Das Museum der Alltagskultur Waldenbuch setzt Maßstäbe Museum darf auch lustig sein

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Das Museum der Alltagskultur in Waldenbuch mag etwas abgelegen sein. Aber man bekommt selten eine so spannend inszenierte und lebendige Ausstellung wie hier zu sehen.

„Genauso sah es bei mir auch aus“: Die Ausstellung reicht bis in die jüngere Vergangenheit. Foto: Landesmuseum 7 Bilder
„Genauso sah es bei mir auch aus“: Die Ausstellung reicht bis in die jüngere Vergangenheit. Foto: Landesmuseum

Waldenbuch - Kaum ist man aus dem Auto gestiegen, fühlt man sich auch schon wie im Urlaub. Friedlich liegen die kleinen Gassen der Altstadt da. Kaffeetassen klappern, vereinzelt huschen Passanten durch die Mittagshitze. Stolz thront über dieser Idylle das alte Schloss, als sei der hektische Alltag in Waldenbuch noch nicht angekommen. Doch der Eindruck trügt. Ausgerechnet hier, jenseits der Metropolen, in diesen viele Jahrhunderte alten Mauern ist man seiner Zeit weit voraus. Denn im Schloss ist das Museum der Alltagskultur untergebracht, das so aufgeweckt und modern ist wie nur wenige Häuser in der Republik. Das merkt man schon am fröhlichen Geplapper im Foyer. Museum kann offensichtlich Spaß machen.

Viele Städtchen und Gemeinden haben ein Heimatmuseum. Meistens werden Sensen und rostige Werkzeuge präsentiert, werden Trachten, Wimpel, Wappen und verblichene Fotos gezeigt. Das Museum der Alltagskultur wird dagegen vom Landesmuseum Württemberg betrieben, das hier so ziemlich alle museumspädagogischen Konzepte erprobt hat, die derzeit im Schwang sind. Aber das Beste ist, dass die Kuratoren ihre eigene Disziplin und ihre Schätze nicht gar so ernst genommen haben, sondern mit Ironie und Augenzwinkern ans Werk gegangen sind. Museum kann sogar lustig sein.

Auch Tablets gehören ins moderne Museum

Selbstverständlich wird im kühlen Keller des Schlosses auch gezeigt, wie die Menschen in früheren Zeiten lebten und arbeiteten, wie sie das Wasser zum Waschen erhitzten oder wie sie ihre Bettbezüge flickten. Aber die alten Objekte, die Nachttöpfe oder Werkzeuge wurden nicht brav in Vitrinen gestellt, sondern für jedes Stück wurde ein spezielles Vermittlungskonzept entwickelt. Dabei werden selbstverständlich auch neue Medien genutzt. Auf einem Tablet kann man erfahren, dass ein Schmied früher keineswegs nur Hufe beschlug und Werkzeuge herstellte, sondern auch als Zahnarzt tätig war. Oder man darf sich durch Vorschläge klicken, was für eine eigenwillige Maschine ausgestellt ist. Saftpresse? Spülmaschine? Salatschleuder?

„Zeitsprünge“ nennt sich die Abteilung, die Vergangenheit und Gegenwart gegenüberstellt. Neben dem vielfach geflickten Bettbezug (um 1900) ist eine Jeans von Dolce und Gabbana zu sehen. Die von Designerhand zerrissene Hose aus der Sommerkollektion 2010 kostete stolze 256 Euro, erfährt man. Im 19. Jahrhundert aßen die Bauern gemeinsam aus einer Schüssel – während Pappschachteln vom Asia-Imbiss die Esskultur der Gegenwart skizzieren. Frech ist die Viagra-Pille, die dem Gemälde eines röhrenden Hirschs gegenübergestellt wurde. Das Stichwort dazu lautet Potenz.

Das Waldenbucher Museum erweitert den Horizont

So gibt der Rundgang nicht nur Einblicke in das Leben früherer Generationen, sondern hält dem Publikum auch einen Spiegel vor, macht bewusst, wie wir heute leben und dass es keineswegs selbstverständlich ist, dass der Strom aus der Steckdose kommt und das warme Wasser aus dem Hahn. Damit erfüllt das Walden­bucher Museum die hehrste Aufgabe der Museen: Es erweitert den Horizont. Es fördert ein kritisches, differenziertes Bewusstsein. Steht man etwa beim Thema Schutz vor dem großen Zuffenhausener Gartentor von 1930 – im Hintergrund hört man einen Hund bellen –, dann läuft im Kopf ein Film ab zu Abschottung, zu arm und reich und Gated Communities.

En passant lernt man auch etwas über Religion, über technische Entwicklungen oder den Wandel von der Großfamilie zum Singlehaushalt. Dann wieder führt eine Wendeltreppe in den Keller, wo einst Gemüse gelagert wurde. Weiter geht es in einen Luftschutzraum, wie es ihn in so vielen deutschen Kellern gegeben haben wird. Ein hölzernes Stockbett – und ein Schild mit der Anweisung des Gauleiters für „luftschutzmäßiges“ Verhalten: „Sei mutig und bewahre Ruhe. Nur die allerwenigsten Bomben treffen.“ Einige Fotografien aus dem Zweiten Weltkrieg zeigen allerdings das Gegenteil, Trümmer allüberall.

Das Publikum ist nicht nur passiver Konsument

1719 wurde das Schloss Waldenbuch fertiggestellt. 1978 begann der Umbau in ein Museum für Volkskultur, das vor acht Jahren umbenannt wurde in Museum der Alltagskultur. Dem Publikum scheint es offensichtlich zu gefallen. Jugendliche belagern das Café im Erdgeschoss, während sich eine Senioren-Gruppe gerade zu einer Führung durchs Haus aufmacht.

Das Publikum ist aber nicht nur passiver Konsument, beim Thema Licht etwa dürfen die Besucher sich Taschenlampen schnappen und leuchten. Immer wieder warten ganz beiläufig Überraschungen auf und werden die Ausstellungsobjekte unterhaltsam inszeniert – ohne die Inhalte zu verflachen. Hier hört man Gläubige Gebete murmeln, dort kann man fernsehen – Ausschnitte aus „Einer wird gewinnen“ aus dem Jahr 1965.

Zum Abschluss darf ein Selfie gemacht werden. Im „Wohnstudio“ kann man sich selbst fotografieren mit allerhand Requisiten in unterschiedlichen Kulissen. Es ist ein netter Spaß, sich mit einer riesigen Flasche oder E-Gitarre abzulichten, wobei auch diese Aktion durchaus Hintersinn hat: Sie soll ganz nebenbei die Identifikation mit dem Museum fördern.

Museum der Alltagskultur,
Schloss Waldenbuch, geöffnet Dienstag bis Samstag 10 bis 17 Uhr, Sonntag 10 bis 18 Uhr.




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