Durchgangsbahnhof Bäume fallen für Stuttgart 21

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Im Sommer 2016 wird der Zugang zur Haltestelle Staatsgalerie aus dem Schlossgarten gesperrt. Die Bahn will in diesem Abschnitt die Arbeiten für Stuttgart 21 forcieren – und auch wieder Bäume fällen.

Der Zugang zur Haltestelle Staatsgalerie wird verlegt. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Der Zugang zur Haltestelle Staatsgalerie wird verlegt. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Die Bahn kündigt an, die Bautätigkeit für Stuttgart 21 im Bereich rund um das Planetarium und die Willy-Brandt-Straße in den kommenden Monaten auszuweiten. Dort stehen komplexe Arbeiten an. Zum einen muss ein Abwasserkanal tiefer gelegt werden, Bahnhofstrog und Stadtbahntunnel queren sich mit nur wenig Abstand, ein neuer Halt für die Stadtbahn entsteht und die Straßenunterführung des Gebhard-Müller-Platzes soll verlängert werden. Diese Baustellen haben Auswirkungen auf die Fahrgäste des Nahverkehrs, auf Autofahrer und die Bewohner des Kernerviertels.

Lärmschutz
Die Anwohner des Kernerviertels bemängeln immer wieder, dass sie durch die Bauarbeiten massivem Lärm ausgesetzt sind. Dem versucht die Bahn vor der Ausweitung der Arbeiten mit Lärmschutzmaßnahmen zu begegnen. So wird die Baustellenfläche am Wagenburgtunnel komplett überdacht, an der Baugrube im Bereich der Sängerstraße entsteht eine bis zu zehn Meter hohe Lärmschutzwand. „Das bringt eine signifikante Pegelminimierung“, sagt Florian Bitzer von der DB-Projektgesellschaft Stuttgart-Ulm. Wie stark der Lärm tatsächlich sinkt, soll ein neues Gutachten nachweisen, das die Bahn am 20. Oktober im gemeinderätlichen Umwelt- und Technikausschuss vorlegt. Schon jetzt ist aber klar: Die Zahl der Hausbesitzer, die Anrecht auf Lärmschutzfenster haben, steigt nochmals. Nach bisherigem Stand betrifft das 60 Gebäude, diese Zahl könnte bis auf 100 ansteigen. Für den Einbau der Fenster, die Baustellenüberdachung und die Lärmschutzwand gibt die Bahn rund neun Millionen Euro aus. Sie verweist gleichzeitig darauf, dass eine genaue Bewertung der Lärmbelastung diffizil sei und führt als Beispiel die immer wieder aufbrandende Diskussion um den vom Wasen ausgehenden Lärm an.

Stadtbahn
Die bestehende Haltestelle Staatsgalerie ist dem Trog für Stuttgart 21 im Weg. Deswegen wird der Halt komplett neu gebaut. Aus der unterirdischen Haltestelle wird eine, die zum Park hin geöffnet ist. Bis es soweit ist, müssen sich Fahrgäste allerdings auf Umwege einstellen. Derzeit wird ein neuer Zugang zum SSB-Halt von der Sängerstraße aus gebaut. Ist der fertig, wird der bisherige Zugang in Spindelform abgerissen. Um Platz zu schaffen, wird zudem auch die ehemalige Kneipe „Super Popular Sanchez“ (vormals Alte Münze) abgerissen. Für einen Zeitraum von zwei Wochen ist vom Planetarium aus kein Durchkommen zur Sängerstraße. Von Sommer 2016 an ist auch der Zugang zur Haltestelle vom Mittleren Schlossgarten aus Geschichte. Wie die Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) den Stadtbahnverkehr organisieren, wenn die Verbindung zwischen Staatsgalerie und Charlottenplatz unterbrochen wird, will das Nahverkehrsunternehmen den Stuttgarter Stadträten ebenfalls am 20. Oktober erläutern.

Straßenverkehr
Um die bisherigen Stadtbahntunnel mit der neuen Haltestelle zu verknüpfen, öffnen die Bahn und SSB eine große Baugrube vor dem Königin-Katharina-Stift. Die bisher an dieser Stelle verlaufende Schillerstraße wird vorübergehend in den Mittleren Schlossgarten verlegt. Es blieben alle Fahrspuren erhalten, beteuert die Bahn, die an dieser Stelle auch an der Tieferlegung des Nesenbachabwasserkanals arbeitet. Allerdings müssen noch im Oktober rund 20 Bäume und einiges Buschwerk auf dem Mittelstreifen der Schillerstraße gerodet werden. Ist die bis zu neun Meter breite und 200 Meter lange Verkehrsinsel von der Vegetation befreit, wird sie von Mitte Oktober an in mehreren Nachtschichten abgerissen. Auch am Königin-Katharina-Stift selbst müssen entlang der Konrad-Adenauer-Straße sechs Bäume fallen. Die neue Verkehrsführung soll im Frühjahr 2016 fertig sein und dann anderthalb Jahre Bestand haben. Tunnelbau
Unter dem Kernerviertel arbeitet die Bahn gerade an einem Tunnelabschnitt, in dem sich die Röhren ins Neckartal von jenen auf die Filder trennen. Ist dieses sogenannte Verzweigungsbauwerk fertig, beginnt die Bahn mit dem Tunnelbau Richtung Obertürkheim. Auch ein kurzes Stück Richtung Filder wird von der City aus gebaut. Dann kommt auch das Förderband zum Einsatz, das Erde und Steine aus der Baustelle in Richtung Logistikstraßennetz transportieren soll. Im Juli 2014 aufgestellt, ist die Förderanlage bisher nicht über einige Probeläufe hinaus gekommen. Um den Tunnelbau in Richtung Durchgangsbahnhof vorzubereiten, installiert die Bahn in den darüberliegenden Gebäuden Messinstrumente. Da zwischen der Tunneloberkante und den Kellergeschossen der Häuser nur wenig Platz ist – teilweise sind es nur acht Meter – geht die Bahn davon aus, dass sich Gebäude im Millimeterbereich setzen können. Um diese zu registrieren, werden in den Häusern sogenannte Schlauchwaagen angebracht. Ins Erdreich gepresster Beton soll die Setzungen wieder ausgleichen. Anwohnerinformation Am Mittwochabend hat die städtische Bürgerbeauftragte für Stuttgart 21, Alice Kaiser, zusammen mit Vertretern von Bahn, SSB und Tiefbauamt Anwohner des Kernerviertels im großen Sitzungssaal des Rathauses über die anstehenden Arbeiten informiert. Anlieger zeigten sich besorgt, dass Baugruben die ohnehin schon angespannte Parkplatzsituation im Viertel weiter verschärfen könnten. Einige Fragen zielten auf die bereits vorhandene und auch auf die vorhersehbar weiter steigende Lärmbelastung im Kernerviertel ab. Zumindest für den Bereich des Durchgangsbahnhofs versprach Abschnittsleiter Michael Pradel, dass weder an Sonn- noch Feiertagen oder zu Nachtstunden gearbeitet wird. Auch das besonders laute Einrammen der Gründungspfähle solle nur tagsüber stattfinden.