Familienleben in Zeiten von Corona Antworten auf acht Fragen, die sich Eltern jetzt stellen

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Wie viel Fernsehen ist zu viel? Wie gelingt Homeschooling ohne Streit? Und wie lange kann sich ein Kindergartenkind mit seinem Lego allein beschäftigen? Ein Erziehungsexperte gibt Antworten.

Eine neue Situation für alle: Wie kann der Balanceakt zwischen Homeoffice und Kinderbetreuung funktionieren? Foto: dpa/Christian Beutler
Eine neue Situation für alle: Wie kann der Balanceakt zwischen Homeoffice und Kinderbetreuung funktionieren? Foto: dpa/Christian Beutler

Stuttgart - Die Zwangspause, in die das Coronavirus uns alle kollektiv geschickt hat, ist eine Herausforderung – gerade für Eltern, die praktisch von einem Tag auf den anderen plötzlich Homeoffice und Kinderbetreuung miteinander vereinbaren müssen. Wenn die Telefonkonferenz ansteht, das Schulkind bei den Matheaufgaben nicht weiterkommt und der Dreijährige in der Trotzphase gleichzeitig noch einen Wutanfall bekommt, weil der Duploturm eingekracht ist, fühlt sich manche Mutter oder mancher Vater so, als würden fünf paar Hände nicht ausreichen, um dem Chaos Herr zu werden.

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Ulric Ritzer-Sachs arbeitet für die Onlineberatung der Bundeskonferenz der Erziehungsberatung. Dem Sozialpädagogen haben wir acht Fragen gestellt, die viele Eltern jetzt auf dem Herzen haben dürften.

1. Ich muss Telefonkonferenzen machen. Immer wieder platzen da meine Kinder rein. Wie kann ich ihnen erklären, dass ich während ich arbeite nicht für jedes kleine Problemchen da sein kann?

„Ab einem gewissen Alter reicht die Ansage ‚Ich muss arbeiten, du darfst mich jetzt nur stören, wenn es sehr, sehr wichtig ist’. Auch Kindergarten- und Grundschulkindern kann man das sagen – ob sie darauf hören, ist eine andere Frage“, meint Ulric Ritzer-Sachs. Manchmal helfe es, einen Tagesplan zu machen, eine Eieruhr zu stellen oder mit einem Schild an der Tür den Nachwuchs daran zu erinnern, was man ausgemacht hat. Platzen die Kinder doch in das Telefongespräch oder die Videokonferenz mit den Kollegen, helfen Humor und Gelassenheit. „Am besten entschuldigt man sich kurz, macht die Kamera und das Mikro aus und klärt kurz mit dem Kind, was es braucht.“ Dass dies „nervige Zeiten für alle“ seien, sei klar, meint der Experte. „Da hilft nur Gelassenheit.“

2. Mein Kind muss Schulaufgaben machen. Aber hier ist die Ablenkung durch die kleinen Geschwister riesig. Wie kann ich für eine konzentrierte Atmosphäre sorgen?

„Wenn es von den Wohnverhältnissen her geht, ist es am besten, eine räumliche Trennung herzustellen“, findet Ritzer-Sachs. Das Schulkind paukt am Esstisch, die kleinen Geschwister spielen so lange im Kinderzimmer. Geht das nicht, muss man auch für das Geschwisterkind „Schule“ machen – auch wenn es noch im Kindergarten ist. „Die Kleinen lieben es, wenn sie einbezogen werden“, weiß der Sozialpädagoge. So kann die kleine Schwester mal alle Bauklötze nach Farben sortieren oder mit Wasserfarben eine schöne Sonne malen. Ritzer-Sachs empfiehlt aber, dass Eltern während der Homeschooling-Zeiten möglichst nicht auch noch versuchen sollten, eine Runde Homeoffice einzuschieben: „Dann ist die Überforderung perfekt.“

3. Mein Kind nimmt bei seinen Schulaufgaben von mir kaum etwas an. Ab und zu streiten wir dann sogar. Wie können wir das angehen?

Eltern sollten nicht versuchen, den Ersatzlehrer zu spielen, meint Ulric Ritzer-Sachs: „Das geht mit ziemlicher Sicherheit schief.“ Je älter die Kinder sind, desto eher geraten Eltern beim Schulstoff natürlich auch an ihre Grenzen. Auch Eltern, für die Deutsch nicht die Muttersprache ist, haben Schwierigkeiten mit dem Homeschooling. „Es ist wichtig, die Rollen nicht zu vermischen: Eltern sind keine Lehrer.“ Ritzer-Sachs rät auch hier zu Gelassenheit: „Dann bleibt halt mal ein Fehler stehen – davon geht die Welt nicht unter.“ Dass es über die Schulaufgaben auch Streit geben kann, sei normal: „Die Beziehung zwischen Kindern und Eltern ist ja viel emotionaler als zwischen Lehrer und Schüler.“ Bevor es Streit gibt, sollte man die Schuleinheit lieber beenden, eine Pause machen, ins Freie gehen. „Das ist eine hochemotionale Zeit. Je mehr Streit wir da vermeiden, desto besser.“

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4. Mein Kind vermisst seine Freunde und Großeltern. Wie halten wir Kontakt?

