Gedenken an Luftangriff vor 75 Jahren in Stuttgart Feuersturm und Friedensboten

Von Christoph Kutzer 

Die Stuttgarter Innenstadt ist in der Nacht vom 12. auf den 13. September Ziel eines britischen Luftangriffs geworden. Fast 1000 Menschen starben damals. Die Kirchen haben in Gottesdiensten dran erinnert.

Die Stuttgarter Innenstadt am Ende des Zweiten Weltkriegs: vorne das zerstörte Rathaus, dahinter die Stiftskirche. Foto: dpa/dpaweb/A0009
Die Stuttgarter Innenstadt am Ende des Zweiten Weltkriegs: vorne das zerstörte Rathaus, dahinter die Stiftskirche. Foto: dpa/dpaweb/A0009

Stuttgart - Tief klingt die Gloriosa, die größte Glocke der Hospitalkirche, über den Hof. Am Donnerstagabend läutet sie als Zeichen der Erinnerung an die Nacht vom 12. auf den 13. September 1944, als die Stuttgarter Innenstadt von britischen Fliegern zu weiten Teilen zerstört wurde. Tausende von Brand- und Sprengbomben gingen bei diesem schwersten von insgesamt 53 Luftangriffen auf die Stadt nieder. 957 Menschen starben, 1600 wurden verwundet, 14 blieben vermisst. Rund 50 000 Stuttgarter waren nach dem Bombardement obdachlos.

Ökumenisches Gedenken

75 Jahre später gedenken die Stuttgarter Innenstadtgemeinden ökumenisch der Opfer, erinnern aber auch an die Vorgeschichte des Militärschlags und des durch ungünstige Winde begünstigten Feuersturms. „Die Angriffe waren Folge einer menschenverachtenden Ideologie“, mahnt Eberhard Schwarz, Pfarrer der Hospitalkirche, zur Selbstreflexion. Auch viele Christen hätten sich den Nationalsozialisten angeschlossen. Matthias Felsenstein, Vorsitzender des Kirchengemeinderats, verweist konkret auf die Deutschen Christen, warnt jedoch vor wohlfeilen Urteilen über jene, die sich mitschuldig gemacht haben.

Auszugsweise verlesene Aufzeichnungen aus der Hospitalgemeinde dokumentieren, wie man mit Fliegeralarm und Zerstörung umging. Bilder zeigen das Gotteshaus als Ruine: Lediglich die Wände zur Hospital- und Gymnasiumstraße und der Chor blieben stehen. Ende 1944 waren alle Stuttgarter Kirchen außer der heutigen Waldkirche an der Doggenburg zerbombt.

Erinnerungen an die Bombennacht

Im Anschluss an die Gedenkstunde machen sich die Teilnehmer mit Diakonin Cornelia Götz auf den Weg zur Stiftskirche. „Ich erinnere mich noch genau, dass wir am 12. September außerhalb von Stuttgart waren und den Widerschein der Flammen sahen“, erinnert sich eine ältere Frau. „Meine Mutter sagte zu mir: jetzt verbrennt dein Bettle.“ Der Gang durch die heutige Stadt weckt Erinnerungen – und seien es die der Eltern und Großeltern.

In der Hauptkirche der Evangelischen Landeskirche in Württemberg setzt Pfarrer Matthias Vosseler andere Erinnerungsschwerpunkte. Er würdigt Helmut Thielicke. Dem Vertreter der Bekennenden Kirche war bereits im Jahr 1940 seine Professur in Heidelberg entzogen worden. Vosseler zitiert aus den Erinnerungen des Theologen an seine Ankunft im nach wie vor brennenden Stuttgart am Morgen nach dem Luftangriff. Er strandete in Cannstatt. Flüchtlingsströme bewegten sich hinaus aus der Stadt. Mit einem aktuellen Bild aus dem zerstörten Aleppo schlägt Vosseler den Bogen ins Heute. Er fordert Mitgefühl für die Flüchtlinge unserer Zeit.

Hoffnung auf weniger Krieg

Der ökumenische Gedenkgottesdienst in der Domkirche St. Eberhard verbindet am Freitagnachmittag das Gedenken an die Toten mit der Hoffnung auf weniger Krieg und Aggression auf der Welt. Es sei bedenklich, dass wieder Stimmen laut würden, die auf Provokation, Polarisierung und das Schüren von Feindbildern abzielten, zeigt sich der Cannstatter Dekan Eckart Schultz-Berg in seiner Ansprache besorgt. Das sei nicht der Weg zu einem fruchtbaren Miteinander. Frieden sei ein „flüchtiger Geselle“, um den man sich bemühen müsse, sagt Schultz-Berg und erinnert an die Jahreslosung: „Suche Frieden und jage ihm nach!“

Dompfarrer Christian Hermes betont, die Erinnerung an das Leid der Stuttgarter vor 75 Jahren fordere nicht nur dazu auf, sich bewusst zu werden, wie viele Menschen täglich Opfer von Krieg und Gewalt würden, sondern sei auch Anlass zur Dankbarkeit für Frieden und Freiheit in Deutschland. Sein Fazit: „Wir sollten zu Boten des Friedens in dieser Stadt und in der Welt werden.“

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