Dieselkrise auf der Automesse Ludwigsburg Händler raten: Verkaufen Sie Ihren Dieselwagen

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Schummelsoftware, Kartellabsprachen und Fahrverbote: Wie reagieren die Kunden und Händler auf die Negativschlagzeilen der Branche? Ein Besuch auf der Ludwigsburger Automesse.

Dieselfahrzeuge sind auch mit Rabatten kaum mehr zu verkaufen. Foto: factum/Weise 13 Bilder
Dieselfahrzeuge sind auch mit Rabatten kaum mehr zu verkaufen. Foto: factum/Weise

Ludwigsburg - Noch vor einem Jahr war die Welt der Autohändler in Ordnung: Ein Absatzrekord jagte den anderen, die deutsche Fahrzeugindustrie galt trotz VW-Skandals weltweit als Musterknabe. Doch inzwischen drohen Fahrverbote für ältere Diesel, auch an den neuen Abgasnormen wird herum genörgelt, den Autoherstellern werden Kartellabsprachen angekreidet. Noch am Freitag hat ein Urteil des Verwaltungsgerichts Stuttgart Fahrverbote wahrscheinlicher gemacht.

Unter diesen Vorzeichen werben die Autohäuser der Region am Wochenende um neue Kunden. Die charmante Kulisse des Seeschlosses Monrepos, eine Liveband, Kinderspielstationen und das sonnige Wetter im Park der Domäne verleiten zum Bummeln, so dass an den Ständen viel los ist. Das ist jedoch nicht immer positiv. So mancher Kunde beginnt mit einer Provokation. „Na, habt ihr nur Dreckschleudern da stehen, wo sind denn eure sauberen Fahrzeuge?“, fragt ein Mann mittleren Alters. Um dann doch ganz vernünftig in ein Beratungsgespräch einzusteigen.

Der Tenor ist klar: Privatkunden kaufen praktisch kein Dieselfahrzeug mehr. Und wer noch eines hat, will ihn möglichst schnell loswerden. Dazu raten sogar die Händler. „Wenn mich jemand fragt, dann sage ich klar: Verkaufen Sie ihren Wagen“, erklärt Thomas Blessing, Geschäftsleiter des Autohauses Weller in Bietigheim-Bissingen. Schon der VW-Skandal mit der Abgas-Schummelsoftware habe im Jahr 2015 den Wert von Dieselfahrzeugen um zehn Prozent reduziert, jetzt gehe der Preis noch weiter in den Keller. Was für die Händler nicht unbedingt negativ ist, wie Blessing betont: „Manche kaufen eben schon früher einen neuen Wagen als geplant.“

Zum Beispiel Heinz Wernet (45) aus Ludwigsburg. Er pendelt jeden Tag mit dem Auto zu Daimler nach Sindelfingen, fährt gut 25 000 Kilometer im Jahr. Bislang ein treuer Diesel-Kunde: „Das hat sich für mich immer gelohnt, an der Tankstelle sehe ich jeden Tag den Preisvorteil.“

Doch nun hat Wernet Sorge, nicht mehr nach Stuttgart fahren zu können – und will seinen Diesel besser gestern als heute verkaufen. „So lange ich noch etwas dafür bekomme“, sagt er. Als Nachfolger komme für ihn nur ein Benziner in Frage, erklärt er, selbst wenn der neue Diesel die Euro-6-Norm erfülle – wie lange gelte diese noch?

Zwar macht mancher Händler auf Optimismus. „Dieselautos laufen weiterhin gut, das ist vor allem ein Thema für die Presse“, meint Kosta Fezoulidis vom Autohaus Hahn in Ludwigsburg. Doch die meisten wie Frank Weiß vom Autohaus Marquardt in Zuffenhausen sprechen es offen aus: „Die Kunden sind massiv verunsichert, der Dieselverkauf geht gegen Null.“

Große Firmen setzen allerdings nach wie vor auf eine günstige Dieselflotte. Davon kann Heiko Lutz berichten, Verkaufsleiter beim Autohaus Wegst in Kornwestheim: „Auf längeren Strecken ist der Verbrauch und der Spritpreis das wichtigere Argument.“ Und auch so mancher schwäbischer Sparfuchs setzt auf ein Schnäppchen: „Ein Vorführwagen mit Dieselmotor ist jetzt ziemlich günstig.“

Doch das sind eher Randerscheinungen. Die meisten denken um. Der Autoverkäufer Frank Weiß spricht von einer „Marktbereinigung“: Der Selbstzünder wurde vor ein paar Jahren als Abgaswunder gepriesen, selbst Kunden mit wenig Kilometerleistung haben ihn gekauft – auch weil er schnell beschleunigt und besser durchzieht. „Wer so gedacht hat, schwenkt jetzt wieder um“, meint Weiß.

Und was ist mit Elektroautos? Auf der Ludwigsburger Automesse findet man sie vereinzelt. Aber nicht bei jedem Händler. „Das ist ein Thema für die Zukunft“, meint Kosta Fezoulidis vom Autohaus Hahn. Frank Weiß hingegen verzeichnet Nachfrage für den Nissan Leaf, ein reines E-Auto. Ein Taxiunternehmer und gut betuchte Kundschaft über 50 Jahre mit grünem Gewissen gehörten zu den Kunden.

Ähnlich wie beim neuen Opel Ampera-E, wie Thomas Blessing vom Autohaus Weller erklärt: „Ich habe Bestellungen bis Ende des nächsten Jahrs.“ Allerdings kämen die Hersteller kaum mit der – gleichwohl niedrigen – Nachfrage mit: „Die haben den Trend zum Elektroauto einfach verpennt.“

Trotz des miesen Stimmung in der Branche brummt nicht nur auf der Ludwigsburger Messe die Konjunktur. „Ich habe in diesem Jahr mehr Autos verkauft als je zuvor“, sagt Thomas Blessing. Die Kunden wollen von ihrem Heilix Blechle nicht lassen – nur setzen sie dabei eben kaum noch auf den Diesel, sondern kaufen sich lieber gestern als heute einen Benziner.




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