Diskussion über Gratiskonzerte Musik gegen Spende: gut oder böse?

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Am Samstag findet das letzte Konzert des Sommerfestivals Klinke im Stuttgarter Kulturzentrum Merlin statt – wie immer gegen Hutspende. Über dieses inzwischen häufig angewendete Modell ist auf Facebook eine heftige Diskussion entbrannt.

Bei Konzerten „auf Hut“ kann auch richtig viel Geld hereinkommen – so wie beim Auftritt der Band The Tremolettes im  Rahmen des Klinke-Festivals. Foto: Merlin auf Facebook
Bei Konzerten „auf Hut“ kann auch richtig viel Geld hereinkommen – so wie beim Auftritt der Band The Tremolettes im Rahmen des Klinke-Festivals. Foto: Merlin auf Facebook

Stuttgart - Einerseits werden Konzerttickets immer teurer, andererseits gibt es fast täglich Gratiskonzerte zu sehen, gerade in kleinen Spielstätten. Irgendwann geht der Hut rum, in den die Gäste freiwillig die Gage für die Musiker werfen. Die hoffen auch auf mehr Publikum. Schließlich ist für die Zuhörer bei Nichtgefallen nichts verloren. In Stuttgart gibt es in mehreren Kneipen sowie regelmäßig im Galao und im Merlin Konzerte „auf Hut“. In dem Kulturzentrum im Westen endet am Samstag das Klinke-Festival, das einen Monat lang von Mittwoch bis Samstag wieder meist lokale Bands gegen Spende auf die Bühne stellte.

Eine „Unverschämtheit“ ist das, schreibt Armin Sabol in einem Facebook-Beitrag. Der Gitarrist der Schwabenrock-Band Muggabatschr ruft nach einer Mindestgage für Musiker und schreibt: „Liebe Kolleginnen und Kollegen, lasst euch nicht verarschen. Ihr habt viel Zeit, Geld und Arbeit in Eure Musik gesteckt. Verschenkt das nicht.“

Fast 200 meist zustimmende Kommentare finden sich unter dem Beitrag. „Der ‚Hut’ degradiert den Künstler zum Almosenempfänger’“, schreibt einer. „So werden anderen Bands Jobs genommen“, findet ein anderer. Ein Konzertveranstalter klagt: „Die Leute sind geizig ohne Ende. Manche schmeißen ein paar Cent rein.“ Im Merlin gibt man sich betroffen. Als Reaktion auf Sabols Beitrag postete das Kulturzentrum das Foto eines mit Spenden übervollen Huts nach einem Klinke-Abend. Die vorab vereinbarte Mindestgage übertreffe man jedes Mal, sagt die Merlin-Chefin Annette Loers. „Wir gehen für die Bands mit dem Hut rum und treiben hartnäckig die Kohle für sie ein.“ Das Ziel sei, „dass möglichst viele Menschen möglichst viele Bands sehen“. Der Popbüro-Chef Walter Ercolino springt Loers bei. Das Merlin habe „feine, intelligente Bookings mit überregionaler Wirkung und ein großes Herz für regionale Musiker – mit dem Höhepunkt Klinke“.

„Sammeln hartnäckig die Kohle ein“

Nun ist diese Veranstaltungsreihe eines der Beispiele für Hutkonzerte, die auch für die Musiker in aller Regel erfreulich verlaufen, gerade wenn sie sich der örtlichen Szene präsentieren wollen. Auch bei den aktuell beliebten privaten Wohnzimmerkonzerten kommt meist ein zwar kleines, aber äußerst spendables Publikum zusammen. Gleichwohl verlagern Hutkonzerte das finanzielle Risiko letztlich auf die Musiker – und verringern womöglich den Appetit auf andere, zahlungspflichtige Veranstaltungen. Zumindest die Situation der Clubkonzerte mit Eintrittspreisen zwischen 10 und 20 Euro und 50 und 500 Zusehern ist in Stuttgart im Wandel. So richtig funktionieren sie neben löblichen Ausnahmen wie dem Goldmark’s vor allem in öffentlich geförderten Einrichtungen wie dem Merlin, der Manufaktur Schorndorf oder der Esslinger Dieselstrasse.

Armin Sabol war von der breiten Diskussion seines Beitrags überrascht. Weil ihm vor allem ältere Kommentatoren zustimmten, vermutet er einen Generationenbruch. „Früher hast du den Spendenhut nur auf der Königstraße gesehen“, sagt Sabol, „es hat mich überrascht, wie normal bei jungen Musikern die Auf-Hut-Spielerei offensichtlich ist. Dass sie Angst haben, dass bei fixem Eintritt keiner kommt.“