Stuttgart - Die vergangene Saison der National Hockey League (NHL) war die Krönung für Leon Draisaitl – der Eishockey-Profi der Edmonton Oilers war bester Scorer und wurde zum wertvollsten Spieler der Runde gewählt. Dem gebürtigen Kölner sind diese wichtigen Titel aber nicht zu Kopf gestiegen – ganz im Gegenteil.
Herr Draisaitl, in Tagen von Corona ist es mehr als eine Floskel, wenn man fragt: Wie geht es Ihnen?
Ich fühle mich gut, wir befinden uns mit dem Team bereits seit einigen Wochen im täglichen Training. Das macht mir sehr viel Spaß, und so ganz allmählich könnte es mit der Liga endlich losgehen.
Der Start der NHL ist für Anfang Januar geplant.
Ja, das schon, aber ich bin mir da nicht ganz sicher, dass der Plan aufgehen wird.
Weil Corona dem Sport immer wieder einen dicken Strich durch die schönen Rechnungen macht? Wie ist die Situation bei Ihnen in Edmonton in Nordwesten Kanadas?
Bei uns herrscht zwar auch die Pandemie, aber die Situation ist vergleichsweise normal und entspannt. Es gibt selbstverständlich verschiedene Regeln zur Hygiene und zu all den anderen Dingen, aber die Geschäfte haben wie sonst auch geöffnet, das öffentliche Leben geht seinen normalen Gang.
Das heißt, Sie leben nicht in einer Blase der Edmonton Oilers?
Nein. Wir bewegen uns ganz normal bei dem, was wir tun. Klar, es gibt Regeln, die wir strikt befolgen müssen, aber wir leben in keiner Blase.
Haben Sie keine Angst vor einer Ansteckung, eine Infektion könnte negative Folgen für Ihre Leistungsfähigkeit als Profi-Sportler haben?
Natürlich bin ich vorsichtig, ich halte mich von unbekannten Kontakten fern und vermeide alles Unnötige – aber wirklich Angst habe ich nicht, wenn ich mich außerhalb der Wohnung bewege. Ich halte mich strikt an alle Regeln.
In Deutschland startet die DEL, an diesem Donnerstag geht es los mit dem Klassiker Kölner Haie gegen Düsseldorfer EG.
Ich verfolge das Geschehen in Deutschland natürlich schon auch von hier aus und wünsche den Jungs, dass es mit der Runde klappt, dass alle spielen können und sie gesund bleiben. Ich verfolge die DEL recht intensiv, weil dort auch viele meiner besten Freunde spielen, keine Frage. Aber ich hoffe, Sie wollen jetzt keine Einschätzung von mir, die könnte ich Ihnen nämlich nicht geben.
Zu Ihrem Ex-Club, den Kölner Haien, haben Sie aber noch einen guten Kontakt, oder?
Klar, ich war im Sommer dort und hab da ein wenig mittrainiert. Ich bin im Sommer eigentlich regelmäßig in meiner alten Heimat, treffe meine Familie und Freunde.
Apropos Haie. Sie haben Fotos vom Angeln gepostet. Sind Sie unter die Angler gegangen?
Stimmt, ich bin im Sommer ein paarmal angeln gewesen, das war sehr entspannend und hat auch wirklich Spaß gemacht – doch es ist nicht so weit gekommen, dass ich Angeln nun als mein Hobby bezeichnen würde.
Aber auf Instagram sind Sie sehr aktiv.
Ja klar, warum auch nicht? Ich unternehme in meiner Freizeit viel mit Freunden und mit meiner Partnerin. Wissen Sie, wir haben einen kleinen Hund, der hat sogar einen eigenen Account auf Instagram.
Hab ich gesehen. Bowie, so heißt er doch, hat 2100 Follower, noch haben Sie mit knapp 190 000 aber mehr Fans.
(Lacht) Noch, das stimmt. Aber wenn es so weitergeht, ist das nicht mehr lange der Fall, dann hat Bowie bestimmt bald mehr Follower als ich.
Wenn in der DEL und bald auch in der NHL die Spiele beginnen, wird das nicht so sein wie früher. Es sind keine Fans in den Arenen – im Eishockey eigentlich undenkbar.
