Handball-EM in Deutschland Das sagt Uwe Gensheimer zu den deutschen EM-Chancen

Uwe Gensheimer (li.) ist noch verletzt und kann seinen Rhein-Neckar Löwen nicht helfen. Foto: IMAGO/Lobeca/IMAGO/Max Krause

Uwe Gensheimer war viele Jahre Kapitän der Handball-Nationalmannschaft. Der derzeit verletzte Linksaußen der Rhein-Neckar Löwen spricht über die EM, die Gefahr im Eröffnungsspiel gegen die Schweiz und seine Erfahrungen mit Handballspielen im Fußballstadion.

Sport: Jürgen Frey (jüf)

Vor dem EM-Eröffnungsspiel am nächsten Mittwoch (20.45 Uhr/ZDF) gegen die Schweiz testet die deutsche Handball-Nationalmannschaft noch an diesem Donnerstag (16 Uhr/ARD) in Flensburg und am Samstag (18 Uhr/ARD) in Kiel jeweils gegen Portugal. Der ehemalige Kapitän Uwe Gensheimer schätzt die Lage ein.

 

Herr Gensheimer, schauen Sie als künftiger Sportlicher Leiter der Rhein-Neckar Löwen anders auf die anstehende Heim-EM?

Bestimmt, es wird für mich ja das erste Mal sein, dass ich diese Perspektive einnehme, auch wenn ich erst im Juli offiziell starte. So eine EM ist immer ein Schaufenster für viele Spieler, auch wenn man die Topleute im Optimalfall schon einiges früher auf dem Zettel haben sollte, bevor sie bei einem solchen Großturnier auftrumpfen.

Wo und wie werden Sie die EM konkret verfolgen?

Zum einen habe ich die Rolle als Botschafter für den Standort Mannheim und werde in meiner Heimatstadt viele Spiele live verfolgen. Zudem werde ich auf jeden Fall beim Eröffnungsspiel in Düsseldorf vor Ort sein und möchte auch danach möglichst alle Spiele des deutschen Teams in den Hallen sehen. Vorausgesetzt, es lässt sich mit dem Mannschaftstraining bei den Löwen vereinbaren, in das ich dann nach meiner Verletzung hoffentlich bald wieder einsteigen kann.

Was trauen Sie dem deutschen Team zu?

Wir gehören mit dem aktuellen Kader nicht zum Favoritenkreis. Ich sehe aber eine starke deutsche Nationalmannschaft, die in zwei bis drei Jahren noch besser sein wird. Aufgrund des jungen Durchschnittsalters, speziell der Spieler auf den Schlüsselpositionen, sehe ich auf jeden Fall eine rosige Zukunft. Dass wir jetzt schon im Januar auf dem Niveau der Topteams sind, wage ich zu bezweifeln. Mit den eigenen Fans im Rücken gibt es aber immer die Chance, über sich hinauszuwachsen.

„Vielversprechende Achse“

Was müssen die Trümpfe sein?

Ich habe es 2019 bei der WM selbst miterlebt: Wir hatten schon beim Warmmachen Gänsehaut. Vor eigenem Publikum zu spielen, setzt Kräfte frei. Da kann man die Füße schneller bewegen, das gibt einem einen riesen Push. Zudem haben wir eine vielsprechende Achse – nicht zuletzt auch im Hinblick auf das so wichtige Umschaltspiel. Mit Johannes Golla, Julian Köster, Juri Knorr und schnellen Außenspielern können wir viel Tempo machen und die Gegner vor schwierige Aufgaben stellen. Unsere geschlossene Abwehr mit guten Torhütern wird uns viele Ballgewinne ermöglichen.

Lastet zu viel auf den Schultern von Spielmacher Juri Knorr?

Ich glaube, Juri kann sehr gut damit umgehen. Trotz seines jungen Alters kann er sehr gut kanalisieren, was von den Medien hereingetragen wird und was für die Mannschaft wichtig ist.

David Späth ist ebenfalls einer Ihrer Mannheimer Vereinskollegen. Was erwarten Sie von ihm?

