicht sehr resistent.“

Die Nachfrage bei den Stuttgarter Telefonseelsorgen steigt

Die evangelische Telefonseelsorge feiert in diesem Jahr ihr 60-jähriges Bestehen. Bereits im Jahr 2019 meldeten die beiden Stuttgarter Telefonseelsorgen – die katholische und die evangelische – steigende Anruferzahlen. Im Jahr 2019 hatte die Telefonseelsorge insgesamt 36 960 Anrufe entgegengenommen (2018: 36 807), das entspricht durchschnittlich 110 Anrufern am Tag. 41,4 Prozent der Anrufer sind über 60 Jahre alt. Laut Statistik sind psychische Erkrankungen, Einsamkeit, depressive Stimmung, Ängste und Selbstmordgedanken Gründe für die Suche nach Rat. Die kirchliche Telefonseelsorge ist eine wichtige Ergänzung zum Gesundheitssystem. Vor allem: Die Hilfe ist kostenlos und rundum die Uhr erreichbar. „Wir rechnen nicht über die Kassen ab, wir sind kein Therapeut, wir stellen keine Diagnose. Wir bieten nur ein Gespräch“, sagt Rudolph-Zeller.

Die geschulten Ehrenamtlichen hören vor allem zu

Die Gespräche führen Ehrenamtliche, die geschult sind, auch schwierige Gespräche zu meisten. Dafür gebe es auch regelmäßige Supervisionen, sagt die Leiterin. Sie sieht es als Vorteil an, dass die Helfer keine ausgebildeten Therapeuten sind. Die Gespräche fänden so auch auf Augenhöhe statt. „Du und ich sind gleich – das kann viel helfen“, sagt sie zum Gespräch zwischen Ehrenamtlichen und Ratsuchenden.

Was hilft in der aktuellen Krise? Was raten die Ehrenamtlichen den Anrufern, wie sie mit der derzeitigen Lage umgehen können? „Wir geben keine Ratschläge. Wir gehen davon aus, die Lösung liegt im Menschen, und dass sich durch das Gespräch etwas in ihm löst, wodurch erst selbst wieder eine Lösung findet“, sagt Rudolph-Zeller. Oft geht es darum, jemand dabei zu helfen, seine Gedanken zu sortieren, aber auch einfach nur zu zuhören. Das kann in schwierigen Zeiten Gold wert sein.

Die Hürden, jemand Anonymes anzurufen, sind niedrig

Der Vorteil der Seelsorge ist: Die Hürde dort anzurufen, ist niedrig. „Unser Gesundheitssystem funktioniert ja gut, alle bemühen sich ohne Ende, aber für viele Menschen ist es nicht recht transparent“, so die Erfahrung von Rudolph-Zeller. Das fängt schon damit an, dass viele nicht wissen, an wen sie sich in psychischen Krisen wenden können. An den Hausarzt? An den Psychologen oder den Psychiater? Auch sind viele mit der Frage überfordert, welche Therapie die richtige ist. Verhaltenstherapie oder Psychoanalyse?

Oft brauchen wir in Lebenskrisen aber nicht unbedingt gleich einen Therapeuten oder einen Psychiater, sondern nur jemand, der uns versteht. „Wir brauchen den Anderen als Spiegel, der einfach sagt ‚Oh, das ist jetzt aber gerade schwer für dich’“, sagt Rudolph-Zeller. Das Gefühl, nicht alleine zu sein mit seinem Problem, kann schon viel helfen.

Die Krise zeigt, wo unsere Probleme liegen

Krisen werfen uns auf uns selbst zurück. Da werden oft ganz ursächliche Probleme, die teilweise verschüttet waren oder die wir im Alltag bisher kompensieren konnten, getriggert. Die Corona-Krise zeigt eben auch schonungslos, wo der eigene wunde Punkt liegt, aber auch der unserer Gesellschaft. „Jetzt wird deutlich, woran unsere Gesellschaft krankt“, findet Rudolph-Zeller.

Es gehe viel zu sehr um Likes und Follower, um Schönheitsideale, um Partys und vor allem um Leistung, ergänzt sie. Unsere Gesellschaft sei auf Leistung und Funktionieren getrimmt. Wer nicht mehr funktioniert, der verliert den Anschluss, fällt aus dem System. Wer keine Leistung bringt, ist eine Last. Erschreckend für sie ist: „Vor allem ältere Menschen sagen uns, sie wollen gar keine Behandlung mit Beatmungsgeräten, die solle lieber jemand Jüngeres zu Gute kommen“, sagt Rudolph-Zeller. „Das finde ich ganz, ganz schwierig, dass jemand sein Leben nun als nicht mehr relevant bewertet.“ Plötzlich werde darüber diskutiert, wann ein Leben lebenswert ist.

Das gelte es dringlich zu hinterfragen. „Ich hoffe sehr, dass es danach mehr Raum und mehr Toleranz gibt, für Menschen, die zeitweise nicht funktionieren können“, sagt Rudolph-Zeller. „Jeder hat mal Krisen, deswegen ist man nicht gleich psycho, das ist ganz normal.“ Deshalb sei die derzeitige Krise auch eine Chance zu fragen: Welche Werte haben wir denn eigentlich?

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