Seit Jahrtausenden fasten Menschen – und fühlen sich danach besser. Nun versucht die Wissenschaft den heilsamen Effekt zu erklären. Wir klären, was bislang bekannt ist.

Fasten gehört inzwischen zum guten Ton: temporärer Essensverzicht statt permanenter Völlerei. Doch der Nahrungsverzicht ist viel mehr als eine Modeerscheinung in Zeiten der Kalorienflut: Die Studienlage wächst rasant, was kurzes oder intermittierendes Fasten betrifft. Und es gibt zunehmend Studien, die belegen, dass Langzeitfasten eine Umstellung des Stoffwechsels bewirkt und sich positiv auf chronische Erkrankungen auswirkt. Für wen sich der Nahrungsverzicht anbietet und wie nachhaltig die Effekte sind – dazu ein Überblick.

Was bedeutet Heilfasten?

Den Begriff „Heilfasten“ hat der deutsche Arzt Otto Buchinger 1935 geprägt, der davon überzeugt war, dass es einer regelmäßigen Körperreinigung bedarf, um die Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Beim Buchinger-Heilfasten nimmt der Fastende pro Tag etwa 250 Kilokalorien auf – als Frucht¬saft, Gemüsebrühe und Tee. Wichtig bei der Buchinger-Methode ist außerdem der Dreiklang Medizin, Gemeinschaft und Inspiration. Weshalb es an der Kliniken Buchinger Wilhemi am Bodensee und Marbella neben einem medizinischen Begleitprogramm auch kulturelle, meditative und sportliche Aktivitäten gibt. Es gibt aber auch andere Ernährungsstrategien, die sich positiv auf die Gesundheit auswirken, erklärt Andreas Michalsen, Professor für Naturheilkunde an der Berliner Charit. Etwa die Mayr-Kur, die mit Kautraining und Bauchmassagen das Verdauungssystem anregt. Aber auch das Scheinfasten des US-amerikanischen Altersforschers Valter Longo hält Michalsen für eine alltagstaugliche Kur: Hierbei nehmen Fastende mit Hilfe veganer und zuckerfreier Ernährung etwa 1100 Kilokalorien am ersten Tag zu sich, dann rund 750 Kilokalorien an den Tagen zwei bis fünf. Der gesundheitsfördernde Effekt sei bei dieser Form allerdings etwas abgeschwächt, so Michalsen.

Wie oft sollte man heilfasten?

Der Mediziner Andreas Michalsen, Professor für Naturheilkunde an der Berliner Charité, empfiehlt: Lieber kurz und dafür öfter. „Ich rate dazu, fünf bis sieben Tage zu fasten, und das drei- oder viermal im Jahr.“ Welche Fastenkur man wählt, sei nicht so wichtig. „Es kommt in erster Linie darauf an, wenig zu essen.“ Die Wegmarke sind etwa 600 Kilokalorien am Tag. Eine ärztliche Begleitung brauche es bei an sich gesunden Menschen nicht unbedingt. Sie sei aber dennoch ratsam, ergänzt Françoise Wilhelmi de Toledo, wissenschaftliche Leiterin der Klinik Buchinger Wilhelmi am Bodensee. Nach Erfahrung der Medizinerin wird beim Langzeitfasten die gesamte Physiologie des Menschen umgestellt, weshalb eine ärztliche Betreuung insbesondere bei Menschen sinnvoll sei, die medikamentöse Behandlungen nehmen.

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Wie gesund ist Fasten?

„Wir setzen die Fastentherapie vorrangig bei folgenden Krankheitsbildern ein: rheumatische Erkrankungen, Reizdarm, Übergewicht verbunden mit Bluthochdruck und hohen Blutzuckerwerten sowie chronische Schmerzsyndrome“, sagt Michalsen. Da seien die Effekte am besten wissenschaftlich belegt und publiziert. Positive Ergebnisse gebe es auch bei Asthma, Neurodermitis, Allergien und Diabetes Typ 2. Françoise Wilhelmi de Toledo bestätigt: „Insbesondere bei Stoffwechselerkrankungen und entzündlichen Gelenkerkrankungen sind die Ergebnisse des Langzeitfastens erstaunlich: Bei Patienten, die zu Beginn des Fastens ihre Finger kaum schließen konnten, gehen die Schwellungen an den Gelenken nach wenigen Tagen spürbar zurück.“ Physiotherapien und Anwendungen, die in der Klinik begleitend angeboten werden, fördern den Effekt.

