Daimler, Stihl oder Mahle in Stuttgart Diese weltbekannten Firmen nahmen in Bad Cannstatt ihren Anfang

Daimler-Erinnerungsort im Kurpark Foto: Lichtgut/Oliver Willikonsky

Es handelt es sich um Stuttgarts größten Stadtbezirk. Aber auch als Industriestandort nimmt Bad Cannstatt eine führende Rolle ein – als Wiege von Marken, die Weltruf erlangten.

Automobilwirtschaft/Maschinenbau: Peter Stolterfoht (sto)

Auch wenn die Vereinigung mit Stuttgart bereits im Jahr 1905 vollzogen worden ist. Bad Cannstatt besitzt noch einen ganz eigenen städtischen Charakter mit den dazugehörigen Merkmalen wie die große Einwohnerzahl von rund 71 000. Da wären auch noch eine eigene Fachwerk-Altstadt, Krankenhäuser, ein Gericht, der VfB als großer Fußballverein, die Hafenanlagen am Neckar und ein Zoo samt Wilhelma-Theater. Und eine große Industriegeschichte. Schließlich haben in Cannstatt viele Weltmarken ihren Ursprung.

 

Mercedes-Benz

Der Cannstatter Kurpark ist eine grüne Oase und ein Ort der Stille. Der Gedanke, dass es hier einmal kräftig gedampft und laut geknattert hat, liegt einigermaßen fern. Dies ändert sich allerdings, wenn man irgendwann vor einem Gartenhaus steht und erfährt, dass in diesem Gebäude der sogenannte schnelllaufende Ottomotor erfunden wurde. Was heute Erinnerungsstätte ist, war einst die Werkstatt des Ingenieurs und Unternehmers Gottlieb Daimler, der auf seinem Grundstück Taubenheimer Straße 13 mit seinem Mitarbeiter Wilhelm Maybach einen mobilen Verbrennungsmotor entwickelte. Diese Erfindung hatte zunächst einen Motorrad-ähnlichen „Reitwagen“ angetrieben und wurde im Oktober 1886 dann in eine Kutsche gebaut.

Damit ist der Kurpark, wo auch die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Daimler-Villa stand, der Geburtsort des Automobils – zumindest des vierrädrigen. Bereits im Januar 1886 hatte Carl Benz in Mannheim das Patent für seinen im Jahr zuvor fertig gestellten Motorwagen Nummer eins erhalten, der noch auf drei Rädern unterwegs war.

Beide Erfindungen ließen sowohl die Geschäfte des Mannheimer Automobilunternehmens Benz & Cie. als auch die der Daimler-Motoren-Gesellschaft in Cannstatt anspringen. 1926 kam es auf Vermittlung der Deutschen Bank zur Fusion der beiden ältesten Automobilhersteller der Welt, die in der Daimler-Benz AG zusammenfanden und die heute den Namen Mercedes-Benz trägt. Ein interessantes Detail dieser Partnerschaft: Gottlieb Daimler und Carl Benz hatten sich zeitlebens nie persönlich kennengelernt.

Stihl

Von Cannstatt aus startet aber nicht nur das Auto seinen weltweiten Siegeszug. Da wäre auch die Motorsäge, deren Ursprungsort in der Neckarvorstadt liegt, genauer gesagt in der Hallstraße 64. Hier eröffnet der gebürtige Schweizer Andreas Stihl 1930 seinen Industriebetrieb. Zuvor hatte er in Stuttgart-West ein Planungsbüro betrieben. Das Erfolgsprodukt der A. Stihl Maschinenfabrik war aber zunächst die Waschmaschine, ehe sich die Motorsäge zum Welterfolg entwickelt.

Anfang der 50er-Jahre siedelt zunächst die Produktion von Stihl und dann auch der Firmensitz nach Waiblingen um. Nach dem Tod von Andreas Stihl wird 1973 sein ältester Sohn Hans Peter Stihl alleiniger Gesellschafter des Unternehmens. Der 91-Jährige ist heute Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats.

Dürr

Alles beginnt mit einer Bauflaschnerei, die Paul Dürr 1896 in der Cannstatter Brunnenstraße gründet. Er spezialisiert sich auf Blechdächer, Dachrinnen und Ornamente. Sein guter Ruf spricht sich bis in die höchsten Kreise herum. Für die Dacharbeiten des Stuttgarter Kunstgebäudes auf dem Schlossplatz bekommt Paul Dürr den Titel Königlich Württembergischer Hofflaschnermeister verliehen. Später übernimmt Otto Dürr die Geschäfte, die im Zweiten Weltkrieg der Rüstungsproduktion dienen. 1943 wird das Cannstatter Dürr-Stammwerk bei einem Luftangriff zerstört.

Nach dem Krieg richtet sich das Unternehmen neu aus und beginnt mit dem Bau von Lackieranlagen für die Autoindustrie. 2009 zieht die Zentrale der Dürr AG von Stuttgart-Zuffenhausen nach Bietigheim-Bissingen.

Kärcher

Eines hat die ebenfalls in Cannstatt gegründete Firma Kärcher ihren Nachbarn von einst voraus. Neben dem Weltruf hat sie sich auch noch einen Platz im Duden erarbeitet, wo es heißt: „kärchern, etwas mit Hochdruck reinigen“. Die Basis dafür wird 1935 im Haus mit der Adresse Nauheimer Straße 57 gelegt, wo Alfred Kärcher mit der Entwicklung von Industrieöfen und Heizluftbläsern beginnt. 1939 folgt der Umzug nach Winnenden, 1950 steigt die Firma dann ins Reinigungsgeschäft ein. Wie auch die anderen Cannstatter Geburtsorte bedeutender Firmen ist auch das Urhaus Kärcher Station eines historischen Pfads mit entsprechenden Hinweisschildern. Die ließen sich bei Verschmutzung sicher auch kärchern.

Mahle

Viele in Cannstatt gegründete Firmen verließen irgendwann ihren Ursprungsort, um sich zu vergrößern. So auch der Schokoladenhersteller Ritter, den es nach Waldenbuch zog. Cannstatt treu geblieben ist dagegen Mahle. Das Gelände des Autozulieferers erstreckt sich an der Pragstraße mittlerweile über 20 Hausnummern von der 26 bis zur 46. 1920 gründet der Ingenieur Hellmuth Hirth in einem der Gebäude eine Werkstatt für Zweitaktmotoren, noch im selben Jahr stößt der Kaufmann Hermann Mahle dazu. Während sich der begeisterte Flieger Hirth auf den Flugzeugbau konzentriert, holt Hermann Mahle seinen Bruder Ernst Mahle als Ingenieur in den Betrieb, der sich immer stärker auf die Produktion von Kolben für die Autoindustrie konzentriert.

Bad Cannstatt

Gegenwart
Bad Cannstatt ist mit 70 600 Einwohnern der bevölkerungsreichste Stuttgarter Stadtbezirk. Bezirksvorsteher ist Bernd-Marcel Löffler (SPD).

Vergangenheit
Cannstatt ist der älteste Stuttgarter Bezirk, der als römische Stadt im 1. Jahrhundert n. Chr. gegründet worden ist. Bis 1905 selbstständig, stellten die Nationalsozialisten Cannstatt wegen seiner Mineral- und Heilquellen das Bad voran.

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