Erinnerung an Nazi-Verbrechen Das Hotel Silber: Eine Zentrale des Nachdenkens

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Es ist das Verdienst einiger aufmüpfiger Bürger und mancher SPD-Politiker, dass die einstige Gestapo-Zentrale in Stuttgart nicht geschleift wurde und nun eine Erinnerungsstätte im Hotel Silber eröffnet, meint Lokalchef Holger Gayer.

Tatort Hotel Silber: Hier wirkten im Dritten Reich die Buchhalter des Todes Foto: dpa
Tatort Hotel Silber: Hier wirkten im Dritten Reich die Buchhalter des Todes Foto: dpa

Stuttgart - Was für ein Aufruhr war in der Stadt, als der damalige Breuninger-Chef Willem van Agtmael anno 2007 nichts weniger als die Schöpfung eines Da-Vinci-Areals kundtat? Es ging um den Aufstieg Stuttgarts zur Weltstadt mithilfe eines 60 000 Quadratmeter großen Hotel-Büro-Einkauf-Palasts in der City. Kollateralschaden: Die einstige Gestapo-Zentrale, in der die Buchhalter des Mordens, der Folter – schlicht: der Unmenschlichkeit – Dienst getan hatten, sollte weichen. Die zentrale Erinnerungsstätte an die Gräueltaten der Nazis in der baden-württembergischen Landeshauptstadt, bis 1984 wieder als Polizeistation benutzt, wäre verschwunden gewesen, ehe sie überhaupt davon erfahren hätte, eine solche zu sein.

Streit, Missgunst und Dummheit mussten überwunden werden

Es ist das Verdienst einiger Intellektueller wie dem (leider verstorbenen) Architekten Roland Ostertag, zahlreicher Bürger wie dem Vorsitzenden der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber, Harald Stingele, sowie etlicher Politiker – vor allem der SPD – dass das Haus an der Dorotheenstraße 10 noch steht. Wie offenbar immer in dieser Stadt musste auch diese Entwicklung Streit, Missgunst und Dummheit überwinden, ehe sich in den frühen Zehnerjahren die Erkenntnis durchsetzte, dass Stuttgart nicht an einem Übermaß an Erinnerungskultur leidet. Es gibt zwar beeindruckende Orte wie das Zeichen der Erinnerung am Inneren Nordbahnhof und Gedenksteine wie jenen am Killesberg – aber beide sind nicht mittendrin im Geschehen. Es gibt künstlerische Werke wie Elmar Dauchers Steinquader am Karlsplatz (mit Ernst Blochs Inschrift „1933 – 1945: Verfemt, verstoßen, gemartert; erschlagen, erhängt, vergast – Millionen Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft beschwören Dich: Niemals wieder!“). Doch wahrscheinlich weiß die Hälfte der aktuellen Stuttgarter Bevölkerung nicht, was die schwarzen Quader zeigen sollen. Und es gibt das kaum beachtete Denkmal für die Deserteure am Pragsattel sowie – ganz fantastisch – den Birkenkopf. Wer dort, auf dem Gipfel der Trümmer, mit Sinn und Verstand spazieren geht, versteht viel von unserer Geschichte.

Doch keiner dieser Gedenkorte hat ein Dach über dem Kopf.

Das Hotel Silber schon. Nicht nur, aber auch deswegen kann die einstige Gestapo-Zentrale zu einer wesentlichen Grübel- und Nachdenkzentrale Stuttgarts werden. Die Stadt und das Land haben es verdient, auch an die dunklen Seiten ihrer Geschichte erinnert zu werden. Und sie sind hoffentlich stark genug, damit umzugehen.

Das war noch der Zusatz: Im ehemaligen Hotel Silber haben jahrzehntelang unterschiedliche Polizeibehörden gearbeitet, in der Zeit des Nationalsozialismus gingen davon besonders viel Angst, Schrecken und Gewalt aus. Das wird nun am Originalstandort und in den Resten der ursprünglichen Bausubstanz dargestellt. Und das ist nicht selbstverständlich. Die Chronologie.

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