Gesellschaft Heimat ist kein Kampfbegriff

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Heimat ist etwas zutiefst Individuelles, Emotionales. In politischen Wortschlachten beantwortet ein so gefühlsbetonter Begriff keine einzige Frage, kommentiert Katja Bauer.

Frank Walter Steinmeier bei seiner Rede zum Tag der Deutschen Einheit. Foto: dpa
Frank Walter Steinmeier bei seiner Rede zum Tag der Deutschen Einheit. Foto: dpa

Berlin - Haben wir ein Problem mit dem Begriff Heimat? Das scheint die Ausgangsthese in der erstaunlichen Debatte zu sein, die sich entspinnt, seit der Bundespräsident das Wort in seiner Rede zum 3. Oktober benutzt hat.

Bei genauerer Betrachtung allerdings spricht nichts dafür. Weder wird das Wort Heimat im Alltag gemieden, noch stimmt die Behauptung, es werde in der Politik nicht verwendet – außer von sogenannten Neurechten, also der AfD. Im Gegenteil: In den Wahlprogrammen von Unionsparteien und SPD zum Beispiel findet Heimat ganz normal statt, man findet es in Politikerreden jeder Couleur.

Das ist vielleicht bisher deshalb nicht aufgefallen, weil es in dieser Republik kein Kampfbegriff war. Die Mehrheit der Deutschen verbindet mit Heimat wenig Kontroverses, kann aber eine Menge damit anfangen. Zahllose Umfragen sagen das seit Jahrzehnten: Der Begriff ist positiv besetzt, und zwar in einer ganz bestimmten Weise. Familie, Kindheit, Landschaft, Essen, Geborgenheit – damit assoziieren Menschen Heimat, übrigens weit bevor sie zu dem Begriff „Deutschland“ kommen.

Heimat wird einem vom Zufall beschert

Heimat ist zuallererst etwas höchst Individuelles, etwas Privates, etwas Emotionales. Das Wort definiert aber zweitens noch etwas anderes: Heimat ist etwas, das man sich weder aussuchen noch beschaffen kann, da regiert der Zufall. Und man kann es verlieren. Man kann nach einem neuen Zuhause suchen, aber nach einer neuen Herkunft nicht. Diese Definition hat politische Fallhöhe – sie benennt in einer Zeit der Fluchtbewegungen ein nicht wegzudiskutierendes Privileg.

Es könnte deshalb sehr leicht in die Irre führen, wenn dieser emotionsgetränkte Begriff ausgerechnet in den Debatten benutzt wird, mit denen sich die Gesellschaft so schwer tut: Da ist einerseits die offene Frage nach gemeinsamen Werten und einem kulturellen Überbau. Wer kann nach seiner Façon neben wem leben, wer muss sich anpassen? Und da ist andererseits die bittere Frage nach dem Privileg der Zugehörigkeit: Wer darf hier sein und wer nicht?

Für eine Leitkultur kann man sich entscheiden

Man kann eine Menge Wörter finden, die diese Probleme beschreiben, aber Begriffsdebatten beantworten keine Fragen. Was nicht heißt, dass es unwichtig wäre, präzise zu sein: Es ist ein Unterschied, ob man über Leitkultur oder Heimat spricht. Für die Zustimmung zu einer gemeinsamen Leitkultur kann man sich als Einwanderer entscheiden, man muss es sogar, wenn man zum Beispiel die Staatsangehörigkeit will. Für eine Heimat, die auf Herkunft fußt, kann man das nicht.

Auch wer in seiner angestammten Heimat bleibt, muss sich damit beschäftigen, dass sie sich verändert – vielleicht zu schnell, vielleicht nicht wie gewünscht. Der Bundespräsident hat in diese Richtung gezielt: Sein Signal ging an die Menschen, die ihm gesagt hatten, sie „verstünden ihr Land nicht mehr“. Steinmeier artikulierte kurz nach der Wahl das Verlustgefühl in Teilen der Bevölkerung, das sich nun auch im Parlament abzeichnet: Die Volksparteien wurden abgestraft zugunsten einer Partei, die vorgibt für diese Gruppe laut zu werden.

Die Deutungshoheit als schwindendes Gut

Heimat wird hier als schwindendes Gut definiert. Das dient als Rechtfertigung für die Wut über unerwünschte Veränderungen, über Neuerungen, die verunsichern. Eine nicht kleine Gruppe hat das schmerzliche Gefühl, die Deutungshoheit darüber einzubüßen, was in diesem Land zu bleiben habe, wie es war. Das Gefühl, die bestimmende Mehrheit zu sein, erodiert immer, wenn sich ein gesellschaftlicher Wandel vollzieht, mit dem man nichts zu tun haben will: Die gleichgeschlechtliche Ehe ist dafür ein Beispiel. Der Bundespräsident ist der richtige Mann, um solche Emotionen zu artikulieren, die er in der Bevölkerung wahrnimmt. So lässt sich Steinmeiers Einwurf gut verstehen. Aber als Kampfbegriff ist das Wort Heimat gefährlich.