Haruki Murakamis neuer Roman Einsamkeit, Sex, Geschichte

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Haruki Murakami bringt im ersten Band seiner neuen Roman-Zweiteilers „Die Ermordung des Commendatore“ Obsessionen zum Sprechen und hält sich mit traumwandlerischer Sicherheit auf dem schmalen Grat zwischen Edelkitsch und Fantasie.

Der Roman dreht sich um einen Meister der traditionellen Nihonga-Malerei. Hier eine Figur von Murakami Kagaku aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Foto: Y. Taikan
Der Roman dreht sich um einen Meister der traditionellen Nihonga-Malerei. Hier eine Figur von Murakami Kagaku aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Foto: Y. Taikan

Stuttgart - An Haruki Murakami scheiden sich die Geister: wo die einen einem Erzähler zu lauschen glauben, der den Einsamen und Bindungslosen einer vergletscherten Gegenwart einen Durchlass in wärmende Fantasien öffnet, blicken andere nur verständnislos auf erfolgsorientierten literarischen Plattenbau; wo jene sich an die sprachliche Klarheit und Ökonomie eines Zen-Meisters erinnert fühlen, lesen diese nur Sprüche fürs Poesiealbum; worin die einen den Ausdruck eines unverwechselbaren Personalstils vernehmen, hören andere nur die absehbaren Grobschlächtigkeiten einer Bestsellerschmiede, ein gesichtsloses Esperanto für den literarischen Weltmarkt.

Eigentlich ist man damit schon mitten in dem neuen Roman „Eine Idee erscheint“, dem ersten Teil der „Ermordung des Commendatore“. Nicht nur weil die sukzessive Veröffentlichungsstrategie – die nächste Band erscheint im April – sich bereits bei Murakamis voriger Parallelwelt-Trilogie „IQ84“ als gelungenes Verkaufsmanöver erwiesen hat. Sondern weil das neue Großwerk mit einem unheimlichen gesichtslosen Auftraggeber beginnt, der einen Maler mit dem Wunsch, porträtiert zu werden, zur Verzweiflung bringt. Denn wie will man zeichnen, wo nichts ist.

Traurig-aseptische sexuelle Verrichtungen

„Eine Idee erscheint“ wird erzählt von einem Künstler, der seine Berufung an das Geschäftsmodell Leute zu porträtieren verraten hat, der von seiner Frau verlassen wurde und nun in jeder Hinsicht an einem Scheidepunkt seines Lebens angekommen ist. Im Abstand einiger Jahre ruft er sich die zurückliegenden Ereignisse ins Gedächtnis. Eine typische Murakami-Figur mithin, einsam, von einigen traurig-aseptischen sexuellen Verrichtungen abgesehen, dessen enttäuschte Liebe vor allem in edler Musik und alten Platten wiederklingt. Die gibt es reichlich, wo er Unterschlupf gefunden hat, im leestehenden Haus eines Freundes, dessen Vater seinerseits ein berühmter Maler war – eines seiner Bilder gab dem Zyklus seinen Namen: „Die Ermordung des Commendatore“. Er findet es auf dem Dachboden des Hauses versteckt, es zeigt eine in die traditionelle japanische Nihonga-Malerei übersetzte Szene aus Mozarts Oper „Don Giovanni“. Oder doch ein Attentatsversuch auf einen Nazi-Funktionär im Wien des Jahres 1938, in den der Vater des Freundes, der zu dieser Zeit in Österreich Kunst studierte, verstrickt gewesen sein könnte? Damit beginnen die Dinge etwas unübersichtlich zu werden. Und so reduziert und einfach gehalten der realistische Stil der Darstellung sich zeigt, so vielschichtig entfaltet sich die Geschichte.

