Gymnasium in Baden-Württemberg 107 000 Unterstützer wollen eine Reform des Gymnasiums

So viel Rückenwind für eine direktdemokratische Initiative gab es in Baden-Württemberg noch nie. Foto: dpa/Marijan Murat

Die Elterninitiative für die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium toppt ihren alten Rekord: Aus 77 000 Unterschriften sind in den letzten drei Wochen 106 950 geworden.

Politik/Baden-Württemberg : Bärbel Krauß (luß)

Die Elterninitiative für die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium hat ihren Erfolg von vor drei Wochen noch einmal deutlich übertroffen: Aus 77 000 Unterschriften sind 106 950 geworden. Ein Jahr hat die Initiative „G9 jetzt!“ gesammelt. So viele Anhänger befürworten jetzt den Volksantrag, der die Abkehr vom Abitur nach acht Jahren durchsetzen will.

 

So viel Unterstützung gab es bei direktdemokratischen Initiativen im Land noch nie. Allzu viele Vorgänger gab es zwar noch nicht. Aber das Volksbegehren „Rettet die Bienen“, das oft zum Vergleich herangezogen wird, brachte 84 000 Unterschriften auf die Waage.

„Historischer Erfolg“

Rechtlich hat der Stimmenzuwachs keine Wirkung. Aber das politische Gewicht des Volksantrags ist noch einmal gewachsen. Von einem „historischen Erfolg“ sprach Landtagsvizepräsident Wolfgang Reinhart (CDU), von einem „starken Signal“ sprachen der SPD-Vizefraktionschef Nicolas Fink und der FDP-Bildungspolitiker Timm Kern. „Offensichtlich hat es dieses Anstoßes bedurft“, ergänzte der CDU-Bildungspolitiker Alexander Becker.

Die Vertreter der drei Fraktionen im Landtag machten keinen Hehl aus ihrer Sympathie für das Anliegen der beiden Frauen und ihrer Unterstützer. Apropos Unterstützer: Im praktischen Sinne zählt der CDU-Abgeordnete Raimund Haser auch dazu. Er bot Corinna Fellner, deren Wohnort Amtzell in seinem Wahlkreis Ravensburg liegt, mit ihren Kartons eine Mitfahrgelegenheit. Ein echter „Schwertransport“ sei das gewesen, sagte er nach der Ankunft.

Nicht dabei waren bei der Diskussionsrunde im Landtag Vertreter der Grünen-Fraktion. Sie hätten, wie Anja Plesch-Krubner betonte, kurzfristig abgesagt. CDU, SPD und FDP unterstützen die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium schon länger. Die Grünen haben sich bisher stets hinter das achtjährige Gymnasium als Regelschule gestellt. Allerdings sind die Positionen auch dort in Bewegung. Parteistrategen fürchten schon länger, dass die Konkurrenz die Grünen als einzige G8-Befürworter im nächsten Wahlkampf zwiebeln könnten. Spätestens seit Ministerpräsident Winfried Kretschmann das Bürgerforum zur Zukunft des Gymnasiums ins Leben gerufen hat, zeichnet sich eine gymnasiale Wende auch beim Koalitionsführer ab.

Allerdings liegt aktuell noch im Nebel, wie sie vollzogen wird. Klar ist, dass der Landtag spätestens in einem halben Jahr über den Volksantrag entscheiden muss. Das Bürgerforum hat vor wenigen Tagen angekündigt, am 11. Dezember ein Kurzvotum zum künftigen Gymnasium abzugeben. Danach ist auch mit einer ersten Positionierung der Landesregierung zu rechnen. Im Januar will das Bürgerforum seinen ausführlichen Abschlussbericht verfassen. Dieser wird wohl wie die Vorstellungen der Elterninitiative bei Gesprächen über eine Gymnasialreform berücksichtigt.

„Es wird jetzt offene Gespräche geben“

Sorgen einiger G9-Unterstützer, dass die Grünen den rund 107 000-fachen Bürgerwunsch nach einer Neuordnung des Gymnasiums ignorieren könnten, weil der Koalitionsvertrag eine Absage an bildungspolitische Strukturreformen enthält, suchte der CDU-Bildungspolitiker Alexander Becker am Montag nach Kräften zu zerstreuen. „Dass ein Bürgerbegehren in die Politik hineinspielt, hat mit dem Koalitionsvertrag gar nichts zu tun“, betonte er. „Es wird jetzt offene Gespräche geben.“ Man müsse den Grünen nun auch Zeit geben, auf die veränderte Lage zu reagieren. „Wir werden uns jetzt natürlich eine genaue Kostenaufstellung machen lassen.“

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Gymnasium Schule Bildungspolitik G9