Drogenberatung Release in Stuttgart In der Streetworkertasche steckt ein ganzer Kiosk

Zwei Überwachungskameras (eine oben rechts) in der U-Bahn-Station Rotebühlplatz sind übrig. In der Mitte: Rolf Berger mit der   großen Streetworkertasche. Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Zwei Überwachungskameras (eine oben rechts) in der U-Bahn-Station Rotebühlplatz sind übrig. In der Mitte: Rolf Berger mit der großen Streetworkertasche. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Die grüne Tasche ist das Markenzeichen der Streetworker von Release: Seit 20 Jahren leisten sie mit deren Inhalt praktische Hilfe an den Treffpunkten der Drogenkonsumenten.

Lokales: Sybille Neth (sne)
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Stuttgart - Manches ist noch genauso wie vor 50 Jahren: „Der Charlottenplatz ist heute so hässlich wie damals“, sagt Ulrich Binder. Hier begann er vor 42 Jahren als Streetworkpraktikant bei Release und ist heute selbst ein Stück Geschichte der Drogenberatungs- und Hilfestelle. Nicht nur als späterer Geschäftsführer, sondern auch als Gründer der Benefizaktion „Release und Kunst“. Ebenfalls ein Mann der ersten Stunde ist Michael Lohmüller – wie Binder ist er im Ruhestand, aber mit dem 1971 gegründeten Verein weiter verbunden. Zusammen mit den Sozialpädagogen Rolf Berger, Faruk Özkan und Release-Geschäftsführer Bernd Klenk führten sie anlässlich des 50-jährigen Jubiläums zu den früheren Hotspots und berichteten von den Veränderungen in der Szene und Drogenpolitik der Landespolitik.

Tabak und Süßigkeiten

Trotz schwieriger Bedingungen für die Arbeit mit Suchtkranken während 20 Jahren CDU-Alleinregierung von 1972 bis 1992 entwickelten sich die Aktivitäten von Release rasant: Im Gründungsjahr 1971 bezog der Verein Räume an der Neckarstraße, und von 1974 an besuchten die Mitarbeiter, darunter Michael Lohmüller, täglich die Treffpunkte. Damals war der Hauptumschlagplatz die Stadtbahnhaltestelle Charlottenplatz: „Wir hatten Tabak und Süßigkeiten dabei, um mit den Leuten in Kontakt zu kommen“, berichtet Binder. „Es war eine reine Heroinszene.“ Ein Phänomen, das es nicht mehr gibt, erklärt Berger: Die Szene konsumiert heute Heroin, Medikamente und Alkohol.

Vor allem die 1972 eingerichtete Teestube brachte Release Neueinsteiger, und 1980 genehmigte der Gemeinderat zwei neue Streetworkstellen. Zugleich bekamen alle Drogenabhängigen Hausverbot in den Stuttgarter Jugendhäusern. Die Szene verlagerte sich auf die Eberhardstraße und in die Diskotheken. Klubs und Festivals sind heute ein besonders wichtiges Wirkungsfeld von Release: 50 Ehrenamtliche sind dort regelmäßig mit Informationsmaterial unterwegs.

Konkrete Hilfe am Hotspot

Merkmal der Streetworker ist die grüne Tasche. „Vor 25 Jahren haben wir sie gekauft“, sagt Berger. Spritzen und Nadeln, Alkoholtupfer, steriles Wasser, Vitaminpulver, eine Erste-Hilfe-Ausrüstung, Visitenkarten und Telefonkarten haben sie dabei. Kondome werden kaum noch verlangt, denn dank der 1995 eingeführten Substitutionstherapie prostituieren sich drogenabhängige Frauen kaum noch, so Berger. Die Substitution war ein Meilenstein in der Drogenpolitik, denn sie änderte die Sichtweise: Statt als Kriminelle werden Drogenabhängige heute primär als Suchtkranke betrachtet.

Mit dem Auftauchen von Aids, wollte Release in den 80er Jahren saubere Spritzen an die Drogenabhängigen verteilen. Die damalige Landesregierung verbot es. In den 90er Jahren wurde die Politik durch die große Koalition im Stuttgarter Landtag deutlich liberaler. Zeitgleich änderte Release seine Strategie: „Wir haben die Politiker eingeladen, um ihnen zu zeigen, was das für Menschen sind“, erzählt Binder. Dennoch entstand an der Stelle des Kunstmuseums eine mobile Polizeistation. Dort wurden die Konsumenten, die sich am Pusteblumenbrunnen trafen, zur Durchsuchung gebracht.

„140 000 Mark hat der Posten gekostet, nach zwei Monaten war er wieder weg“, erinnert sich Lohmüller. Ein Umschlagplatz wurde später die Tiefgarage des Firnhaberbaus. Doch das Gebäude ging am 22. Juni 1992 durch Brandstiftung in Flammen auf. Die Szene zog weiter zur Haltestelle Rotebühlplatz, wo sie mit fünf Kameras überwacht wurden. Zwei hängen als verstaubte Relikte noch an der Decke.

Mahlzeit unter der Paulinenbrücke

Etwa 2004 wurde der Bereich unter der Paulinenbrücke zum Hotspot. Das blieb er neben der Marienstraße und der Elisabethenanlage im Westen bis heute. Anwohner und Ladenbesitzer beklagten sich bitter über die Zustände: Allein 2004 gab es an der „Pauli“ 1000 Polizeieinsätze, weiß Lohmüller. Der Gemeinderat beschloss einen Fünfpunkteplan, um den Ort unattraktiv zu machen. So musste beispielsweise die Tankstelle weichen. Vor allem jedoch die Veranstaltungen zur Belebung des Areals durch die Initiative Stadtlücken in den Jahren 2018/19 brachten positive Auswirkungen. „Als diese Aktionen vorbei waren, kam die Szene zurück“, berichtet Özkan. Geblieben ist die tägliche Essensausgabe, die von drei ehemaligen Drogenabhängigen initiiert wurde.

Ein besonderer Ort ist der erste Kastanienbaum an der Planie. 2009 unter Regie von Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle gepflanzt, erinnert eine Plakette am Boden an die Drogentoten. Am 21. Juli ist der bundesweite Gedenktag. Um 12 Uhr wird an der Leonhardskirche ihrer gedacht.




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