Energieversorgung Betreiber von Atomkraftwerken zeigen sich gesprächsbereit

Isar 2 bei Landshut ist das letzte aktive Atomkraftwerk in Bayern. Foto: imago /Peter Widmann Foto:  

Bei der Energieversorgung soll die Abhängigkeit von Russland reduziert werden. EnBW und andere AKW-Betreiber bieten ihre Hilfe an.

Stuttgart/Brüssel - Die Versorgungssicherheit in der Europäischen Union stand im Mittelpunkt eines Krisentreffens der EU-Energieminister. „In Deutschland haben wir in der Vergangenheit zu sehr auf Russland gesetzt“, sagt Wirtschaftsminister Robert Habeck. Bei dem Treffen soll es auch um die weitere Versorgung der Ukraine mit Energie gehen. Doch wie will man sich von Russland unabhängiger machen? Wie kann die Gasversorgung gesichert werden? Und soll Deutschland vorübergehend länger als geplant auf Kohle und Kernkraft setzen? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

 

Welche Bedeutung hat Russland für die deutsche Energieversorgung?

Deutschland hängt an Öl-, Gas- und Kohlelieferungen aus Russland – 42 Prozent des Rohöls, 55 Prozent des Gases und mehr als ein Drittel der Kohle kommen aus Putins Riesenreich. Sollte Nord Stream 2 tatsächlich einmal in Betrieb gehen, würde die Abhängigkeit von russischem Gas gar auf deutlich mehr als 60 Prozent steigen, befürchtet Claudia Kemfert, Energieexpertin beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Während es nach Angaben des DIW bei Öl und Kohle keine Knappheiten gibt, da viele Lieferländer in Frage kämen, sei die Lage bei Gas deutlich schwieriger. Denn Deutschland setzt auf Pipelinegas – das macht den Wechsel der Lieferanten so schwierig.

Gibt es eine Renaissance der Atomkraft in Deutschland? Werden die Laufzeiten der drei noch arbeitenden AKW verlängert?

In Deutschland sind derzeit noch die Kernkraftwerke Neckarwestheim 2, Isar 2 und Emsland maximal bis zum Jahresende in Betrieb. Eine konkrete Verlängerung ist bis jetzt nicht in Sicht. „Uns liegen keine konkreten Anfragen vor“, heißt es bei dem baden-württembergischen Energiekonzern EnBW, der das AKW Neckarwestheim 2 betreibt. Gesprächsbereit ist EnBW jedenfalls: „Sollte es in den weiteren Entwicklungen als Folge des Kriegs in der Ukraine erforderlich sein, Maßnahmen zu prüfen, die für die Versorgungssicherheit unumgänglich sind und von diesem Pfad abweichen, werden wir mit unserer Erfahrung und unserem Know-how selbstverständlich beratend zur Seite stehen und mithelfen, alle Möglichkeiten technologieoffen auszuloten“, heißt es. Auch Eon schließt laut „Handelsblatt“ grundsätzlich nichts aus: „In dieser Ausnahmesituation sind wir bereit, darüber zu sprechen, unter welchen technischen, organisatorischen und regulatorischen Randbedingungen eine verlängerte Nutzung des Kernkraftwerks Isar 2 möglich wäre, sofern dies seitens der Bundesregierung ausdrücklich gewünscht ist“, heißt es.

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Hat die EnBW ein eigenes Interesse an einer AKW-Verlängerung?

Die EnBW macht auf Anfrage bei jeder Frage klar, dass der Konzern zumindest von sich aus keine Verlängerung in Erwägung zieht. Man stehe „uneingeschränkt zum beschlossenen Ausstieg Deutschlands aus der Nutzung der Kernenergie“ und betreibe den Ausbau der erneuerbaren Energien massiv voran, heißt es. Der Energieversorger verweist ausdrücklich auf das geltende Gesetz, das für Ende dieses Jahres einen Weiterbetrieb von Kernkraftwerken in Deutschland ausschließt. Dazu passen auch die Aussagen von Wirtschaftsminister Habeck. Auf die Nachfrage, ob Deutschland erwäge, den Ausstieg aus der Kernenergie zu verschieben, erklärte er: „Deutschland hat sich entschieden, die Atomkraft hinter sich zu lassen.“

Funktioniert ein Weiterbetrieb von Atomkraftwerken so ohne weiteres?