„Telefon, Skype, Whatsapp – nutzen Sie alle Kommunikationsmittel, die Sie zur Verfügung haben“, sagt der Erziehungsexperte. Für kleinere Kinder sei es aber besonders schön, wenn sie ganz analoge Post bekommen – ein Brief oder sogar ein Päckchen. „Je kleiner das Kind, desto weniger kann es mit dem Telefon oder der Videoschalte anfangen.“ Etwas ältere Kinder können Oma und Opa via Skype zum Beispiel ein Blockflötenkonzert geben oder sich von den Großeltern per Videokonferenz vorlesen lassen. Mit ihren Freunden können die Kinder per Videoschalte auch spielen – „gemeinsam“ Lego bauen oder die Puppen ein Schwätzchen halten lassen beispielsweise.

5. Wie viel darf mein Kind jetzt fernsehen?

Ulric Ritzer-Sachs ist realistisch: „Niemand wird in diesen Tagen ganz um den Fernseher und andere Medien herumkommen.“ Vor allem dann, wenn die Kinder den Computer oder das Tablet auch noch für die Schulaufgaben bräuchten. „Klare Regeln sind aber nach wie vor wichtig.“ Der Fernseher als Babysitter sei zwar verführerisch – vor allem, wenn die Eltern dringend arbeiten müssen –, „aber einmal angefangen kommt man aus der Nummer nur schwer wieder raus. Irgendwann ist Corona ja auch wieder vorbei.“ Ritzer-Sachs schlägt vor, statt das Kind allein vor den Fernseher zu setzen, aus dem Medienkonsum lieber eine Familienaktivität zu machen: „Man kann gemeinsam einen schönen Kinderfilm ansehen oder auf der Playstation zum Beispiel ‚Singstar’ spielen.“

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6. Wie lange kann sich ein Kindergartenkind schon alleine beschäftigen?

„Allgemein nicht furchtbar lang“, meint der Experte. Natürlich komme das auf den Einzelfall an: Während der eine stundenlang mit seinen Legosteinen Türme, Autos und Raketen baut, steht die andere permanent auf der Matte und will bespaßt werden. Eltern überschätzten aber oft, wie lange ein Kind im Kindergarten- oder Grundschulalter allein vor sich hin spiele. „Bei Kindergartenkindern sind das meist nicht viel mehr als 20 Minuten, Grundschüler kommen vielleicht auf eine Stunde.“ Es hilft, sich an eines zu erinnern: Auch für den Nachwuchs ist es eine besondere und ungewohnte Situation. „Schule und Kindergarten sind zu, das Fußballtraining fällt aus, sie dürfen ihre Freunde nicht sehen – Kinder brauchen ihre Eltern jetzt besonders.“

7. Bei uns geraten die Geschwister regelmäßig in Streit – wie sorge ich für mehr Frieden?

Dass Geschwister streiten, wenn man so eng aufeinander hockt und niemand anderen mehr sehen darf, ist eigentlich nur logisch, findet der Sozialpädagoge Ritzer-Sachs. Was Eltern tun können? „Trösten, klären, was passiert ist und dann die Frage: ‚Wollt Ihr weiter miteinander spielen?’“ Falls nein: Räumliche Trennung. Der eine spielt im Kinderzimmer, der andere im Wohnzimmer. Um dem Lagerkoller zu entgehen, ist es wichtig, dass jedes Kind auch Raum und Zeit für sich bekommt. Und: Rausgehen – ob in den Garten oder in den Wald – wirkt Wunder.

8. Ich habe das Gefühl, mein Kind ist bedrückt und macht sich Sorgen über das Coronavirus. Wie kommen wir darüber ins Gespräch?

„Eltern sollten klare, kindgerechte Antworten auf die Fragen ihrer Kinder finden“, sagt Ulric Ritzer-Sachs. Also in etwa so: Das Coronavirus ist ansteckend, schon viele Menschen sind krank geworden. Deshalb sind die Kindergärten und Schulen geschlossen und Mama und Papa arbeiten (wo es geht) von zu Hause. Wichtig ist, dass wir uns oft die Hände waschen und beim Niesen und Husten die Armbeuge vorhalten. Die meisten Menschen, die krank werden, erholen sich auch wieder. Und ja: Manche sterben auch.

Für wichtig hält der Erziehungsexperte es, Positives hervorzuheben: „Die Ärzte und Pfleger, die sich darum kümmern, dass die Menschen wieder gesund werden. Die Supermarktverkäuferin, die dafür sorgt, dass es genug zum Einkaufen gibt. Die Wissenschaftler, die an einem Impfstoff arbeiten.“ Es kann Kindern auch helfen, an den vielen gemeinsamen Aktionen teilzunehmen, zu denen aufgerufen wird: Den Ärzten und Pflegekräften vom Balkon oder dem offenen Fenster aus zu applaudieren zum Beispiel. Oder „Der Mond ist aufgegangen“ zu singen. „Das gibt ein schönes Gefühl der Gemeinsamkeit.“

Ulric Ritzer-Sachs ist Sozialpädagoge und arbeitet bei der Onlineberatung der Bundeskonferenz der Erziehungsberatung(BKE). Die BKE ist der Fachverband der Erziehungs- und Familienberatung, in dem die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Erziehungsberatungsstellen organisiert sind.