Geschichte der Linse in Baden-Württemberg Schon in der Steinzeit liebte man Alb Leisa

Von  

Von den ersten Bauern in der Steinzeit bis in die Gegenwart sind Linsen ein ständiger Begleiter der Menschen im heutigen Baden-Württemberg. Ohne die enorm nährstoff- und proteinreiche Hülsenfrucht ist die neolithische, keltische, alemannische und schwäbische Küche undenkbar.

Rückkehr einer Totgeglaubten: In diesen beiden unscheinbaren Tütchen befindet sich Saatgut der Alblinse. 2006 brachte der Saatgut-Sammler Klaus Lange 350 Samen von „Späth’s Alblinse I“ aus dem Wawilow-Institut in St. Petersburg nach Baden-Württemberg. Es war der Beginn der Renaissance des Linsen-Anbaus auf der Schwäbischen Alb. Foto: StZ
Rückkehr einer Totgeglaubten: In diesen beiden unscheinbaren Tütchen befindet sich Saatgut der Alblinse. 2006 brachte der Saatgut-Sammler Klaus Lange 350 Samen von „Späth’s Alblinse I“ aus dem Wawilow-Institut in St. Petersburg nach Baden-Württemberg. Es war der Beginn der Renaissance des Linsen-Anbaus auf der Schwäbischen Alb. Foto: StZ

Stuttgart - Linsen sind Proteinbomben – ein Superfood, das seit der Steinzeit eine der Hauptnahrungsquellen der Menschheit ist. Deshalb war 2016 von den Vereinten Nationen auch zum Internationalen Jahr der Hülsenfrüchte erklärt worden.

Seit der Jungsteinzeit steht „Lens culinaris“, die Küchen-Linse, ganz oben auf der Speisekarte der Bewohner des Südwestens. Ob als Brei vermischt mit Getreide oder als Gemüse, die ein bis zwei Millimeter dicken und drei bis sieben Millimeter großen Hülsenfrüchte sind seit fast 10 000 Jahren eine Hauptnahrung der Schwaben und ihrer Vorfahren.

„Lens culinaris“ gehört zur Ordnung der Hülsenfrüchtler und zur Familie der Schmetterlingsblütler. Die einjährige. zehn bis 50 Zentimeter hohe krautige Kulturpflanze stammt von den wildwachsenden „Lens orientalis“ und „Lens nigricans“ ab. Da sie eine Rankhilfe benötigt, wird sie oft in Mischkultur mit Getreide angebaut.

Einwanderungswellen in den Südwesten

Das Gebiet des heutigen Baden-Württembergs wurde vor mehr als 40 000 Jahren vom modernen Menschen besiedelt. In mehreren Wellen kamen Einwanderer aus Afrika und dem Nahen Osten über den Balkan nach Mitteleuropa. Mit dem Ende der Eiszeit begann die Mittelsteinzeit (9600 bis 4500 v. Chr.). Der Übergang von der nomadischen Jäger- und Sammlerkultur zu Seehaftigkeit, Ackerbau und Viehzucht im späten sechsten Jahrtausend v. Chr. – auch neolithische Revolution genannt – markiert den Beginn der Jungsteinzeit.

Um 5500 v. Chr. siedelten sich Menschen im Südwesten an, die aus ihrer Heimat agrarisches Wissen mitbrachten. Nach Aussage des Archäobotanikers Manfred Rösch hatten sie Saatgut von Emmer und Einkorn sowie von Hülsenfrüchten wie Erbse, Ackerbohne und Linse im Gepäck.

Mit dem Ackerbau und der Sesshaftigkeit begann der „Homo sapiens“ Tongefäße herzustellen, um Nahrung aufzubewahren und zuzubereiten. Es war die Zeit der Linienbandkeramik, einer Kultur, die durch permanente Siedlungen in ganz Mitteleuropa geprägt war. Der Name leitet sich von den charakteristischen Verzierungen mit einem Bandmuster aus eckigen, spiral- oder wellenförmigen Linien ab.

Vorliebe für Hülsenfrüchte

Ausgrabungen in Ulm-Eggingen, Ludwigsburg-Oßweil, Marbach, Weiler zum Stein und Vaihingen an der Enz haben Überreste von bandkeramischen Siedlungen zu Tage gefördert, die Hinweise auf den Speisezettel der frühen Europäer geben. Laut Rösch gehörten Kulturpflanzen, die in der natürlichen Fauna Mitteleuropas gänzlich fehlten, zur Hauptnahrungsquelle. „Sie wurden erstmals im Nahen Osten oder im Mittelmeergebiet in Kultur genommen und später in unser Gebiet eingeführt.“

Am Anfang waren das die urtümlichen Weizenarten Einkorn und Emmer, die Hülsenfrüchte Linse und Erbse, die Ölsaaten Gebauter Lein und Schlafmohn. Alles übrige kam später nach und nach hinzu, zunächst Gerste und Saatweizen, am Ende der Jungsteinzeit der Dinkel, in der Bronzezeit Hirsen und die Ackerbohne, erst kurz vor den Römern, Roggen und Hafer.

