„Europäischer Dramatikerpreis“ in Stuttgart 100 000 Euro für Theaterautoren – wow!

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Großzügige Internationalität: Das Stuttgarter Schauspiel ruft den bestens dotierten „Europäischen Dramatikerpreis“ ins Leben. Der erste Preisträger ist der franko-kanadische Weltautor Wajdi Mouawad.

Der erste Träger des neuen „Europäischen Dramatikerpreises“: Wajdi Mouawad Foto: dpa
Der erste Träger des neuen „Europäischen Dramatikerpreises“: Wajdi Mouawad Foto: dpa

Stuttgart - Corona hin, Corona her: Das Stuttgarter Schauspiel von Burkhard Kosminski landet in diesen für die Kunst schwierigen Zeiten einen Coup nach dem anderen. Nachdem der Theaterparcours „Wir sind aus solchem Stoff wie Träume sind“ selbst in der „New York Times“ hymnisch besungen wurde, feiert das Haus jetzt auch einen traumhaften kulturpolitischen Erfolg: Das Schauspiel ruft den „Europäischen Dramatikerpreis“ aus, der vom Land Baden-Württemberg mit stolzen 75 000 Euro dotiert ist. Rechnet man noch die 25 000 Euro für den „Europäischen Nachwuchs-Dramatikerpreis“ hinzu, die das Heidelberger Bildungsunternehmen SRH Holding als Sponsor zuschießt, kommt man insgesamt auf 100 000 Euro. Ein Hammerbetrag, der finanziell alles übersteigt, was in Deutschland sonst an literarischen Auszeichnungen vergeben wird. Der Büchnerpreis etwa, die höchste Ehre für deutschsprachige Autoren, ist mit 50 000 Euro dotiert.

Sieben Methoden des Tötens

„Der Europäische Dramatikerpreis ist der erste hochkarätige Preis, der die dramatische Kunst in Europa in all ihrer Vielfalt in den Blick nimmt und sie als verbindendes Element zwischen den europäischen Kulturen versteht“, so die Pressemitteilung. Und tatsächlich unterstreicht allein schon die immense Preissumme die unglaubliche Wertschätzung, die nationale und internationale Theaterkunst und Theaterautoren hier im Land erfahren.

Wer am 20. September als erstes die unter der Schirmherrschaft des Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann stehende Auszeichnung entgegen nimmt, steht auch schon fest: Den Hauptpreis vergibt die fünfköpfige Jury an Wajdi Mouawad, den 1968 im Libanon geborenen, in Kanada aufgewachsenen, in Paris lebenden Autor, Schauspieler, Regisseur und Theaterleiter. Sein Stück „Vögel“ kennt man in Stuttgart: Unter Kosminskis Regie erlebte die hochpolitische, zwischen Berlin, New York und Jerusalem angesiedelte Familientragödie im Schauspielhaus ihre gefeierte deutsche Erstaufführung, seitdem wird das Drama landauf, landab nachgespielt. Den Nachwuchspreis erhält eine noch völlig unbekannte Autorin: die 1998 in London geborene Jasmine Lee-Jones, deren Erstlingswerk „Seven Methods of Killing Kylie Jenner“ den hier verantwortlichen Alleinjuror Simon Stephens „mit Wut und Witz“ getroffen hat.

Theater in der Champions League

Simon Stephens wäre als einer der wichtigsten zeitgenössischen Dramatiker Europas selbst ein Kandidat für die neue Stuttgarter Auszeichnung gewesen. Hochkaräter wie er sitzen aber auch in der fünfköpfigen Jury für den Hauptpreis, unter anderem Thomas Ostermeier, Intendant der Berliner Schaubühne, und Peter Kümmel, Theaterkritiker der „Zeit“. Auch der 23-köpfige, mit Experten aus 18 Ländern besetzte Beirat spielt zweifellos in der Champions League – und kommt im übrigen zu Ergebnissen, die unabhängig von Arbeitsbeziehungen erzielt werden mussten, wie Burkhard Kosminski versichert.

„Gestern Abend sind mir die Namen der Preisträger verraten worden“, sagt der Intendant, „und als ich Wajdi Mouawad und Jasmine Lee-Jones telefonisch informierte, waren sie total gerührt und überrascht“ – beides kein Wunder, schließlich konnten die Gerührten und Geehrten zuvor nichts von der Existenz des üppig ausgestatteten Dramatikerpreises wissen, der künftig alle zwei Jahre vom Schauspiel vergeben wird. „Zehn Jahre habe ich an der Idee gearbeitet“, so Kosminski, der als Preiserfinder jetzt am Ziel und glücklich ist: „Es gab in Europa bisher keine dezidiert für Dramatiker ausgeschriebene Auszeichnung, die diesen hohen Stellenwert hatte. Sie gibt Autoren und Autorinnen jetzt den Freiraum, den sie brauchen, um in Ruhe die Stücke zu schreiben, die sie schreiben wollen.“




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