Die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften gibt Empfehlungen dazu, wie sich Deutschland für den Klimawandel wappnen müsse. Doch es gibt Streit: Vier beteiligte Forscher tragen das Gutachten nicht mit und kritisieren Äußerungen zum Temperaturanstieg.

Stuttgart - Alle reden darüber, wie man den CO2-Ausstoß verringert – die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften (Acatech) fragt sich hingegen, wie man mit den Folgen des Klimawandels umgeht. Dass die Temperatur in den kommenden Jahrzehnten weiter steigen wird, im Durchschnitt um 1,2 Grad oder mehr, gilt schließlich als ausgemacht. Vor einem Jahr hat die Akademie daher eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen und mit Spenden ihres Fördervereins finanziert; im Oktober hätte sie ihr Positionspapier der Öffentlichkeit vorstellen wollen (zu den Empfehlungen siehe den Beitrag auf der nächsten Seite).

Doch die Medien wurden vorab informiert (die StZ berichtete) und noch vor der Einleitung der Stellungnahme wird in einer Fußnote der Streit offengelegt: vier Mitglieder der 43-köpfigen Arbeitsgruppe möchten das Papier nicht mittragen. Acatech hat ihnen angeboten, ein Sondervotum in den Bericht aufzunehmen, doch das haben die vier abgelehnt. Was ist falsch daran, auf die Anpassung an den Klimawandel besonders einzugehen, wenn dieser Punkt, wie es im Bericht heißt, zu einer „effektiven Klimapolitik“ gehört, gleichwohl aber wenig diskutiert wird?

„Keiner der Autoren ist Experte der Klimaforschung“

Aus dem Gremium ausgetreten sind der Vizepräsident des Deutschen Wetterdienstes, Paul Becker, der Meteorologe Hans von Storch vom Helmholtz-Zentrum für Material- und Küstenforschung sowie zwei weitere Klimaforscher – ein Verlust für die Studie, wie von Storch findet: „Am Ende ist keiner der Autoren ausgewiesener Experte der Klimaforschung.“ In einer eigenen Stellungnahme beschreiben die vier Forscher einen „fundamentalen Dissens“: Ihrer Ansicht nach hat die Klimaforschung die physikalischen Grundlagen von Treibhausgasen und Temperaturanstieg hinreichend geklärt. Acatech hält hingegen fest, dass man nicht abschätzen könne, wie sehr die Sonnenaktivität und Vulkanausbrüche das Klima der vergangenen 150 Jahre beeinflusst haben. Der Weltklimarat hatte es in seinem letzten Bericht als „sehr wahrscheinlich“ bezeichnet, dass der größte Teil des gemessenen Temperaturanstiegs der vergangenen Jahrzehnte auf Treibhausgase zurückgeht.

Die relativierende Äußerung im Acatech-Bericht erhält ihre Brisanz, weil der RWE-Manager Fritz Vahrenholt zu den drei Koordinatoren der Untersuchung gehört. Vahrenholt hat Anfang des Jahres ein Buch veröffentlicht, dessen Untertitel „Warum die Klimakatastrophe nicht stattfindet“ ihn klar positioniert. Von Storch findet, dass Vahrenholt damit „als Moderator verbrannt“ sei und von seinem Amt hätte zurücktreten müssen. Bei Acatech sieht man dafür keinen zwingenden Grund: Vahrenholt sei schon vor Veröffentlichung seines Buchs berufen worden – als Experte für Energiethemen und als Vertreter der Wirtschaft. Ein Ziel von Acatech sei, Wissenschaft und Wirtschaft zusammenzubringen, erklärt ein Sprecher der Akademie. Von Storch wirft Acatech hingegen vor, „kein vernünftiges Leitungsgremium“ zusammengestellt zu haben.

Der Bericht sagt nicht klar, welche Bedeutung die relativierende Aussage zum Klimawandel hat; das entsprechende Kapitel trägt die Überschrift „grundsätzliche Herausforderungen“. Grundsätzlich ist auch ein weiterer Einwand, den von Storch vorbringt: Man hätte die Strategien der Anpassung nicht losgelöst von der Alternative, der Vermeidung von Treibhausgasen, diskutieren dürfen. „Man hätte gleich zu Anfang klarstellen müssen, dass der Anpassungsbedarf steigt, wenn die Emissionen steigen“, sagt er. Die Vermeidung von CO2 sei Gegenstand anderer Studien, heißt es dazu bei Acatech.

Die Empfehlungen von Acatech

Die weltweiten Bemühungen, den Klimawandel durch einen verringerten Ausstoß von Treibhausgasen zu bremsen, treten auf der Stelle: „85,7 Prozent der CO2-Emissionen kommen aus Staaten, die keine absoluten Emissionsminderungen vorsehen“, heißt es in dem Bericht „Anpassungsstrategien in der Klimapolitik“ der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften. Vielmehr wollen einige große Staaten die Nutzung fossiler Brennstoffe – und damit den CO2-Ausstoß – sogar noch erhöhen. Daher hält es die Akademie für wichtig, dass sich Deutschland jetzt mit der Frage befasst, wie sich die Folgen des Klimawandels mildern lassen.

Gerade für Großstädte wie Stuttgart sind solche Überlegungen nicht von der Hand zu weisen: „Von besonderer Bedeutung ist die Gefahr einer zusätzlichen Wärmebelastung für die Stadtbewohner“, warnen die Verfasser des Berichts. Vor allem ältere und kranke Menschen sowie Personen mit Herz-Kreislauf-Problemen seien gefährdet. Doch auch gesunde Menschen werden in Zukunft vor allem in den Städten unter immer häufigeren und stärkeren Hitzewellen leiden. Daher empfiehlt der Bericht, Kalt- beziehungsweise Frischluftschneisen frei zu halten, Wasserflächen in den „Stadtkörper“ einzubinden, Arkaden zu bauen und Grünanlagen einzurichten. Als weitere Anpassungsmaßnahme sollte die Kanalisation so aufgerüstet werden, dass sie auch heftige Regenfälle besser verkraftet als heute. Und Städte und Gemeinden entlang von Bächen und Flüssen sollten sich noch besser gegen die steigende Gefahr durch Hochwasser wappnen.

Eine entscheidende Rolle bei der Anpassung an den Klimawandel weist der Bericht – neben den Initiativen privater Hausbesitzer – den „kommunalen und regionalen Gebietskörperschaften“ zu. Zu den Zielen vor Ort gehöre dabei, die „Klimawirksamkeit von Grünflächen zu erhalten und zu verbessern, Potenziale städtischer Brachflächen zur Anpassung an steigende Sommertemperaturen und veränderte Niederschlagsverhältnisse zu nutzen und die Aufenthaltsqualität in dicht bebauten Stadtgebieten trotz steigender Sommertemperaturen und Hitzewellen zu erhalten und zu verbessern.“

Insgesamt lassen die Verfasser des Berichts keinen Zweifel daran, dass auf vielen Gebieten Anpassungen an die zu erwartenden Veränderungen unerlässlich sein werden. Das reicht von einem verbesserten Küstenschutz wegen des steigenden Meeresspiegels über den Anbau hitze- und trockenresistenter Pflanzen bis zu neuen Tourismusstrategien, weil in den Mittelgebirgen immer häufiger kein Schnee mehr liegt. (Klaus Zintz)