Design für Faule Erfindung des Fernsehsessels

Zur Entspannung gedacht – in nur fünfzehn Minuten soll dieser Sessel für Entspannung sorgen, die ein Prospekt von Barcalo, etwa aus dem Jahr 1966, für Anton Lorenz’ Erfindung wirbt. Genutzt wurde er dann auch gern zum Entspannen auf dem Fernseher. Foto: ©Vitra Design Museum, Nachlass Anton Lorenz

Kaum jemand weiß, dass ein Berliner das gemütlichste und verrufenste Sitzmöbel überhaupt erfunden hat: den Fernsehsessel. Anton Lorenz hat außerdem in den 20er Jahren den Stahlrohrmöbeln der Bauhaus-Künstler zum Erfolg verholfen.

Bauen/Wohnen: Tomo Pavlovic (pav)

Weil am Rhein - Sitzen ist das neue Rauchen, heißt es, womit man dem Sitzenden ein schlechtes Gewissen einreden will. Was nicht in Ordnung ist. Denn wer sich tagelang nicht aus der Sitzposition begibt, hat womöglich gute Gründe dafür. Arbeit. Schlechtes Wetter. Quietschende Schuhe. Oder auch das Fernsehprogramm, auf das man sich in bequemen Sitzmöbeln konzentrieren muss.

 

Die Industrie denkt noch weiter: Bald soll es kluge Fernsehsessel geben, die sich auf Knopfdruck in Fitnessgeräte samt Diagnosefunktionen verwandeln. Während man die Champions League guckt, misst der Sessel Blutdruck, scannt die Muttermale, ermittelt die Körperfettwerte und schickt die Daten direkt an die Krankenkasse. Doll.

Der Fernsehsessel ist der SUV des Wohnzimmers

Bleiben wir beim Fernsehen, dem liebsten Hobby der Deutschen: Genau für diese wichtige häusliche Sitztätigkeit findet sich im Möbelhaus des Vertrauens der sogenannte Fernsehsessel mit integrierter, mechanisch oder elektrisch zu verstellender Fußstütze. Ein hochwertiges Polstermöbel also, dessen Bezeichnung genau genommen irreführend ist. In diesen Sesseln lässt sich nämlich auch vortrefflich dösen oder Zeitung lesen.

Nur eines kann man mit dem Teil nicht: Punkte sammeln bei Gästen und Freunden, die sich für gutes Design interessieren. Der Fernsehsessel ist der SUV des Wohnzimmers, ein Grobian der modernen Einrichtung, eine Beleidigung für jeden Innenarchitekten, der etwas auf sich hält. Und je gesundheitsfördernder so ein Sessel ausschaut, desto eher denkt man über seinen Besitzer, dass er eben nicht ganz so fit ist, weil er seine Freizeit vor der Flachbildwand verbummelt.

Dabei stimmt es nicht, dass der Fernsehsessel ein Bastard des Möbeldesigns ist. Im Gegenteil. Dieser, wie es korrekterweise heißt: ergonomisch geformte Bewegungsstuhl ist vielmehr ein Verwandter des Freischwingers. Jenes Stuhltyps aus gebogenem Stahlrohr also, mit dem Mart Stam, Marcel Breuer und Mies van der Rohe Designgeschichte geschrieben haben.

Der Berliner Designer Anton Lorenz begeistert sich für gesundes Sitzen

Die Idee zum Bewegungsstuhl hatte ein gewisser Anton Lorenz, ein zu Lebzeiten schwer unterschätzter und heute wohl vergessener Berliner Designer, der kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs den schmalen, an eine klapperige Liege erinnernden Vorläufer des Fernsehsessels patentieren lässt.

Anton Lorenz war gebürtiger Ungar, der Anfang der 1920er Jahre mit seiner Frau, einer Opernsängerin, nach Berlin übersiedelt. Lorenz ist kein Konstrukteur, sondern ein Geschichtslehrer. Trotzdem interessiert sich Lorenz aus ungeklärten Gründen brennend für das Praktische: die Fertigung eines Stuhls, in dem der Mensch gesund sitzen kann.

Ein gewiefter Patentjäger

Der Autodidakt studiert Fachzeitschriften, knüpft Kontakte zu Möbelherstellern. 1927 wird Lorenz sogar Geschäftsführer von Standard Möbel, einer von Marcel Breuer mit gegründeten Firma. Von 1928 an ist er Direktor der Firma Desta (Deutsche Stahlrohrmöbel). Schließlich beginnt Lorenz 1938 mit dem Berliner Kaiser-Wilhelm-Institut für Arbeitsphysiologie eine Versuchsreihe, in der Probanden in gläserne Wannen gesetzt werden.

Die Fotos von planschenden Leuten in halb liegenden Sitzpositionen mit den angehobenen Unterschenkeln („Knick-Liege-Lage“) kann man nun in einer sehenswerten Ausstellung des Vitra Design Museums in Weil am Rhein bewundern, in der die Geschichte rund um die Herstellung der Freischwingerprototypen erzählt wird. Lorenz spielt hierbei eine entscheidende Rolle, denn er ist seinerzeit ein gewiefter Patentjäger. Nach 1929 werden mehrere Prozesse zur Urheberschaft der Designikone geführt, die im Schaudepot des Vitra Museums eindrucksvoll mithilfe vieler Originaldokumente beschrieben sind.

Designikone Freischwinger

Die Idee zum Freischwinger reklamieren auch andere Designer für sich, nicht nur Mart Stam. Doch Lorenz geht mit dem Einverständnis Mart Stams konsequent gegen andere Hersteller und Plagiatoren vor. 1929 übernimmt Thonet die Firma Standard Möbel, 1932 überträgt Anton Lorenz alle Rechte des Desta-Sortiments an Thonet und wird dort Leiter der Abteilung für gewerblichen Rechtsschutz. Ohne ihn geht nichts mehr, sein Wort zählt. Der Erfolg des avantgardistischen Designs ist vor allem Anton Lorenz zu verdanken.

Doch das eigentliche Meisterstück gelingt dem Unternehmer Anton Lorenz erst, nachdem er 1939 Nazideutschland verlassen hat und in den USA das Konzept des „Lazy Living“, des faulen Wohnens, verwirklicht. Seine Erfahrungen und Patente bei der Fertigung von medizinischen Liegen und Passagiersitzen für die Air France sowie die Erkenntnisse aus der Versuchsreihe mit den Badewannen hat er mitgenommen.

Am Ende einer jahrzehntelangen Arbeit steht der verstellbare Liegesessel. Als in den 50ern bald jede Familie einen Fernseher im Wohnzimmer stehen hat, braucht es dafür das passende Möbelstück. Und bitte schön! Lorenz ist seiner Zeit wieder einmal voraus gewesen, setzt die Karriere als erfolgreicher Unternehmer auch in den USA fort. Der Erfinder des gemütlichsten, verkanntesten und verrufensten Möbelstücks stirbt 1964 in Greenwich/Connecticut.

Info

„Anton Lorenz – Von der Avantgarde zur Industrie“ heißt die Schau, die das Vitra Design Museum in Weil am Rhein dem Designer widmet. Noch bis zum 19. Mai, geöffnet täglich 10 bis 18 Uhr. Infos im Internet unter www.design-museum.de

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