InterviewEntwicklungshilfe in der Corona-Krise „Sie hatten bisher gar nichts, da fehlte es bis hin zu den Handschuhen“

Von Sebastian Xanke 

Auch Tansania ist von den Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie betroffen. Um während der Krise zu überleben, brauchen Krankenhäuser, Schulen und Jugendliche dort finanzielle Unterstützung. Gerhard Haag, Ex-Bürgermeister aus Filderstadt, spricht über die Situation in dem Land.

Gerhard Haas besucht regelmäßig Hilfsprojekte in Tansania. Foto: privat
Gerhard Haas besucht regelmäßig Hilfsprojekte in Tansania. Foto: privat

Stuttgart - Gerhard Haag, ehemaliger Bürgermeister von Leinfelden-Echterdingen, ist seit mehr als zehn Jahren ehrenamtlich in der Entwicklungszusammenarbeit in Tansania tätig. Der 70-Jährige unterstützt mehrere Berufsschulen, Krankenhäuser und Gymnasien in der Region. Eng arbeitet er dabei mit der Evangelischen Kirchengemeinde Leinfelden zusammen. Regelmäßig fliegt Haag nach Tansania, zuletzt von Ende Februar bis Mitte März dieses Jahres. Zufällig kurz vor den massiven internationalen Reiseeinschränkungen wegen des Coronavirus kam er zurück nach Deutschland.

Herr Haag, Sie waren bis kurz vor Beginn der weltweiten Pandemie in Tansania. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Die Lage in Tansania war völlig ruhig. Ich habe dort schnell gehört, dass die Deutschen verrückt spielen – mit dem Absagen von Terminen und den Beschränkungsmaßnahmen. Ich habe das nicht ernst genommen. Man wusste zwar aus Deutschland etwas über einen unbekannten Virus. Aber von einer Bedrohungssituation war bei meiner Ausreise keine Spur. Auch in Tansania war nichts erkennbar. So flogen wir am 8. März heim und staunten nicht schlecht, was da in Deutschland abging.

Und wie hat sich die Lage in Tansania entwickelt?

Der tansanische Präsident hat zu Beginn der Pandemie alle Schulen geschlossen und den öffentlichen Verkehr dicht gemacht. Ansonsten geht das Land einen anderen Weg als Deutschland. Denn bei einem scharfen Lockdown wäre in Tansania die Wirtschaft nach kürzester Zeit am Boden gelegen. Weil die Bevölkerung keine Ersparnisse hat, hätte das bedeutet, dass viele Menschen verhungert und wohl auch gestorben wären. Die Wirtschaft ließ er also laufen und nahm eher in Kauf, dass sich das Virus schneller ausbreitet.

Laut Daten der John Hopkins Universität kommen in dem Land auf etwas mehr als 500 nachgewiesene Corona-Fälle etwa 21 Tote. Tansania hat 63 Millionen Einwohner. War der Kurs demnach ein Erfolg?

Soweit ich es bisher beurteilen kann, war dieser Weg durchaus sinnvoll für die dortige Situation. Aber ich muss immer schmunzeln, wenn ich die Zahlen der John Hopkins Universität lese. In Tansania gibt es kaum Testkapazitäten. Die Zahl der wirklich Infizierten weiß also keiner. Die Zahl der Toten ist auch schwierig. Das überprüft eigentlich so gut wie niemand. Tot ist tot.

Sie betreuen Krankenhäuser in Tansania. Wie steht es um das Gesundheitssystem in dem Land?

Es gibt staatliche Krankenhäuser aber keine niedergelassenen Ärzte. Das ganze Gesundheitswesen ist schwach und chronisch unterfinanziert. Daneben gibt es kirchliche Krankenhäuser, die viel vom ländlichen Raum abdecken. In vielen Fällen sind die Krankenhäuser kostenlos. Mit Beginn der Pandemie haben wir dann gefragt, was benötigt wird und Intensivbetten, Beatmungsgeräte und Schutzkleidung gekauft. Sie hatten bisher gar nichts. Da fehlte es bis hin zu den Handschuhen.

Und die Situation an den Schulen?

Die Berufsschulen sind von heute auf morgen dicht gemacht worden. Das bedeutet etwas ganz anderes als in Deutschland. Die Schulen finanzieren sich selber, also kamen nach den Schließungen auch keine Schulgebühren mehr rein. Nach zwei Monaten waren sie zahlungsunfähig.

Für die von Ihnen betreuten Schulen haben Sie aber einen Weg gefunden.

Der erste Schritt war, hier in Deutschland finanzielle Unterstützer zu finden. Ein Unternehmen aus Leinfelden-Echterdingen und eines aus Stuttgart haben bis Anfang Juni Gehälter an den Schulen weitergezahlt. Damit haben die Schulen erst einmal überlebt. Nun gibt es seit kurzem die Ankündigung des Präsidenten, dass die Schulen wieder öffnen dürfen.

Mit Hygiene-Standards...

Genau und was bedeutet das? Vor wenigen Tagen kam der Hilferuf einer Schule mit 400 Schülern: „Wir brauchen 3000 Euro für Hygienemaßnahmen, wie Fieberthermometer und Desinfektionsgeräte, sonst können wir nicht öffnen.“ Und ich erwarte, dass die anderen Schulen genauso kommen. Die längerfristige Frage ist, wer sich noch die Schulgebühren leisten kann. Denn trotz des vorsichtigen Lockdowns ist die Gesellschaft schwer in Mitleidenschaft gezogen. Ich stelle mich jetzt auf den nächsten Schritt ein, die Gebühren zumindest für diejenigen zu übernehmen, die bereits eine Ausbildung angefangen haben. Ich werde nicht einfach zuschauen, wie unsere Schüler auf der Strecke bleiben. Es ist zwar eine schwierige Situation aber ich bin zuversichtlich, dass wir die Probleme überwinden werden.




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