Mit fast 1500 neuen Stellen will die Landeshauptstadt sich von 2024 an ins Digitalzeitalter katapultieren und damit Behördengänge und Entscheidungen beschleunigen. Auf dem Weg in die Zukunft soll allerdings nicht nur Manpower, sondern auch ein Aufrüsten der technischen Ausstattung helfen. Da vom 1. Mai 2025 bundesweit nur noch digital erstellte Lichtbilder für Ausweisdokumente genutzt werden dürfen, plant die Stadt, in so vielen Bürgerbüros wie möglich Geräte der Bundesdruckerei aufzustellen. Mit ihnen kann die Kundschaft sowohl Passbild als auch den Fingerprint selbst erstellen. Fotofachgeschäfte fürchten allerdings einen katastrophalen Kollateralschaden durch die forcierte Einführung der neuen Technik.
In Stuttgart 88 000 Ausweisdokumente pro Jahr
Rund 88 000 Reisepässe und Personalausweise werden in der Landeshauptstadt jährlich beantragt und bisher noch am Schalter abgeholt. Das Massengeschäft ist auch eines für viele kleine Fotostudios, die sich trotz einer Konzentration in der Branche gehalten haben. Die Pläne der Stadt könnten viele dieser Studios in existenzielle Nöte bringen, sagt Fridolin Hafenmayer, der in Stuttgart-Vaihingen und Würzburg zusammen mit seinem Sohn Filialen betreibt. In Vaihingen habe es früher am Markt drei Fotofachgeschäfte gegeben, inzwischen existiere mit Foto Fun Digital noch eines. „Wir haben hier schon genug Leerstände“, warnt Hafenmayer vor einer bedenklichen Entwicklung. Auf die habe er OB Frank Nopper bei dessen Sommertour durch die Stadtteile aufmerksam gemacht.
Viele Studios hätte in jüngster Zeit investiert und bereiteten sich zum Beispiel in der Einkaufsgemeinschaft Ringfoto mit einem gegen Manipulationen geschützten, cloudbasierten E-Passfoto-System auf den Wandel vor. Das Bundeswirtschaftsministerium habe die digitale Ausstattung mit Fördergeld unterstützt, so Hafenmayer. Die verschlüsselten Fotos können künftig von Ämtern abgerufen werden. Das Ordnungsamt plane für die Bürgerbüros, diese Cloudlösung zuzulassen, teilt die Stadt auf Anfrage mit. Allerdings könnte es trotz der signalisierten Kooperationsbereitschaft für die Fotofachgeschäfte eng werden.
Es geht um die Existenz der Läden
Die Passbild-Frage sei existenziell, so Hafenmayer, weil dieser Geschäftszweig inzwischen 50 Prozent des Umsatzes ausmache. Nicht nur bei ihm. Wenn der Bund Gebühren von sieben Euro für das Automaten-Passbild festlege, könnten die Fachgeschäfte nicht mithalten. „Die Arbeitsstunde kostet bei uns 60 Euro, wir machen vier bis sechs Aufnahmen, beraten und wollen der Kundschaft das beste Bild mitgeben, das kostet bei uns 16 Euro“, weist Hafenmayer auf eine erhebliche Differenz hin. Er bezweifelt auch, dass die Foto- und Fingerprint-Automaten die Schlangen vor den Schaltern beseitigt. „Mit der Cloud-Lösung können wir erheblich zur Vereinfachung beitragen“, sagt er.
Bei einem Automaten-Testlauf im Bürgerbüro Mitte ließ sich beobachten, dass Kunden so lange Fotos machen, bis sie mit dem Ergebnis zufrieden sind. Womöglich bilden sich die Warteschlangen dann vor den Automaten. Die Erfahrungen mit den Pilotgeräten sei gut, sagt die Stadt. Geholfen habe die enge Unterstützung durch Personal der Bundesdruckerei. Man gewinne Zeit, weil das Einscannen von Passfotos, Fingerabdrücken und Unterschrift wegfalle.
Neben den Automaten setzt die Stadt auf weitere neue Regelungen, um vor den Schaltern Luft zu bekommen. So soll vom 1. November 2024 für zusätzliche 15 Euro der Direktversand von Ausweisdokumenten an den Antragsteller eingeführt werden. Damit müsste er nicht erneut zur Behörde. Ausweisautomaten, an denen die Dokumente ähnlich wie an Packstationen abgeholt werden können, will die Stadt ungern in den Bürgerbüros aufstellen. Auch bei diesen würde sich die Platzfrage stellen.