Fußverkehr in der Innenstadt Pläne für Flanierrouten sind umstritten

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Die Stadt möchte den Fußverkehr verbessern und hat dazu ein umfangreiches Konzept erarbeitet – das natürlich auch viel Geld kostet. Der Verein Fuss e.V. begrüßt zwar das Engagement der Stadtverwaltung, hält aber von dem Konzept wenig.

Parken auf dem Gehweg? Für die Fußlobbyisten ein Unding. Der Platz gehört aus ihrer Sicht den Fußgängern. Foto: Kathrin Wesely ( Archiv)
Parken auf dem Gehweg? Für die Fußlobbyisten ein Unding. Der Platz gehört aus ihrer Sicht den Fußgängern. Foto: Kathrin Wesely ( Archiv)

S-Süd - Eigentlich müsste Peter Erben ein neues Konzept zur Förderung des Fußverkehrs gut finden. Vergangenes Jahr hat Erben einen Stuttgarter Ableger des bundesweit engagierten Vereins Fußverkehr Deutschland gegründet, Lobbyarbeit für Fußgänger ist also sein Spezialgebiet. Fußgänger gelten in Stuttgart als die vernachlässigten Verkehrsteilnehmer. Das sieht man auch im Rathaus so. Wolfgang Forderer, Leiter der Abteilung Mobilität, hat deshalb in Zusammenarbeit mit der Planersocietät Dortmund ein Konzept entworfen, nach dem die 14 Hauptwege in der Innenstadt maßgeblich aufgebessert werden soll. Zudem sind 16 sogenannte Flanierrouten geplant, die eben nicht nur das Ziel haben sollen, Fußgänger sicher von A nach B zu bringen, sondern dabei hübsch aussehen sollen. Mit etwa 800 000 Euro rechnet Forderer in den kommenden zehn Jahren.

Flanierrouten sind dem Verein zu wenig – Bußgelder sollen höher sein

Peter Erben macht ob dieser schönen Ideen der Stadt trotzdem keine Luftsprünge. Sicherlich seien die Hauptfußwege das zentrale Thema – „Flanierrouten sind ein Zuckerle.“ Das Konzept setze aber an den falschen Punkten an. Zuerst müssen die aktuellen Bedingungen für Fußgänger verbessert werden. „Uns ist das alles zu sehr in die Zukunft gedacht“, sagt Erben. Stuttgart muss weg von dem Image der Autostadt. Das ist seine klare Forderung.

Oberste Priorität hat seiner Meinung nach die Einhaltung der Straßenverkehrsordnung. Gegen Parksünder müsse die Stadt konsequenter vorgehen. „Von dem Geld müsste ein erheblicher Anteil in mehr Überwachungspersonal fließen“, findet Erben. Auch höhere Bußgelder würden helfen. Das schrecke die notorischen Falschparker ab, glaubt er. Letztlich sind Bußgelder aber bundesweit einheitlich und obliegen nicht der Entscheidung der Länder oder gar einer einzelnen Stadtverwaltung.

Strengere Kontrollen führen nicht zwingend zu besserem Verhalten der Autofahrer

Joachim Elser hat auf die Forderungen eine einfache Antwort: „Wenn sich jeder an die Vorschriften hält, brauchen wir keine Kontrollen.“ Dass Autofahrer dies in Zukunft bereitwillig tun, ist für den Leiter der städtischen Verkehrsbehörde aber eher eine Utopie. Manches Verhalten sei schon ein gesellschaftliches Problem: „Wir haben ein Höchstmaß an Mobilität, aber ein hohes Maß an Bequemlichkeit.“ Die meisten glaubten, sie hätten schlicht keine Zeit, um ihr Auto ordnungsgemäß zu parken.

Seiner Erfahrung nach bewirken Kontrollen nur bis zu einem gewissen Maß einen Lerneffekt: „Das hat sich beim Shared Space in der Tübinger Straße gezeigt.“ Die Bilanz der Überwachung war eine ernüchternde: Tatsächlich wurden im Jahr 2013 etwa 6000 Verwarnungen an Autofahrer ausgesprochen. Das Ergebnis? Niemanden hielt dies vom Falschparken ab. Erst mit den neuen Bänken und Fahrradständern habe sich die Situation verbessert.

Der Fußgängerverein beruft sich in seinen Argumenten auf den städtischen Plan „Verkehrsentwicklung 2030“. Darin findet er ein „klares Bekenntnis zur Förderung des Fußverkehrs“. Quasi eine Art Selbstverpflichtung der Stadt – aus dem Jahr 2011. „Wir haben 2017 und die Stadt macht eher Rückschritte“, sagt Erben. Gehwegparken sei ja inzwischen „legalisiert“, ergänzt er spitz. Und das neue Konzept suggeriere, mit ein paar „kosmetischen Maßnahmen“ sei es getan. Viel zu wenig, findet er. Man müsse konsequent Platz schaffen für Fußgänger: „Der öffentliche Raum gehört neu verteilt. Wo steht denn, dass eine Ampel auf dem Gehweg sein muss?“ Auch seien die neuen Parkscheinautomaten ebenso wie Ladestationen für Elektroautos wie selbstverständlich auf den Bordsteinen platziert worden. Zumindest die Gehwege müssten komplett den Fußgängern gehören.

Im Stuttgarter Süden war der Fuß e.V. auf Wunsch von Bezirksvorsteher Raiko Grieb in die Planungen für das Konzept einbezogen. An einer ausgewählten Straße für eine Flanierroute – die Möhringer Straße zwischen Matthäuskirche und Marienplatz – kritisierten sie, dies sei eine reine „Autoabstellfläche“. Beim Fußverein versteht man generell nicht, wie die Stadt eine Flaniermeile definiert: „Eine Wohngegend, in der Autos parken?“

Die ausgewählten Flanierrouten im Süden sind umstritten

Raiko Grieb hält die Möhringer Straße für geeignet. Dort seien mehr Fußgänger unterwegs, weil die Straße ruhiger als die Böheim- oder Böblinger Straße sei. Bisher sei man noch in der Planungsphase, die Einwände des Fußvereins seien aber in die Pläne eingeflossen. Grieb ist ein großer Befürworter der Flanierrouten: „Das hat Vorteile für den Handel und die Gastronomie.“ Tatsächlich glaubt er, man müsse sich von der Idee, überall mit dem Auto vor die Tür zu fahren, verabschieden: „Zu Fuß erlebt man eine Stadt doch auch ganz anders.“

Und Wolfgang Forderer, der natürlich nach wie vor hinter seinem Konzept steht, mahnt zur Geduld: „Wir müssen das jetzt nacheinander auf die Reihe kriegen.“ So habe man auch Hinweise des Vereins in die Mängelliste aufgenommen. „Die arbeiten wir ab.“ Gut findet er, dass es mit dem Verein endlich eine Lobby für die Fußgänger in Stuttgart gibt. Er ist überzeugt, dass man inzwischen auf einem guten Weg ist: „Die Sensibilität für Fußgänger wächst hier.“

Verständnis zwischen allen Verkehrsteilnehmern fehlt bisher

Vor allzu großer Euphorie warnt er aber: „Eine komplett autofreie Innenstadt werden wir sicherlich nie haben.“ Die Erreichbarkeit des Zentrums für Anwohner und Händler müsse auch künftig gewährleistet sein. „Auch im Hospitalviertel wohnen ein paar tausend Menschen.“ Der Zielkonflikt zwischen Autofahrern, Radlern und Fußgängern werde noch eine ganze Weile sein „tägliches Problem“ bleiben.

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