Die Regierung rechnet mit kräftig steigenden Strompreisen. Bundesumweltminister Altmaier erwartet im Herbst eine Erhöhung um bis zu fünf Prozent. Grund ist der starke Zubau von Solaranlagen, aber auch die Preispolitik der Versorger.

Politik/Baden-Württemberg : Bärbel Krauß (luß)

Berlin - Die Bundesregierung rechnet mit kräftig steigenden Strompreisen. Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) zitiert Experten, die im Herbst eine Erhöhung um fünf Prozent prognostizieren. „Ich hoffe, dass wir etwas darunter liegen können“, sagte Altmaier in einem Interview. Die Kosten der Energiewende lassen wachsende Besorgnis in der Regierung, bei Verbraucherverbänden und der Wirtschaft aufkommen. Unter anderem lässt der starke Zubau von Solaranlagen die Umlage für die Ökostromförderung in die Höhe schnellen. Wie hoch die Belastung ausfallen wird, ist umstritten. Festgelegt wird die neue Umlage im Oktober.

Als weiterer „Preistreiber“ wird kritisiert, dass die Energieversorger Möglichkeiten zur Preissenkung nicht an ihre Kunden weitergeben. Diesen Vorwurf hat am Freitag die Bundestagsfraktion der Grünen erhoben. Sie stützt sich dabei auf ein Gutachten des Energieexperten Gunnar Harms. Nach seiner Kalkulation würde der Strompreis aktuell um zwei Cent je Kilowattstunde niedriger liegen, wenn die Anbieter seit 2008 alle Möglichkeiten zur Preissenkung genutzt und die Vorteile an die Verbraucher weitergegeben hätten.

Die drohende Teuerung spielt beim Strompreisgipfel eine Rolle

Laut der Studie sind die Einkaufspreise der Stromverkäufer an der Börse 2011 je nach Marktsegment um zehn bis zwanzig Prozent gesunken. Allein in diesem Jahr hätten die privaten Haushalte etwa drei Milliarden Euro zu viel bezahlt, weil diese Vorteile nicht an die Endkunden weitergereicht worden seien. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft weist die Untersuchung als methodisch zweifelhaft zurück, weil bestimmte Komponenten der Strombeschaffung nicht berücksichtigt worden seien: „So kommen Beschaffungspreise von rund fünf Cent pro Kilowattstunde zustande, die in der Praxis für Stromvertriebsunternehmen nicht erreichbar sind.“

Während Umweltminister Altmaier in seinem Interview sagte, dass die rund 1100 Stromanbieter die Preise festsetzen, betonte der Verband, dass vor allem Steuern und Abgaben, die 45 Prozent des Strompreises ausmachen, die Bürger drückten.

Die drohende Teuerung spielt auch beim Strompreisgipfel im Kanzleramt am kommenden Dienstag eine Rolle. Auf Einladung von Kanzleramtsminister Ronald Pofalla (CDU) treffen die Sozialverbände mit den Fachministern Altmaier (Umwelt) und FDP-Mann Philipp Rösler (Wirtschaft) zusammen, um die Energiewende zu erörtern. Die Linken werfen Altmaier wegen seiner Besorgnis über den Preisanstieg „blanke Heuchelei“ vor. Bärbel Höhn, Vizefraktionschefin der Grünen, sieht die Verbraucher „von Stromanbietern und Politik gleichzeitig in die Zange genommen“ und rät den Verbrauchern zum Wechsel des Stromanbieters. Laut Branchenangaben haben 2011 rund 26 Prozent der Stromkunden diese Chance genutzt.