Erster Firmensitz in Stuttgart
„Die Säge muss zum Baum, nicht umgekehrt“ – das war Credo des Firmengründers Andreas Stihl – und das war Stihls Revolution. Denn bevor die Säge zum Baum kam, mussten die Stämme mühselig zum Sägeplatz geschleift werden. 1926 gründete Stihl sein Unternehmen, zunächst als Ingenieurbüro, in der Stuttgarter Innenstadt. Nach einer Zwischenstation in Bad Cannstatt kam, auch weil die Fabrik dort im Zweiten Weltkrieg zerbombt wurde, der Umzug an den heutigen Firmensitz in Waiblingen.
Der heute 91 Jahre alte Hans Peter Stihl, ältester Sohn des Firmengründers, kam nach seinem Studium 1960 in das Unternehmen. Nach dem Tod des Vaters wurde er 1973 alleiniger Gesellschafter. Als Hans Peter Stihl eintrat, erzielte die Firma mit knapp 640 Mitarbeitern einen Umsatz von gerade mal 17,6 Millionen D-Mark. Er engagierte sich in Tarifstreit und der Industrie- und Handelskammer im Land. Sein Bruder Rüdiger Stihl war als Jurist im Hause – ständig auch auf der Jagd nach Plagiaten von Stihl-Produkten.
Passionierte Unternehmer, passionierte Raucher
Hans Peter Stihl war zusammen mit seiner im vergangenen Jahr verstorbenen Schwester Eva Mayr-Stihl die prägende Kraft im Unternehmen und trieb die Internationalisierung entschieden voran. Sie steigerten den Umsatz mit 7300 Mitarbeitern auf 1,5 Milliarden Euro. Beide saßen jahrzehntelang im selben Büro, „er war der offensive Techniker, sie die kluge und abwägende Finanzchefin“, sagt Sohn Nikolas Stihl heute. Beide waren nicht nur passionierte Unternehmenslenker, sondern auch leidenschaftliche Raucher. Auch als das Rauchen schon in Verruf gekommen war, lagen bei Stihl-Pressekonferenzen noch Zigarettenschachteln aus.
2002 stiegen die Geschwister aus dem Tagesgeschäft aus und bezogen ein neues Büro – direkt gegenüber der Pforte. Schnell wurde spaßhaft kolportiert, sie wollten sehen, ob Mitarbeiter und Vorstände pünktlich kämen.
Doch der Rückzug der Familie aus dem operativen Geschäft war zunächst nicht von Erfolg gekrönt. Mit dem ersten familienfremden Vorstand, Harald Joos, der vom Aufzughersteller Schindler kam, hatte die Familie kein Glück. Nach nur einem Jahr musste er seinen Posten schon wieder räumen.
Später sagte Hans Peter Stihl im Interview mit unserer Zeitung, das persönliche Verhältnis zwischen der Familie und dem Vorsitzenden der Geschäftsführung müsse stimmen. „Wenn der Mann erfolgreich arbeitet und sich an die Regeln der Familie hält, funktioniert das“, sagte Stihl damals. Bei Harald Joos habe das aber nicht funktioniert.
Das Gegenteil war bei Joos’ Nachfolger Bertram Kandziora der Fall. Der kam 2002 zu Stihl und leitete von Juli 2005 an das Unternehmen fast 17 Jahre lang als Vorstandsvorsitzender. Ihm folgte Michael Traub – auch hier stimmt die Chemie zwischen ihm und der Familie. Was erst scheiterte, entpuppte sich als Erfolgsrezept.
Beiratschef lobt Trennung von Geschäft und Kontrolle
Der heutige Beiratsvorsitzende Nikolas Stihl will deshalb an der Entscheidung, die Vorstandsposten mit familienfremden Managern zu besetzen, nicht rütteln: „Es ist grundsätzlich nicht gut, wenn die Familie gleichzeitig im Beirat und im operativen Geschäft tätig ist.“ Er fügt hinzu: „Es ist wesentlich einfacher, einen fremden Vorstand zu entlassen als den Sohn oder den Bruder.“ Die Zahlen jedenfalls zeigen, dass es auch mit fremden Managern vorangeht: Der Umsatz liegt heute mit weltweit 20 550 Mitarbeitern bei 5,5 Milliarden Euro. Längst ist Stihl kein reiner Sägenhersteller mehr, sondern bietet auch Gartengeräte für Privatleute an. Besonders gefragt sind Geräte mit Akku.
Die neue Generation macht es anders: Nikolas Stihl ist weniger aktiv in Verbänden als sein Vater. Dennoch spart er nicht mit öffentlicher Kritik an der Politik . Ende 2022 beispielsweise bezeichnete er die Umsetzung der Energiewende als „Dilettantismus“. Nikolas Stihl war im Unternehmen nie im Tagesgeschäft tätig, wohl aber bei der inzwischen mit Stihl verschmolzenen Tochter Viking in Tirol, einem Hersteller von Gartengeräten. „Das waren meine unternehmerischen Lehrjahre.“
Der Akku ist noch voll
Dieses Prinzip soll auch in Zukunft fortgeführt werden: „Wir wollen auch die nachfolgende Generation auf eine Tätigkeit im Beirat vorbereiten“, sagt die stellvertretende Beiratsvorsitzende Karen Tebar, Tochter von Gerhild Schetter, geborene Stihl. Zweite stellvertretende Vorsitzende ist Selina Stihl, die Tochter von Rüdiger Stihl. Bei Stihl jedenfalls, so der Eindruck, ist der Akku noch lange nicht leer.
Der Firmengründer
Schweiz
Der Firmengründer Andreas Stihl wurde 1896 in Zürich als Sohn des Fuhrunternehmers Andreas Stihl und dessen Frau Selina geboren. Nach seinem Maschinenbaustudium arbeitete er als Sachverständiger für Dampfmaschinen, die damals in Sägewerken eingesetzt wurden. Als er sah, dass die Menschen die Baumstämme mühsam zu den stationären Sägen transportieren mussten, war für ihn klar: Die Säge muss zum Baum. In ihm keimte die Idee einer mit Benzin angetriebenen Motorsäge.
Schwaben
1926 machte Andreas Stihl in der Stuttgarter Innenstadt sein Ingenieurbüro auf. In den 20er-Jahren stellte er eine elektrische Zweimannsäge her, der bald eine Benzin-Motorsäge folgte, die 46 Kilogramm wog. Als er mehr Platz brauchte, zog die Firma nach Bad Cannstatt. Durch einen Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg wurde das Werk 1944 zerstört. 1945 wurde in Waiblingen ein neues Werk gegründet. 1959 kam die als legendär bezeichnete Säge Contra auf den Markt, die wesentlich leichter und effizienter war als die Vorgänger. Der Firmengründer starb 1973. ey