Was passiert beim Fasten?

„Wir haben das Fastenprogramm in den Genen“, sagt Wilhelmi de Toledo. Schon in der Steinzeit hätten die Menschen im Winter Perioden von Nahrungsmangel überstehen müssen. Zunächst ist das Heilfasten für den Körper mit physiologischem Stress verbunden: Bleibt die Nahrung aus, muss der Organismus seinen Stoffwechsel umstellen. Der Abbau von Fetten und deren Umwandlung in der Leber beginnt. Dabei entstehen Ketone – energiereiche Verbindungen, die das Gehirn mit Energie versorgen können. Dabei werden Neuronen vor Entzündungen geschützt und intensiver regeneriert, was bei degenerativen Hirnerkrankungen eine wichtige Rolle spielt. Der Ketonstoffwechsel könne das „Fasten-High“ auslösen – einen euphorisierten Zustand, der in gewisser Weise antidepressiv wirke, weshalb Wilhelmi de Toledo Langzeitfasten auch Menschen mit depressiven Verstimmungen und einer familiären Geschichte von Alzheimer, Parkinson oder Demenz als Prävention empfiehlt. Auch auf Schmerzpatienten habe die entzündungsmindernde Wirkung des Fastens sowie mögliche Freisetzung von Serotonin und körpereigenen Opioiden einen positiven Effekt. Gleichzeitig würden chronische Entzündungsherde im Körper – wie bei Rheuma, Allergien und Hauterkrankungen – reduziert.

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Was hat es mit dem Entschlacken auf sich?

Eine wirkliche Entgiftung findet nicht statt, sagt Michalsen. Dennoch fördere das Fasten eine Art Entmüllung der Zellen. Mit der sogenannten Autophagie ist ein komplexes Selbstverdauungsprogramm gemeint, das Zellen von geschädigten Mikrostrukturen reinigt. „Wird nach dem Fasten progressiv wieder Nahrung zugeführt, kommt es zu einem regelrechten Neubau an Zellen aus Stammzellen, weshalb man auch von einer Zellverjüngung spricht“, sagt Wilhelmi de Toledo. Diese „Körperfrische“, die man nach dem Fasten spüre, so die Ärztin, sei auch dem Umstand geschuldet, dass die Verdauungsorgane eine Ruhepause genossen haben.

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Hilft Fasten gegen Krebs?

Es gibt Hinweise, dass Heilfasten auch bei Krebspatienten vor und während einer Chemotherapie eingesetzt werden kann – weil sich dadurch die Verträglichkeit verbessert. Ob Fasten aber auch die Krebstherapie erleichtert, wie manche Experten vermuten, muss in Langzeitstudien noch geklärt werden. Die Theorie dahinter: Während die gesunden Körperzellen beim Fasten in einen Schutzmodus umschalten, ignoriert die Krebszelle den Mangelzustand und teilt sich ungehemmt weiter – was sie für die Chemotherapie angreifbarer macht.

Wie nachhaltig ist der Fasteneffekt?

„Fasten ist kein Allheilmittel“, sagt Michalsen. Um von den positiven Effekten zu profitieren, müsse man danach seinen Lebensstil umstellen, so der Experte der Charité. Beispielsweise verändert sich durch den Nahrungsstopp das Mikrobiom im Darm – „es geht sozusagen auf seine Werkseinstellung zurück“. Daher sei es entscheidend, dass man sich nach dem Fasten dauerhaft gesund ernährt. Nach Erfahrungen der Klinik Buchinger Wilhelmi schafft ein Drittel der Patienten diesen positiven Wechsel; einem weiteren Drittel gelingt es immerhin, dass der Gesundheitszustand sich stabilisiert.

Wie sinnvoll ist Intervallfasten?

Es ist ein steter Wechsel zwischen Nahrungsaufnahme und Fastenperioden von 12 bis 16 Stunden. „Die gesundheitsfördernden Effekte des Intervallfasten sind nicht so stark wie beim Heilfasten“, sagt Michalsen. Doch je länger dieses Kurzzeitfasten ausgeübt werde, desto präventiver wirke es. Er empfiehlt, nach dem Heilfasten nahtlos das Intervallfasten anzuschließen.

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