Kein Gast vermisst die Übertragung der Fußball-Weltmeisterschaft: Maulwurf, Schlesinger, Platzhirsch und Ritterstüble boykottieren die Spiele in Katar. Auch im Leonhardts am Fernsehturm bleiben die Fernseher aus. Nur wenn die Deutschen weiterkommen, wird ein Gastronom vielleicht doch schwach.

Im Platzhirsch wurden vorsichtshalber die Fernseher abgeschraubt: „Niemand soll auf die Idee kommen, wir könnten die Spiele vielleicht doch zeigen“, sagt die Mitarbeiterin Jasmin Wichmann. Das Wirtshaus am Hans-im-Glück-Brunnen hat sich dem bundesweiten Boykott der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar angeschlossen. In Stuttgart verzichten knapp ein halbes Dutzend Lokale auf die Übertragung des Wettbewerbs. Dazu gehören die klassischen Fußball-Kneipen Maulwurf und Schlesinger, auch im Heslacher Ritterstüble findet das Turnier nicht statt. Und Dennis Shipley zeigt im Leonhardts und in der Alten Kanzlei ebenfalls keine Weltmeisterschaft. „Man ist dem Geld gefolgt“, kritisiert der Gastronom die Vergabe an den Wüstenstaat.

Der Platzhirsch setzt ein Zeichen

Alle Welt- und Europameisterschaften waren bisher im Platzhirsch zu sehen. Draußen wurde eine große Leinwand aufgestellt, im zweiten Stock hingen noch die Fernseher an der Wand. Aber wegen der Menschenrechtssituation in Katar „muss man ein Zeichen setzen“, sagt Jasmin Wichmann. Abgesehen davon sei die Übertragung im Winter „ein Blödsinn“ für die Gastronomie. Die Spiele müssten im Innenraum gezeigt werden, und dort wollte sie nicht jeder Gast sehen. Momentan sei der Laden sowieso voll, berichtet sie, „die Leute haben den Drang, auszugehen“. Unklar sei natürlich, wie sich die Lage entwickele, wenn die deutsche Mannschaft ein Abendspiel habe. Aber Jasmin Wichmann rechnet nicht mit Umsatzeinbußen.

Bierverkostung im Maulwurf statt Deutschland-Spiel

Nur ein kleiner Hinweis: in der Vaihinger Kneipe Maulwurf läuft kein WM-Spiel. Foto: Maulwurf

Mit „Haut und Haaren“ haben sich Barbara Schreiber und Andreas Göz eigentlich dem Fußball verschrieben: Im Maulwurf waren immer alle Spiele zu sehen, sogar zu den eigentlichen Schließzeiten. „Genauso konsequent zeigen wir die WM jetzt gar nicht“, sagt die Wirtin. Ihren Boykott verkündete sie bereits im August, die Reaktionen darauf seien seither durch die Bank positiv gewesen. Der Gradmesser werde allerdings der erste abendliche Auftritt der Nationalmannschaft sein, sagt sie. Als Alternative findet im Maulwurf eine Verkostung statt: Am Sonntag, 27. November, stellen die Braumeister vom Adler Bräu in Wiensheim von 19 Uhr an ihre Biere vor. Konzerte, ein WM-Quiz und eine Krimilesung stehen bis 18. Dezember noch an.

Neuer Slogan für den Schlesinger

Martin Arnold hat den Slogan vom Schlesinger um das Wörtchen „kein“ ergänzt: „Schnitzel, kein Fußball, Bier“, heißt er jetzt, und darüber hat sich niemand beschwert. Momentan sei „die Hölle los“, bestätigt der Kneipenchef die Eindrücke vom Platzhirsch. Er vermutet, dass es an der Schließzeit wegen der Parkhaus-Sanierung liegt. „Die Leute haben uns offensichtlich vermisst, das ist ein superschönes Zeichen“, freut er sich. Mangels allgemeiner WM-Stimmung rechnet er nicht damit, dass sich die Lage ändert. Die Termine der Deutschland-Spiele hat sich Martin Arnold trotzdem in den Kalender geschrieben, um Statistik führen zu können – ob dann weniger Gäste kommen.

Im Ritterstüble wird das Turnier mit Missachtung gestraft

Im Heslacher Ritterstüble fiel die Meinung eindeutig aus: Bei einer Befragung der Mitglieder des Vereins, der das Lokal gepachtet hat, stimmten 39 gegen die Übertragung der Spiele und nur acht dafür. Axel Littig hat nun nicht einmal mitbekommen, dass am Sonntag Anpfiff war. „Keiner hat es in der Kneipe vermisst“, berichtet der Vereinsvorstand und Geschäftsführer des Lokals. Die Stammtische hätten sich wie üblich getroffen und Karten gespielt. Mit „größtmöglicher Missachtung“ wird im Ritterstüble die Ausbeutung von Menschen in Katar und die Korruption in der Fifa gekontert. Auch privat wird Axel Littig kein einziges Spiel anschauen.

Dennis Shipley findet die WM traurig

Dennis Shipley möchte zwar „nicht politisieren“. Dennoch verzichtet er im Leonhardts am Fernsehturm in Degerloch und der Alten Kanzlei am Schillerplatz auf Public Viewing. Die WM hätte nie nach Katar vergeben werden sollen – unter anderem wegen der politischen Situation und aus Gründen der Nachhaltigkeit. Weil viele Menschen dieser Meinung seien, befürchtet er „schlechte Presse“, wenn er die Spiele zeigen würde. Hinzu komme, dass große Leinwände Energiefresser seien, und auch das passe nicht in die Zeit. Nicht zuletzt fehle die Euphorie: „Es ist eine traurige WM“, findet Dennis Shipley. Als bekennender Fußballfan will er das Turnier aber privat verfolgen. „Mir geht es dabei um den Sport“, sagt der Gastronom. Und sollte die deutsche Mannschaft die Vorrunde überstehen, „dann denke ich noch mal über den ein oder anderen Flachbildschirm in meinen Restaurants nach“.