Dodokay produziert einen Kinofilm Wenn Dr. Mabuse plötzlich schwäbisch schwätzt

Von Tom Hörner 

Mit schräg synchronisierten Videoclips wurde der Reutlinger Dominik „Dodokay“ Kuhn bekannt. Nun will er einen Spielfilm von Fritz Lang neu vertonen. Aber dafür muss er das Werk erst umschneiden.

Diese Version von „Dr. Mabuse“ mit Gert Fröbe (li.) und Wolfgang Preiss spielt eindeutig in der Gegenwart – und im Schwäbischen. Foto: Starpatrol Entertainment
Diese Version von „Dr. Mabuse“ mit Gert Fröbe (li.) und Wolfgang Preiss spielt eindeutig in der Gegenwart – und im Schwäbischen. Foto: Starpatrol Entertainment

Reutlingen - Das Treppenhaus wirkt düster an diesem regnerischen Morgen, aber die Kehrwoche scheint gemacht. Im Untergeschoss ein Fahrradladen, dann ein Sexshop, darüber das Büro der Produktionsfirma Schwabenlandfilm („Laible und Frisch“). Im dritten Stock des stolzen Backsteinbaus in Reutlingen sind wir am Ziel, hier residiert die Firma Starpatrol Entertainment, ein nicht ganz unbedeutendes Ein-Mann-Unternehmen, das aus dem Comedian und Synchronstar Dominik Kuhn besteht, auch bekannt als Dodokay.

Schade nur, dass der Paternoster nicht funktioniert. Es wäre das passende Transportmittel gewesen, um in diesen Tagen zu Dominik Kuhn („Die Welt auf Schwäbisch“) zu gelangen. Der arbeitet gerade an einer Kinoproduktion aus den sechziger Jahren. Kuhn hat wenig Zeit, ist zudem erkältet. Es sei das letzte Mal, sagt er, dass er in nächster Zeit einen Journalisten empfangen werde. Einzig die betagte Katzendame Wilma, die er bis zur Rückkehr eines Bekannten beherbergt, wird Kuhn in den nächsten Tagen und Nächten Gesellschaft leisten. Wilma stört nicht, sie zieht sich auf ihre Katzendecke zurück, auch wenn bis früh am Morgen noch Licht brennt.

Freifahrtschein für hunderte von Kinofilmen

Dominik Kuhn wirkt alles andere als gehetzt, wenn er sich in seinem Schreibtischstuhl zurücklehnt. Dass die Zeit drängt, erzählt er nur, weil es so ist. Prokrastination ist der Fachbegriff für eine Arbeitsweise, die gemeinhin als Störung gilt. „Ich weiß, dass ich längst weiter sein sollte, aber dann spitze ich Bleistifte, putze die Küche. Das bin wohl ich“, sagt er. Nervös sei er nicht, denn bisher sei er immer pünktlich fertig geworden.

Setzt es Kuhn, den Meister des medialen Schnellschusses, dessen schwäbisch-synchronisierte Witzvideos im Netz millionenfach geklickt werden, nicht unter Druck, dass er es nun mit einem abendfüllenden Kinofilm zu tun hat? Nein, meint er, die Idee trage er schon Jahrzehnte mit sich herum, Hunderte Kinofilme habe er angeschaut. So richtig ernst wird die Sache erst, seit er im vergangenen Sommer die Journalistin und Produzentin Alice Brauner kennengelernt hat, die Tochter von Artur Brauner, der am 1. August 100 wird und der unlängst wegen einer möglicherweise gewaltigen Steuerschuld in die Schlagzeilen geraten war.

Alice Brauner gab sich als Fan von Dominik Kuhn zu erkennen und sagte, der Filmemacher könne sich gern am Fundus ihrer Berliner Produktionsfirma CCC-Filmkunst bedienen. „Das war ein Freifahrtschein für mehrere Hundert Kinofilme“, sagt Kuhn.

Vom Original wird kaum etwas übrig bleiben

Aber nicht alles, was auf den ersten Blick passend erschien, konnte auch auf den zweiten Blick bestehen. Eine „Winnetou“-Verfilmung hätte Kuhn gereizt, „aber dann merkte ich, dass die minutenlang durch Jugoslawien reiten und kein Wort reden. Das kann ich für meine Zwecke vergessen.“ Schließlich fiel die Wahl auf den Schwarz-Weiß-Thriller „Die 1000 Augen des Dr. Mabuse“, 1960 gedreht von der Regielegende Fritz Lang und besetzt mit Schauspielgrößen wie Gert Fröbe und Peter van Eyck.

Lange hat Kuhn überlegt, ob er dem Bösewicht des Films seinen akademischen Grad rauben soll und aus Dr. Mabuse in der schwäbischen Persiflage „Dr Mabuse“ wird. Um sich nicht komplett vom Original zu verabschieden, hat Kuhn sich für „Die 1000 Glotzböbbel vom Dr. Mabuse“ entschieden. Sonst wird von der ursprünglichen Handlung kaum etwas übrig bleiben.

Sämtliche Darsteller sind tot – bis auf einen

Von Anfang an war Kuhn klar, dass es nicht langen wird, den Protagonisten schräge schwäbische Sprüche in den Mund zu legen. Viele Szenen seien aus heutiger Sicht viel zu lang. „Ich muss den Film komplett umschneiden“, sagt Dominik Kuhn. Auf was es genau hinauslaufen wird, weiß der Regisseur selbst noch nicht. Von den ursprünglich 104 Minuten werden im besten Fall 90 Minuten übrig bleiben. Genau wie bei seinen Videos arbeitet Kuhn ohne Drehbuch. Nur eines ist jetzt schon sicher: Am 7. Juli ist auf der Hohenzollernburg in Hechingen Preview von „Die 1000 Glotzböbbel vom Dr. Mabuse“, danach läuft der Streifen auf Open-Air-Veranstaltungen, im Herbst soll er in die Kinos kommen, auch nach Stuttgart – und damit zu seinen Anfängen zurückkehren: Das Original wurde am 14. September 1960 im Gloria-Palast uraufgeführt.

Neulich ist Dominik Kuhn aufgefallen, dass sämtliche Darsteller des Films tot sind, bis auf Wolfgang Völz, der einen Barkeeper gibt. Stunden später hörte er im Radio, dass der Schauspieler und Synchronsprecher in Berlin im Alter von 87 Jahren gestorben sei. Wer ganz genau hinschaut, wird in der Rolle eines Reporters einen Überlebenden entdecken: Es ist der Komiker Dieter Hallervorden. Vorausgesetzt, der fällt Dominik Kuhns Schnitt nicht zum Opfer.




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