Fashion-Filmerin Monica Menez inszeniert das neue Orsons-Video Wie durchgeknallt ist das denn?

Surreal, überbordend, ironisch:Das neue Orsons-Video zu „Grille“ lebt von Monica Menez’ Bildsprache. Foto: Monica Menez

Dreieinhalb Minuten musikalischer und visueller Wahnsinn: Monica Menez hat die Stuttgarter Rap-Crew Die Orsons für „Grille“ kongenial in Szene gesetzt. Dabei wollte sie nie unter die Musikfilmerinnen gehen.

Stuttgart - Die Welt ist eine andere, wenn man sie durch die Augen von Monica Menez beobachtet. Extravaganter, schriller, bunter, sinnlicher. Ja, auch ein wenig surreal, überbordend, ironisch. Schaut man sich das neue, vollkommen übergeschnappte Orsons-Video zu „Grille“ an, wird man ebenjene Attribute in dem exakt drei Minuten und 33 Sekunden langen Clip wiederfinden. Es ist das erste Musikvideo der mehrfach preisgekrönten und international gefragten Fashion-Filmerin und Fotografin. Und eigentlich hätte es nie dazu kommen dürfen. „Ich wollte niemals ein Musikvideo machen!“, erzählt sie und lacht ihr helles Lachen.

 

Wir sitzen in einer Stuttgarter Bar, treffen sie wie schon so oft zwischen verschiedenen Jobs – gerade erst kam sie aus Shanghai. Fashion, Werbung, große Kunden. Ihr Portfolio ist prall. Es hätte aber eben niemals um ein Musikvideo bereichert werden sollen. „Ich wurde schon mehr als einmal für einen Musikclip angefragt und lehnte es stets ab. Vielleicht kam mir die Mode in diesen Videos immer zu kurz, vielleicht hatte ich Angst, abhängig von der Band und ihren Ideen zu sein.“

Es musste erst jemand wie Maeckes von den Orsons daherkommen, damit sie die Idee einer musikalischen Kooperation überhaupt mal in Erwägung zog. „Ich traf mich auf Anraten einer Kollegin mit ihm. Sie war der Ansicht, dass es zwischen uns künstlerisch gut passen würde.“ Offensichtlich tat es das, denn obwohl sie mit der festen Überzeugung zu dem Treffen ging, eine Videoanfrage auf jeden Fall abzulehnen, wurde sie schon bald eines Besseren belehrt. „Er war so dermaßen cool, nett und kreativ, dass es aus kreativer Sicht sofort funkte“, schwärmt sie. Da wirft dann glücklicherweise auch eine stets sehr entschlossene Monica Menez mal ihre Prinzipien über Bord.

Eine rosa Sporthalle!

Zum Glück: Das irre Video ist selbst in der irren Geschichte der Rap-Rasselbande Die Orsons ein Ausreißer nach ganz oben, wurde in den ersten vier Wochen über 300 000-mal bei Youtube geklickt. Gedreht wurde es binnen eines Tages in der Tübinger Paul-Horn-Arena, der wohl einzigen rosa Sporthalle der Welt. „Ich entdeckte sie im Internet und wollte unbedingt mal was in ihr machen“, sagt Menez über die Halle, die auch Wes Andersons Fantasie zum Überkochen bringen würde.

„Ich hatte aber nie das passende Konzept dafür – bis jetzt: Die Orsons haben in ihren Fotos und Videos immer eine klare Farbgebung, da ist eine rosa Sporthalle natürlich ideal.“ Farben spielen in Menez’ Werken eine große, wenn nicht gar die wichtigste Rolle. Deswegen war die Herangehensweise bei diesem Musikvideo auch der bei ihren Modefilmen sehr ähnlich. „Ich baue jeden meiner Filme auf Farben auf. Wie sieht die Location aus, welche Props haben wir, was tragen die Protagonisten? Dann wird alles aufeinander abgestimmt.“

„Grille“, den ganzen Tag durch

Menez öffnete sich sogar so weit, dass die Regiearbeit letztlich eine Kooperation mit der ähnlich überbordenden Ideenwelt eines Maeckes wurde. „Er hatte sehr viele Ideen, die mit meinen harmonierten. Das klappte erstaunlich gut, weil wir uns gegenseitig inspirierten. Es war also gar nicht“, sagt sie schmunzelnd, „wie ich es immer befürchtet hatte. Außerdem ist der Song natürlich total verrückt. Wir hörten ihn den ganzen Tag beim Dreh – und selbst auf der Nachhausefahrt haben wir ihn noch mal aufgedreht.“

Das ist ungewöhnlich für sie. Mit deutschem Hip-Hop im Allgemeinen oder der Geschichte von Stuttgarts Rap-Vierer im Speziellen ist sie nicht allzu vertraut, als Kind der Achtziger schlägt ihr Herz für Wave und Synthie-Pop, sie ist ein großer Fan der Serie „Stranger Things“. „Auch weil sie es hinbekommen, die Achtziger so zu zeigen, wie sie waren.“ Sie lacht. „Oft relativ hässlich.“ In ihren Retro-Arbeiten kamen die Achtziger bisher noch nicht zum Vorschein. „Das liegt an der Farbwelt der Sechziger“, sagt sie. „Die liegt mir einfach.“

Dennoch hat sie einige Ideen für diese Dekade. „Mir schwebt eine Grace-Jones-Optik vor.“ Jones ist ein gutes Stichwort. Frauen wie sie würde Menez derzeit gerne öfter sehen. „Als Schönheitsideal in der Modewelt gilt momentan das sehr junge, kindliche, zarte Mädchen.“ Sie sagt es ohne Verbitterung, doch man hört heraus, dass es ihre Sache nicht ist. Ihre Vorliebe für die Inszenierung lässt sich bis in ihre Kindheit zurückverfolgen. Damals lichtete sie unzählige Male ihre jüngere Schwester ab, fertigte auch schon mal ein Album an, das nur aus Aufnahmen all ihrer Schuhe bestand. „Ich habe schon als Kind sehr gern gestaltet und nähte mir als Teenager meine Outfits selbst. Ich fand den Gedanken toll, dass ich etwas nach meinen genauen Vorstellungen gestalten konnte. Und es fotografisch festhalten konnte. Vielleicht“, schiebt sie hinterher, „war mir aber auch einfach nur langweilig.“ Langeweile ist der beste Boden für Kreativität.

Album voller Schuhe

Dass es sie letztlich in die Modebranche und Fotografie verschlagen hat, war dennoch lange nicht abzusehen. „Mit 17 wollte ich eine Ausbildung zur Fotografin machen, ging dann aber doch auf eine Sportschule und wollte Tanzlehrerin werden. Klappte aber nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Weil ich den Tanz aber so liebte, wollte ich dann Ballettfotografin werden. Und irgendwie bin ich so bei dem Beruf gelandet, der am besten zu mir passt.“

Ihr ist wichtig, dass sie sich ausleben, aus dem Vollen schöpfen kann. Bei den Orsons konnte sie das, verewigte sogar zahlreiche ihrer Fotografenkollegen in dem wilden Clip. Eine Karriere im Musikbusiness kann sie sich trotz dieser Erfahrungen nicht vorstellen. „Ich könnte mir vorstellen, noch mal mit den Orsons zu arbeiten, aber unter die Musikvideofilmer werde ich deswegen noch lange nicht gehen.“ Was den Clip zu „Grille“ nur noch besonderer macht.

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