Die RWE teilt in Bezug auf das Kraftwerk in Emsland, das sie noch bis Jahresende betreibt, mit: „Ein Weiterbetrieb wäre – anders als etwa bei Kohlekraftwerken – ohne weiteres nicht machbar, dafür gibt es extrem hohe Hürden, sowohl technisch als auch genehmigungsrechtlich.“ Auch Habeck betont, dass die Betriebsgenehmigungen für Atomkraftwerke in Deutschland schlicht abgelaufen seien. Die AKW könnten nur unter höchsten Sicherheitsbedenken und möglicherweise mit noch nicht gesicherten Brennstoffzulieferungen weiter betrieben werden.

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Was plant Wirtschaftsminister Habeck um die Versorgung zu sichern?

Der Grünen-Politiker gibt einen Rat: Sparen könne jeder Einzelne indem er den Verbrauch reduziert und „keine Gasheizung mehr einbaut“. „Wir müssen aber auch radikale Maßnahmen ergreifen“, sagt er am Rande des EU-Krisentreffens. Dazu zähle auch den Bau von LNG-Terminals in Deutschland, wenn man nicht „weiter am Hahn von Gazprom“ hängen wolle. Flüssiggas (LNG) sei teurer, räumt er ein, aber dann müssten die Verbraucherpreise in diesem Fall kompensiert werden durch „sozial- oder finanzpolitische Maßnahmen“. Er hoffe auch auf Hilfe aus dem Hilfstopf der EU. Es würden bereits intensive Gespräche mit möglichen Lieferländern aus dem arabischen Raum geführt. Zudem plant Habeck den Aufbau einer nationalen Gasreserve, um auf mögliche Versorgungsengpässe im Winter reagieren zu können. Damit soll sichergestellt sein, dass die Gasspeicher immer ausreichend befüllt sind, wie aus Eckpunkten für ein Gesetz hervorgeht. Derzeit sind die Gasspeicher nicht sonderlich gut gefüllt. Der Füllstand liegt bei gerade 30 Prozent; vor einem Jahr waren es mehr als 40 Prozent. Trotz aller Probleme gibt die Politik vorerst Entwarnung: Die Versorgung der Kunden sei uneingeschränkt gewährleistet, heißt es beim baden-württembergischen Umweltministerium.

Was ist LNG?

LNG (Liquefied natural gas) ist Flüssigerdgas. Es wird unter Druck auf minus 161 Grad Celsius herunter gekühlt, flüssig per Schiff zum Terminal transportiert, „regasifiziert“ und dann in die Netze eingespeist – diese Arbeitsschritte verteuern das Gas. Bundeskanzler Olaf Scholz hat den Bau von zwei solcher Terminals angekündigt – und zwar in Brunsbüttel und Wilhelmshaven an der Nordsee. Andere europäische Länder setzen bereits auf Flüssiggas. Insgesamt gibt es 37 LNG-Terminals in Europa, davon 26 in der EU. Sie befinden sich unter anderem in Belgien, Niederlande, Frankreich, Spanien, und Polen. Auch wenn Deutschland keine eigenen LNG-Terminals habe, so könne es doch über die Niederlande etwa und über das europäische Gasnetz kurzfristig mit LNG beliefert werden, sagt eine Sprecherin des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Mit den LNG-Terminals Dunkerque, Gate und Zeebrugge bestünden direkte Infrastrukturverbindungen nach Deutschland. Es gibt wohl auch freie Kapazitäten. Große LNG-Exporteure sind Katar, Australien und die USA.

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