Von der Steinzeit bis zu den Römern und zum Mittelalter dürfte sich bei der Zubereitung nicht viel geändert haben. „Die Menschen haben das Getreide und die Hülsenfrüchte meist als Brei gegessen.“ Emmer (auch Zweikorn genannt) hatte Rösch zufolge lange größte Bedeutung für die Ernährung. Zusammen mit Einkorn ist es das älteste kultivierte Getreide.

Speiskarte der Kelten

Archäologische Funde in einer keltischen Siedlung in Vörstetten bei Freiburg lassen darauf schließen, dass Getreide einen Großteil der damaligen Ernährung ausmachte. Hülsenfrüchte, allen voran Linsen und Erbsen, trugen ebenfalls erheblich dazu bei. Wild wachsende Pflanzen wie Hasel, Holunder, Walderdbeere, Brombeere, Himbeere, Heidelbeere, Hagebutte und Holzapfel sorgten für vitaminreiche Zusatzkost. Auch Wurzelgemüse, Kohl- und Runkelrüben sowie Ölsaaten wie Schlafmohn, Lein und Flachs wurden angebaut.

Der Proteingehalt von Ackerbohnen, Erbsen und Linsen entsprechen zu 45 bis 65 Prozent dem von Fleisch. Linsen sind reich an Mineralstoffen wie Kupfer, Phosphor, Zink, Magnesium, Eisen sowie B-Vitaminen – darunter Folsäure, die für die Blut- und Zellenbildung enorm wichtig ist. Wer ausreichend Leguminosen und Getreide isst, in dem viele Ballaststoffe enthalten sind, hat eine vollwertige Ernährungsgrundlage – und das vegan, ganz ohne Fleisch.

Frühe Linsen-Küche

Die Speisekarte der neolithischen Bauern, der bronzezeitlichen Bewohner der Pfahlbauten am Bodensee, der Kelten und Alemannen unterschied sich nicht grundsätzlich von der heutiger Schwaben. Bei Ausgrabungen in einer Kelten-Siedlung im oberschwäbischen Riedlingen wurden Scherben von tönernen Kochtöpfen mit Abdrücken von Linsen und eingebrannten Essensresten.

Die Funde geben einen Einblick in die frühe Küche, die sich mit der heutigen durchaus messen kann. Eintopf mit Linsen, Ackerbohnen, Speck, Spelzgerste oder Ur-Dinkel war schon damals sehr beliebt. Spätzle sind allerdings erst ab dem 18. Jahrhundert belegt.

Perfekter Boden für Linsenanbau

Dass die Linse ihren Siegeszug ausgerechnet auf der Schwäbischen Alb antreten konnte, hängt mit den hiesigen Böden zusammen. Linsen brauchen einen mergeligen oder sandigen, kalkhaltigen und lockeren Lehmboden. Hinzu kommt, dass sie keinerlei Stickstoff-Düngung benötigen, weil sie mit Hilfe von Knöllchenbakterien in der Lage sind Stickstoff aus der Luft zu binden.

Auch wenn Linsen gut auf den trockenen Muschelkalkböden in Württemberg, Thüringen, Hessen, in der Eifel und in Franken gedeihen, waren die Erträge doch nie sonderlich hoch. Die Hülsenfrüchte wurden oft zusammen mit Getreide ausgesät, um das Ernterisiko zu streuen.

Heimat der Linse

Die Heimat der Linse ist der Fruchtbare Halbmond, jene Region, die sich wie eine Mondsichel in einem weiten Bogen vom Süden des Irak über den Norden Syriens, den Libanon, Israel, Palästina und Jordanien erstreckt. In den Hochkulturen Ägyptens und Mesopotamiens spielte die Linse eine zentrale Rolle bei der Ernährung. Schon um 10 000 v. Chr. wurde sie im Land am Nil angebaut. Linsen wurden den Toten als Wegzehrung mit ins Grab gegeben. In der Bibel verkauft Esau sein Erstgeburtsrecht an seinen Zwillingsbruder Jakob für einen Teller Linsen (Buch Genesis, Kapitel 25, Verse 29 bis 34).

Auch bei Kelten, Römern und Germanen waren Linsen das „täglich Brot“. Sie galten als Arme-Leute-Essen – zu Zeiten Karls des Großen genauso wie unter den württembergischen Herzögen und Königen. „Die Linse allgemein bekannt und eine sehr beliebte Kochfrucht, wird in Deutschland doch nur in geringer Ausdehnung und in mehreren Gegenden gar nicht gebaut, hauptsächlich wegen der unsicheren und geringen Erträge“, schreibt der Agrarschriftsteller Alexander von Lengerke (1802-1853) im Jahr 1840.