Da ist der merkwürdige Nachbar, der in der Bergeinsamkeit in der Nähe des Künstler-Refugiums eine luxuriöse Villa bewohnt und dem aus seinem Leben gefallenen Porträtisten Unsummen für ein Abbild von sich bietet. Wie hängt die wiedererlangte Schaffenskraft mit dem mysteriösen nächtlichen Läuten zusammen, das aus dem vermauerten Brunnenschacht einer nahen Weihestätte dringt? Und was soll man zu dem pumuckelartigen, etwa 60 Zentimeter großen Wesen sagen, das irgendwann im Commendatore-Kostüm aus dem rätselhaften Bild steigt, sich als ins Leben getretene Idee zu erkennen gibt und damit zwar den Titel des Romans erklärt, aber doch viele weitere Fragen aufwirft. Nun ist es ja nicht das erste Mal, dass man bei Murakami unversehens in benachbarten Paralleluniversen landet, voller sprechender Katzen oder „little people“ wie in „IQ84“. Murakami-Exegeten retten sich gerne mit dem Hinweis auf Ironie aus den sonderbaren Zumutungen seiner Texte. Doch vielleicht entfalten diese ihre Aufsässigkeit gerade umgekehrt in der nüchternen Sachlichkeit, in der noch die abseitigsten Begegnungen festgehalten werden.

Insgesamt scheinen die Grenzen zwischen Fantastik und Wirklichkeit in der zeitgenössischen Romanproduktion durchlässiger geworden zu sein. Kaum einer aber überschreitet sie so zwanglos wie der japanische Autor, Sohn eines buddhistischen Priesters und Kind einer globalisierten Gegenwart, von deren glatten Oberflächen es ihn immer wieder in die Tiefe zieht.

Allein auf dem Grund des Brunnens

So taucht auch hier ein Topos auf, der seit dem Roman „Mister Aufziehvogel“ geradezu als Leitmetapher der asketischen Selbsterfahrung dieser zur Klaustrophobie neigenden Protagonisten gelten kann. Es ist die Vorstellung allein auf dem Grund eines tiefen Brunnens zu sitzen. Murakamis Romane sind Reisen ins Innere und zu ihrem verqueren Charme gehört, dass ­dieses Innere häufig klingt wie ein Äußeres: „Die Welt ist Vorstellung, das ist die ­Wahrheit. Vorstellung ist Wahrheit und Wahrheit Vorstellung“, so spricht das Ideen-Pumuckel.

Mit anderen Worten: die Wahrheit ist ein Zwischenreich. Über den fahlen Klang dieser Behauptung hinaus besticht jedoch die geradezu beiläufige Kunstfertigkeit, mit der alle Eindeutigkeiten nach und nach ins Gleiten geraten: „Da das Haus, in dem ich wohnte, genau an der Wetterscheide stand, kam es vor, dass im Garten ein starker Schauer niederging, obwohl auf der Vorderseite die Sonne schien.“

Schauplätze werden zu Metaphern, Obsessionen zu Ereignissen, Konventionen zu Stilmitteln, Banales wird zu Vielsagendem, Östliches zu Westlichem - letzteres in Sprachlicher Hinsicht dank der Übersetzungskunst von Ursula Gräfe. So entwickelt sich diese Geschichte mit der biegsamen Plausibilität der Traumarbeit, zieht immer Entlegeneres in ihren Sog, auch eine anstößige Neigung zu jungen Mädchen, verpackt als Hommage an „Alice im Wunderland“. Und man hat durchaus das Gefühl, nicht nur einem Künstler bei der Verfertigung seiner Bilder, sondern auch einem Autor bei der Verfertigung seines Romans zuzuschauen.

„So sehr ich mich auch bemühte, das Ganze als einen Traum abzutun, wusste ich doch, dass es keiner gewesen war. Vielleicht war es nicht real gewesen, aber geträumt hatte ich nicht.“ Ein Drittes also, mit Entweder-Oder ist es hier nicht getan. Wenn sich daran die Geister scheiden, ist das ein Problem der Geister. Mehr als die Frage Hokuspokus oder Tiefsinn, Kolportage oder Hohe Literatur interessiert den Leser wohl vor allem eines: wie geht es weiter?

Haruki Murakami: Die Ermordung des Commendatore I. Eine Idee erscheint. Roman. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. Dumont Verlag. 480 Seiten, 26 Euro.