Fotograf aus Waiblingen Magische Bilder aus einer antiken Kamera

Die Camera obscura hat Alexander Riffler aus einer Transportbox gebaut. Vorne ist der Schieber, mit dem das kleine Loch für den Lichteinfall bedeckt oder freigelegt wird. Foto: Gottfried Stoppel

Für die Camera obscura brauchen Fotografen Geduld: Schnellschüsse sind damit nicht möglich. Dass sich das Warten lohnt, beweisen die Bilder des Waiblingers Alexander Riffler.

Weniger ist mehr – der Spruch ist alt, trifft aber auf ein Projekt zu, das der Fotograf und Kunstschuldozent Alexander Riffler schon vor Jahren begonnen hat. Bei seinen „Schattenbildern“, von denen knapp 40 in der Galerie Schäfer in Waiblingen ausgestellt sind, verzichtet der Waiblinger bewusst auf den Einsatz moderner Technik. Er setzt auf eine Vorgängerin der Fotokamera, für die sein fotografisches Herz schlägt und die bereits in der Antike bekannt war: die Camera obscura.

 

Aristoteles erfand sie, Goethe schätzte sie

Riffler befindet sich damit in bester und prominenter Gesellschaft. Aristoteles soll beispielsweise mithilfe einer Camera obscura eine Sonnenfinsternis beobachtet haben, der Maler Caravaggio nutzte sie als Hilfsmittel bei Porträts, und Wolfgang von Goethe, sagt Alexander Riffler, habe stets ein Exemplar im Taschenformat bei sich getragen.

Ganz so handlich ist Rifflers Exemplar nicht, weshalb der Waiblinger bei seinen Fotoshootings im Freien oft Aufmerksamkeit auf sich zieht. Seine Camera obscura, zu Deutsch „dunkler Raum“, hat er aus einer knapp 40 auf 50 Zentimeter großen Box angefertigt, in der er zuvor seine Fotoausrüstung transportierte. In eine Seitenwand hat er ein winziges, 0,7 Millimeter kleines Löchlein gebohrt. Geht Alexander Riffler auf Fotosafari, hängt an der Innenwand gegenüber des Lochs ein großformatiges Blatt Fotopapier, das er dort zuvor in der Dunkelkammer mit Magneten befestigt hat.

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Entdeckt er ein Fotomotiv, positioniert er die sperrige Box und zieht den Holzschieber, der das kleine Loch bedeckt, zur Seite. So gelangt Licht in den dunklen Kasten. Jeder Gegenstand sendet in alle Richtungen Lichtstrahlen aus. Davon gelangen auch etliche durch das Loch in den dunklen Raum. Sie projizieren ein seitenverkehrtes, auf dem Kopf stehendes Abbild des Gegenstands auf die Wand mit dem Fotopapier. Die Belichtungszeit variiert mit der Helligkeit, mal lässt Alexander Riffler das Loch nur kurz, mal auch länger offen. Zwischen vier und sieben Minuten dauert der Vorgang, im Hochsommer nur vier bis fünf Minuten.

Manchmal ertönt im Labor ein Jubelschrei

Inzwischen hat Alexander Riffler viel Übung, nur selten läuft beim Fotografieren mit der Camera obscura etwas schief. Diese Art des Bildermachens, sagt er, sei Handwerk statt Fotoengineering. „Bei den heutigen teuren Kameras sind die Bilder zwar technisch perfekt, sie werden dadurch aber oft nicht interessanter.“ Beim Entwickeln seiner Bilder im Labor ist Riffler schon öfter ein Jubelschrei entfahren angesichts des Ergebnisses. Bis dahin war es aber ein weiter Weg: „Es war eine Odyssee, bis ich diese blöde Kiste soweit hatte, dass sie gute Bilder macht.“

Ein magisches Licht geht von den Bildern aus

Die Fotografien wirken teils wie gemalt, sie zeigen intensives Schwarz und faszinierende Grauverläufe. Von den Gegenständen geht eine gewisse Magie aus, ein geradezu mystisches Leuchten. Die Welt der Camera obscura ist seitenverkehrt, und was auf den Bildern hell erscheint, ist in der Realität Schatten. Was auf den Fotos dunkel ist, war tatsächlich von der Sonne angestrahlt. „Weiße Autos gehen gar nicht, sie sehen aus wie schwarze Klötze“, sagt Alexander Riffler, der seine Motive vor der Haustür findet: einen Traktor mit riesigen Rädern, Straßenwalzen, eine Stretchlimousine vor einem Bürogebäude, eine Harley oder die Überreste eines Feuerwehrautos auf einem Feld.

Das Rad und die Camera obscura passen gut zusammen, findet Riffler: „Das sind zwei ganz alte Kulturtechniken.“ So alt die Camera obscura ist, sie fasziniere auch die Jungen, die Generation, die mit dem Smartphone groß wird, weiß Riffler von seinen Workshops: „Wenn die sehen, was aus der Blechbüchse rauskommt, sind sie begeistert.“ Und wollen, na klar, Selfies machen. Auch das kann die Camera obscura. Die Porträtierten müssen es nur schaffen, mindestens zwei Minuten mucksmäuschenstill zu stehen.

„Schattenbilder“ in der Galerie Schäfer

Fotografien
Autos, Industriemaschinen, landwirtschaftliche Geräte und Räder aller Art nimmt der Waiblinger Alexander Riffler mit seiner Camera obscura auf. Das Prinzip ist uralt: Schon der Erfinder Aristoteles benutzte solch einen dunklen Kasten, in den nur durch ein winziges Loch Licht einfällt. Er konnte damit eine Sonnenfinsternis beobachten, ohne dass seine Augen Schaden nahmen.

Ausstellung
Die „Schattenbilder“ von Alexander Riffler sind bis zum 27. August 2022 in der Galerie Schäfer in Waiblingen, Lange Straße 9, zu sehen. Deren Öffnungszeiten sind donnerstags und freitags von 13 bis 17 Uhr, samstags von 10 bis 14 Uhr.

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