Ja, wir hatten das ja schon in den Play-offs der vergangenen Saison, dass wir vor leeren Tribünen auf dem Eis waren. Das ist schon komisch, ganz anders, als man es seit Jahren gewohnt war – aber trotzdem muss jeder seine Leistung bringen.
Fehlt da nicht manchmal der letzte Push, wenn keine Fans da sind, die Rabatz machen?
Natürlich kriegt man die Stimmung sonst richtig mit, aber ich finde, ein Profi-Sportler sollte sich auch selbst motivieren können, wenn von außen nichts kommt. Das darf man schon erwarten.
Wenn Sie nun als MVP der vergangenen Saison in die Runde starten, fühlt sich das für Sie anders an?
Nein, dadurch verändert sich für mich ja nichts. Ich versuche, jedes Spiel mein Bestes zu geben, das mache ich aber schon, seit ich ein kleines Kind war. Das wird sich auch nicht ändern. Ich werde, so gut ich nur kann, probieren, der Mannschaft zu helfen, um so viele Spiele wie möglich zu gewinnen.
Aber Ihr Stellenwert im Team dürfte sich erneut erhöht haben. MVP ist ein so besonderer Titel – außerdem sind Sie der erste deutsche Eishockey-Profi, der ihn verliehen bekommen hat.
Klar, aber meine Mitspieler sind im Grunde meine besten Freunde, die behandeln mich doch deswegen nicht plötzlich anders oder gehen anders mit mir um. Für mich ist das so normal, dass ich gar nicht weiß, was ich darauf antworten soll. Die Verbindung mit meinen Jungs wird so bleiben, ganz egal was man persönlich erreicht oder was man nicht erreicht. Wir sind eine Mannschaft, und wir probieren gemeinsam, ein Spiel zu gewinnen.
Nehmen einen die Gegner dann härter ran, weil sie gegen einen Star besonders gut aussehen wollen?
Das hat mit dem Titel MVP doch gar nichts zu tun. Klar, es ist normal in jeder Sportart, dass ein besserer Spieler mehr Aufmerksamkeit durch den jeweiligen Gegner erhält.
Sie gehen mit dieser Ehre erstaunlich nüchtern um.
Natürlich hat mich das riesig gefreut, zum wertvollsten Spieler gewählt zu werden und die Art-Ross-Trophy des erfolgreichsten Scorers der Saison zu bekommen. Da bin ich sehr, sehr stolz drauf, und natürlich ist das was Besonderes für mich. Aber ich bin nur ein Teil in einem Mannschaftssport, es geht darum, Meisterschaften zu gewinnen und nicht eigene Trophäen zu sammeln. Ich habe noch viel vor in meiner Karriere.
Wie den Stanley-Cup zu gewinnen. Was dürfen wir den Edmonton Oilers denn nächstes Jahr zutrauen?
Na ja, es ist wahrscheinlich noch ein bisschen zu früh, um das ernsthaft abwägen zu können. Wir hatten in der Vorbereitung einige gute Testspiele, wir haben uns, zumindest auf dem Papier, wirklich gut verstärkt – jetzt hoffen wir, dass wir diese Qualität gut aufs Eis bringen können.
In den Drafts wurden drei deutsche Talente von NHL-Clubs verpflichtet, es entsteht so eine kleine deutsche Gemeinde innerhalb der Liga.
Das zeigt, dass sich das Eishockey in Deutschland in die richtige Richtung entwickelt, vor allem die Talentförderung. Ich habe auch das Gefühl, Eishockey hat in Deutschland einen besseren Stellenwert als noch vor Jahren. Aber ich finde auch, dass da natürlich noch Luft nach oben besteht.
Wird auch ein Leon Draisaitl wieder fürs deutsche Nationalteam aufs Eis fahren?
Ich stehe grundsätzlich immer bereit fürs Nationalteam. Aber im Moment ist noch so vieles unklar: Wird die WM 2021 stattfinden? Wenn ja, an welchem exakten Termin? Da müssen wir abwarten, wie die Dinge laufen. Natürlich hängt vieles auch von meinem Club ab wegen der Freigabe – denn meine Priorität sind die Oilers.