Eigene Ausbildung für Gymnasiallehrer SPD lehnt Einheitslehrer ab

Wer an Gymnasien unterrichtet, soll nach dem Willen Schmiedels eine eigene Ausbildung bekommen. Foto: dpa-Zentralbild
Wer an Gymnasien unterrichtet, soll nach dem Willen Schmiedels eine eigene Ausbildung bekommen. Foto: dpa-Zentralbild

Die Experten hatten im März mit ihrem Vorschlag Furore gemacht, alle Lehrer im Land einheitlich auszubilden. Claus Schmiedel, Fraktionschef der SPD, prescht vor und spricht sich für spezielle Gymnasiallehrer aus. Das trägt ihm Beifall der Opposition ein.

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Stuttgart - Der Chef der SPD-Fraktion, Claus Schmiedel, prescht vor. Die SPD, sagt Schmiedel, wolle an der gesonderten Ausbildung von Gymnasiallehrern festhalten. Damit setzt sich Schmiedel über das Votum der Expertenkommission hinweg, die im Auftrag der Landesregierung Vorschläge zur Neuordnung der Lehrerbildung präsentiert hatte. Die Fachleute hatten sich für eine einheitliche Ausbildung aller Lehrer ausgesprochen. Einzige Ausnahme sollten die Grundschullehrer sein.

Schmiedel erklärt nun, eine Lehrbefähigung für die Oberstufe (die Sekundarstufe II) erfordere eine andere Grundlage als für die Sekundarstufe I (bis zur Mittleren Reife). „Die Sekundarstufe II führt zum Studium, die Sekundarstufe I führt überwiegend zur beruflichen Ausbildung. Das macht einen Unterschied“, erläuterte Schmiedel. Gedacht ist dabei vor allem an die fachlichen Grundlagen der einzelnen Fächer.

Es bleibt nicht alles, wie es ist

„Das heißt aber nicht, dass alles bleibt wie es ist“, ergänzte der Fraktionschef. „Wir müssen den Praxisanteil erhöhen und wir müssen für die Lehrbefähigung der Sekundarstufe II die Fachdidaktik und die Pädagogik ausbauen“. Darüber sei im weiteren Feinschliff noch zu reden. die Ausbildung könne bis zum sechsten Semester gleich sein, dann könnten sich die Wege in Sekundarstufe I und II trennen. Das müsse aber noch mit Fachleuten diskutiert werden. Schmiedel erklärte, die Fachpolitiker seiner Fraktion seien sich im Grundsatz einig. Gespräche mit dem grünen Koalitionspartner stünden noch aus.

Der zeigt sich vom Vorstoß Schmiedels einigermaßen überrascht. „Wichtige bildungspolitische Themen diskutieren wir nicht in der Pfingstpause des Landtags“, merkt Daniel Lede Abal schmallippig an. Man sei in der Fraktion noch mitten in der Diskussion. „Es gibt durchaus noch Klärungsbedarf, wie die Reform der Lehrerbildung konkret umgesetzt werden kann“, sagte Lede Abal, der im Wissenschaftsbereich für die Lehrerbildung zuständig ist.

Bachelor und Master wohl unstrittig

Man muss „sauber durchdiskutieren, welchen Lehrertypus man an den Schulen haben will“, erklärte Lede-Abal gegenüber der StZ. Nach dem jetzigen Stand der Diskussionen erscheine es aber als unstrittig, dass die Lehrämter vom Staatsexamen auf die Bachelor-/Masterstruktur umgestellt werden. Konsens bestehe auch weitgehend darin, dass Gymnasiallehrer mehr fachdidaktische Ausbildungsanteile bekommen sollten. Andererseits sollten in den bisherigen Studiengängen der Pädagogischen Hochschulen, die ins Lehramt für Grund-, Haupt- und Realschulen münden, die Fachdisziplinen gestärkt werden.

Das Problem sei, alle Anforderungen in eine Studienordnung zu gießen. Dennoch sieht Lede Abal in der Reform der Studiengänge „eine große Chance, die Arbeit von Pädagogischen Hochschulen und Universitäten enger zu verzahnen und einen gemeinsamen Rahmen für die Lehrerbildung an weiterführenden Schulen zu schaffen“.

Opposition erfreut über Zurückrudern

Der CDU-Bildungsexperte Georg Wacker sagte über Schmiedels Vorstoß, „das ist ein erster kleiner Schritt in die richtige Richtung, reicht aber bei weitem nicht aus“. Das Gymnasium fange nicht in der Oberstufe, sondern in der fünften Klasse an. Schmiedel zufolge sollen Pädagogen mit der Lehrbefähigung für die Sekundarstufe II wie bisher auch die Unterstufe unterrichten können. Die FDP wertet Schmiedels Aktion als Zurückrudern. Es habe sich ausgezahlt, dass die Opposition und Verbände „gegen diesen ideologischen Unfug Front gemacht haben“, ätzt Hans-Ulrich Rülke, der Faktionschef der FDP.

Für Bernd Saur, den Vorsitzenden des Philologenverbands, ist Schmiedels Äußerungen eine schöne Überraschung. „Das ist für die Qualität des Gymnasiums ganz entscheidend“, sagte Saur der Nachrichtenagentur dpa. Eine gesonderte Ausbildung sei konsequent, wenn die Regierung an der Zweigliedrigkeit des Schulsystems festhalten wolle. Diese sieht in einer Säule das Gymnasium, in der zweiten die anderen weiterführenden Schularten vor. Schmiedel will auch an der gesonderten Ausbildung von Sonderschullehrern festhalten.

Expertenkommission

Das Wissenschafts- und das Kultusministerium hatten vor gut einem Jahr eine Expertenkommission zur Neuordnung der Lehrerbildung eingesetzt. Das Gremium unter Vorsitz der ehemaligen Berliner Schulsenatorin, Sybille Volkholz (Grüne), sollte ausloten, wie die Lehrerausbildung etwa der individuellen Förderung oder der Teilhabe behinderter Schüler gerecht werden kann. Die elf Experten – darunter der Bildungsforscher Jürgen Baumert und der Schweizer Gemeinschaftsschulpionier Peter Fratton – waren beauftragt herauszufinden, wie Universitäten und Pädagogische Hochschulen stärker miteinander kooperieren können und wie das Lehramtsstudium künftig auf Bachelor- und Master-Studiengänge umgestellt werden kann.

Die Fachleute waren auch gefragt, Modelle einer neuen Stufenstruktur des Studiums vorzulegen; diese sollte sich nach dem Alter der Schüler ausrichten und nicht mehr an den Schularten. Bisher werden Sonder-, Grund-, Haupt/Werkrealschul- und Realschullehrer an Pädagogischen Hochschulen ausgebildet. Die Gymnasiallehrer studieren an den Universitäten. Die Kommission hat ihre Vorschläge im März vorgelegt. Das Kabinett soll sich noch vor der Sommerpause damit befassen.

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