Er wird gemeinsam mit Andreas Wolff ein super Torhütergespann bilden. Andi wird erster Mann sein, und David brennt dahinter auf seine Chance, ihn kannst du immer reinwerfen. Seine Präsenz, sein Charakter, seine Emotionen werden uns gut tun. Er wird alles aufsaugen und nach jeder Parade das Publikum unglaublich mitnehmen. Das puscht ungemein.

Nur zwei von vier Mannschaften kommen aus jeder Vorrundengruppe in die Hauptrunde. Dem Eröffnungsspiel gegen die Schweiz mit Ihrem ehemaligen Mannheimer Mitspieler Andy Schmid kommt enorme Bedeutung zu.

Das stimmt, das Eröffnungsspiel gibt die Richtung vor und ein gewisses Bauchgrummeln kann auch ich nicht verhehlen. Die Schweiz hat viele aktuelle Top-Bundesligaspieler im Kader wie Nikola Portner, Lenny Rubin, Lucas Meister, Manuel Zehnder oder dem Stuttgarter Lukas Laube. Sie sind unangenehm zu spielen, sie haben das Sieben-gegen-Sechs-Überzahlspiel perfektioniert. Und mit Andy Schmid haben sie einen der ganz wenigen Spieler auf der Welt in ihren Reihen, der seine Entscheidungen im Spiel optimal trifft.

„Es besteht auch eine Gefahr“

Welche Rolle spielt es, dass das Eröffnungsspiel in Düsseldorf im Fußballstadion über die Bühne geht?

Ich habe es selbst mitgemacht, als wir 2014 mit den Rhein-Neckar Löwen gegen den HSV Hamburg vor über 44 000 Zuschauern in der damaligen Commerzbank-Arena in Frankfurt gespielt haben. Es ist schon etwas ganz Spezielles, auch weil die Zuschauer nicht so nah dran sind wie in der Halle. Es kommt weniger Druck auf dem Feld, beim Gegner, bei den Schiedsrichtern an. Es wird dennoch eine fantastische Stimmung herrschen, aber es besteht auch eine Gefahr.

Welche?

Dass du bei über 50 000 Zuschauern und der Euphorie, die herrschen wird, ungeduldig wirst. Du darfst aber nicht überpacen und die Ruhe verlieren. Es ist extrem wichtig, cool zu bleiben. Wir dürfen uns nicht verleiten lassen, zwei, drei Bälle wegzuwerfen. Gerade gegen die Schweiz, wenn sie mit ihrem Überzahlspiel erfolgreich ist.

Wer holt den EM-Titel?

An Dänemark führt kein Weg vorbei, dahinter kommt Frankreich. Auch Spanien und vor allem Island schätze ich stark ein. Und vielleicht überrascht ja unsere Mannschaft. Ich traue ihr das Erreichen der K.-o.-Spiele zu, und dann ist auch immer alles möglich.

Zur Person

Karriere
Uwe Gensheimer wurde am 26. Oktober 1986 in Mannheim geboren. Als 16-Jähriger wechselte er vom TV Friedrichsfeld zu den Rhein-Neckar Löwen und entwickelte sich dort zu einem Aushängeschild des deutschen Handballs. Der Linksaußen war mit nur einer Unterbrechung immer für die Löwen am Ball – von 2016 bis 2019 spielte er für Paris Saint-Germain. Mit den Rhein-Neckar Löwen gewann Gensheimer 2013 den EHF-Pokal, 2016 die deutsche Meisterschaft und 2023 den DHB-Pokal. In der Nationalmannschaft kam er bis zu seinem Rücktritt 2021 auf 204 Länderspiele (921 Tore) und gewann 2016 Olympia-Bronze. Der langjährige DHB-Kapitän ist der bisher erfolgreichste deutsche Torschütze bei Weltmeisterschaften.

Persönliches
Zusammen mit den Handballspielern Andy Schmid und Marko Vukelic gründete Uwe Gensheimer 2013 eine Modemarke. Das Unternehmen heißt „uandwoo“. 2020 erfolgte die Übernahme durch „Atair“. Gensheimer ist verheiratet mit Sandra. Das Paar hat einen Sohn Matti. (jüf)

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