ExklusivEröffnung der „Sattlerei“ an der Tübinger Straße Rasante Entwicklung zum Rad-Highway

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Mit der Eröffnung der Quartierskneipe „Sattlerei“ im Mai wird der Wandel in der Tübinger Straße im Stuttgarter Süden weiter vorangetrieben. Kaum eine andere Straße hat sich in den vergangenen Jahren so verändert. Eine Zwischenbilanz.

Die Tübinger Straße ist  eine Fahrradstraße  – und erlebt einen Aufschwung. Janusch Munkwitz und Tamara Deij-Ferrada eröffnen die Quartierskneipe Sattlerei. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Die Tübinger Straße ist eine Fahrradstraße – und erlebt einen Aufschwung. Janusch Munkwitz und Tamara Deij-Ferrada eröffnen die Quartierskneipe Sattlerei. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Janusch Munkwitz hat ein Händchen für besondere Räume. Die Bar Paul & George an der Weberstraße im Leonhardsviertel hat der Architekt und Gastronom detailverliebt in einen großstädtischen Originalzustand zurückversetzt. An der Tübinger Straße im Stuttgarter Süden will er nun den nächsten Traumraum aus seinem Dornröschenschlaf wecken. Die ehemalige Sattlerei der Brauerei Dinkelacker wird seit Kurzem in eine Quartierskneipe verwandelt. Mit einer gigantischen Bar, zwei Gasträumen und einem Stammtisch mit Durchreiche an die Theke. „Als ich den Raum das erste mal gesehen habe, hat es mich umgehauen. Hier soll es sich so anfühlen, als wäre man zu Gast bei Freunden in deren schöner Altbauwohnung“, sagt Munkwitz.

Um dieses Vorhaben zu erfüllen, hat er Tamara Deij-Ferrada als Betriebsleiterin für die Sattlerei verpflichtet. Die 27-jährige Stuttgarterin, deren Nachname von ihrem Vater stammt, der aus Chile nach Deutschland eingewandert ist, hat in Stuttgart Architektur studiert und sich – ganz klassisch – ihr Studium über Jobs in der Gastronomie finanziert. Im Scholz am Marktplatz hat sie genauso gearbeitet wie hinter der Bar des Paul & George. Die Sattlerei hat sie von A bis Z mitgeplant: „Ich glaube fest an das Potenzial der Tübinger Straße als Verlängerung des Marienplatzes und als schnelle Verbindung in die City“, sagt sie.

Die Verwandlung des Marienplatzes ging von der Tübinger Straße aus

Damit ist sie nicht alleine. Die Geschichte der Gentrifizierung des Marienplatzes wurde mittlerweile oft erzählt. Doch die Tübinger Straße hat einen ähnlich rasanten Wandel vollzogen. Oder, etwas überspitzt formuliert: Die Verwandlung des Marienplatzes von der Betonwüste zum knallbunten Platz, auf dem beim ersten Sonnenstrahl quasi kein freier Zentimeter zu finden ist, hat in der Tübinger Straße seinen Anfang genommen. „Reiner Bocka hat mit dem Café Galao und dem Marienplatzfest den Startschuss für die Entwicklung dieser Ecke gegeben“, sagt Til Odenwald, Verkaufsdirektor Gastronomie bei der Brauerei Dinkelacker.

Carl Dinkelacker gründete die Brauerei 1888 an der Tübinger Straße. Til Odenwald konnte den Wandel der Straße in den vergangenen Jahren von seinem Arbeitsplatz aus miterleben. „Die Straße hat sich prächtig entwickelt. Wenn man denkt, wie es früher etwa mit den Kneipen am Fangelsbacher Eck ausgesehen hat, ist das kein Vergleich zu heute.“ An Stelle der Schräggastro-Pinten hat die Immobilienfirma Strenger innerhalb kürzester Zeit ein Neubauensemble hochgezogen. Dazu kommen neue Cafés wie das Misch Misch oder das Gastronomieangebot im allerdings deutlich zu wuchtig geratenen Neubau Caleido zwischen Tübinger Straße und Österreichischem Platz. Hier hat vor wenigen Wochen eine neue Eisdiele mit Namen Claus eröffnet, die natürlich auch vegane Sorten im Angebot hat. Die „Marienplatzisierung“ der Tübinger Straße in einen hippen Highway in die Innenstadt ist in vollem Gange.

Die Sattlerei erzählt von der Pferde-Vergangenheit der Straße

Munkwitz zeigt derweil Details seiner Quartierskneipe wie eine denkmalgeschütze Tapete, historische Fenstergriffe oder den Boden, der zuvor in einer Lebkuchenfabrik in Schleswig-Holstein verlegt war. Das Haus direkt neben der Brauerei hatte einst einem Dekorateur gehört. Später nutzte Dinkelacker das Gebäude, um das Zaumzeug der Brauereipferde zu lagern. „Die Geschirre waren hier aufgebockt wie auf einem Pferderücken“, erzählt Stefan Seipel, der Marketingchef von Dinkelacker. Bis in die 50er Jahre nutzte die Brauerei Pferde, um Bier auszuliefern. Heute sind die Tiere samt Wagen ein folkloristischer Farbtupfer auf dem Wasen.

Statt von Pferden wird die Tübinger Straße heute von Fahrrädern dominiert. 2016 wurde der Abschnitt zwischen Marienplatz und Paulinenbrücke in eine Fahrradstraße umgewidmet. Der letzte Teil der Straße vor der Innenstadt ist seit Jahren ein Shared Space, in dem Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer gleichberechtigt unterwegs sind. „Die Umwandlung in eine Fahrradstraße hat der Tübinger noch mal einen Schub gegeben“, so Stefan Seipel. „Foodora-Autobahn“, sagt Munkwitz, und spielt dabei auf die Fahrer des Lieferdienstes an, die auf zwei Rädern unterwegs sind.

Hotte Hoss von der Radtheke lobt den Wandel der Tübinger Straße

Die Eroberung der Tübinger Straße durch das Rad gefällt auch Hotte Hoss. Der 34-Jährige hat vor vier Jahren die Radtheke an der Ecke Römer-/Tübinger Straße eröffnet. „Die Straße hat jetzt ein anderes Flair. Es kommen immer mehr Fußgänger her“, sagt Hoss, der in seinem Geschäft keine Räder verkauft, sondern repariert. „Anfangs hatten die Händler Angst, dass keiner mehr kommt, wenn das Auto hier verbannt wird. Meiner Meinung nach ist das Gegenteil der Fall.“ Hoss warnt davor, dass die Aufwertung der Straße eines Tages zu weit geht, „dass sich keiner mehr die Mieten hier leisten kann“. Geht es nach ihm, ist eigentlich nur eine letzte Frage in Bezug auf die Tübinger Straße noch nicht beantwortet: „Wie wird der Platz unter der Paulinenbrücke als Bindeglied zur Stadtmitte gestaltet?“ Hier hat die Initiative Stadtlücken im vergangenen Jahr wichtige Impulse geliefert. Der Wandel der Tübinger Straße, er wird auch durch das Betondenkmal Paulinenbrücke nicht aufgehalten.

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