Das ESxSW-Festival in Esslingen Die neue ES-Klasse

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Im Esslinger Jugendhaus Komma wird am Wochenende beim ESxSW-Festival der alternative Sound der Region Stuttgart präsentiert. Erkundungen in einer Szene, die der Region gerade ein ganz neues popmusikalisches Image verpasst.

Im Komma in Esslingen wird „hart abgetrasht“ – etwa durch die Band Ursus. Außerdem entsteht dort Musik, die inzwischen weltweit abgefeiert wird. Am Wochenende gibt es im Komma in Esslingen das passende Festival dazu: das ESxSW. Foto: Horst Rudel
Im Komma in Esslingen wird „hart abgetrasht“ – etwa durch die Band Ursus. Außerdem entsteht dort Musik, die inzwischen weltweit abgefeiert wird. Am Wochenende gibt es im Komma in Esslingen das passende Festival dazu: das ESxSW. Foto: Horst Rudel

Esslingen - Der Name: eine Anmaßung. Das am Freitag und Samstag im Esslinger Jugendhaus Komma stattfindende regionale Musikfestival ESxSW (ausgesprochen „Esslingen by Southwest“) zu nennen, gehört sich nicht. Weniger, weil der Name geklaut wurde vom texanischen SxSW-Festival – sondern vielmehr, weil beim Original „South by Southwest“ im Frühjahr regelmäßig jene Bands auftreten, über die man den Rest des Jahres über redet. Jetzt auch in Esslingen. Sind die größenwahnsinnig geworden?

„Du gehst falsch in der Annahme, dass wir das ernst meinen“, sagt Jörg Freitag. Der 42-Jährige sitzt im ersten Stock der einstigen Tuchfabrik, an den Wänden rund um den imposanten Holztisch hängen Dutzende Konzertplakate. Die meisten Abende haben Freitag und seine Mitarbeiter selbst veranstaltet. Der musikalisch beschlagene Sozialpädagoge ist seit 2002 so etwas wie der Popkulturchef im Komma. Man habe bei dem Festivalnamen ein „charmantes Wortspiel“ gewählt, sagt Freitag. Esslingen biete sich für Wortspiele („Stresslingen“) an, ergänzt der Co-Organisator Fabian Zeh. Und weil sie im Komma den Diskurs pflegten, gehe der ironisch gebrochene Name des Festivals in Ordnung.

Drei Fakten zur Musikszene

Über die alternative Musikszene in Esslingen und drum herum muss man drei Dinge wissen. Erstens: sie besteht aus rund dreißig Bands; manche Musiker spielen in mehreren Combos und veranstalten mit wieder anderen Gruppen selbst Konzerte. Zweitens: Jörg Freitag und seine Mitarbeiter im Komma sowie der bisher am Stuttgarter Nordbahnhof, jetzt im Theater Rampe aktive Kulturbetrieb „Für Flüssigkeiten und Schwingungen“ buchen Bands, die in ihrer Szene angesagt sind und sonst im Leben nicht in der ­Region Stuttgart spielen würden. Gruppen wie Bad Religion oder Gossip treten heute vor Tausenden Leuten auf. Vor Jahren spielten sie neben anderen, denen der Durchbruch verwehrt blieb, für ein paar Eingeweihte – im Komma.

Das Komma ist ein Zentrum der regionalen Musikszene. Foto: Horst Rudel
Der dritte wichtige Fakt zur hiesigen Popkultur: da geht momentan unglaublich viel. Die Speerspitze bilden Die Nerven und Die Selektion. Bis vor Kurzem hatten sie den gleichen Bassisten. Daneben verbindet die Bands, dass sie in den Noiserock- und New-Wave-Szenen abgefeiert werden – weltweit. Die Nerven haben jüngst eine Platte auf dem traditionsreichen Label Amphetamine Reptile Records herausgebracht, Die Selektion touren mit ihrer düster stampfenden Tanzmusik durch Europa.

Die beiden Bands sind die Spitze des Eisbergs. Darunter: ein ganzes Netz an Musikern, DJs und Konzertveranstaltern, die alternative oder Subkultur machen. Im wahrsten Sinne des Wortes unerhörte Musik von Leuten, die über die Pophistorie bestens Bescheid wissen. Man trifft sich, spielt und feiert an Orten wie der Künstlerkolonie Contain’t am Cannstatter Güterbahnhof, in Stuttgart bei Second Hand Records, in der Dresden Bar oder im Kap Tormentoso. Die Manufaktur in Schorndorf ist ein Anlaufpunkt. Oder eben das Esslinger Komma. Dort, sagt Jörg Freitag, schaffe er mit geringem Budget „Raum für Experimente“. Selbstredend sei das oft „kommerziell nicht verwertbar“. Eines dieser Experimente heißt Ursus. Das Trio steht musikalisch nicht im Zentrum der Szene, musiziert aber an dem Ort, an dem sich die meisten aktuell angesagten Bands formiert haben – in dem neongrell erleuchteten Proberaum des Komma. Die Musik ist ebenso überdreht wie das Outfit. Trash kann man das nennen, bewusst erzeugten „Müll“: Bei der Probe will man „hart abtrashen“, hat die Keyboarderin Elena Wolf angekündigt.




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