Kaum hat man den Engel betreten, fallen die vielen Holzskulpturen in der Gaststätte auf. Skulpturen in einer Gaststätte mit Metzgerei? Für den Betreiber Dominik Heinkele ist das ein wunderbarer Ausgleich zu seinem Knochenjob in einer Metzgerei mit großer Tradition. Doch von vorn.
Schon seit 1760 macht die Familie Heinkele im Grafenauer Teilort Dätzingen Wurst- und Fleischwaren. „Der 1723 geborene Metzger-Urahn Joseph Nikolaus Heinkele hat nicht nur geschlachtet, sondern war parallel auch noch Engel-Wirt, Landwirt, Bürgermeister, Richter und Posthalter“, sagt schmunzelnd Dominik Heinkele, der mit seinem Bruder Christoph nunmehr in der neunten Generation das Metzgerhandwerk weiterleben lässt.
Vor rund zehn Jahren haben die Eltern Geschäft und Gaststätte an die Söhne übergeben. Christoph ist vorwiegend im Stammhaus aktiv, während sich Dominik hauptsächlich um die Filiale in Weil der Stadt kümmert. Für beide hieß es schon während der Schulzeit Mithelfen – auch beim Schlachten. „Für mich war immer klar, dass Rinder und Schweine gegessen werden, aber auch der Respekt für das Vieh und der würdige Umgang mit den Tieren vor der Schlachtung waren normal“, betont Dominik Heinkele.
Wachsames Auge für die Modernisierung des Schlachthofs
„Bis vor zehn Jahren haben wir noch selbst geschlachtet, doch dann sind die Auflagen so streng geworden, dass wir vom Schlachthof Gärtringen schlachten ließen“, fügt er hinzu. Weil dort das Tierwohl offensichtlich nicht an erster Stelle stand, musste dieser denn auch vorerst geschlossen werden. Heinkele sitzt dort nun im Aufsichtsrat und wird bei der geplanten Modernisierung ein wachsames Auge darauf haben, dass keine Missstände mehr auftreten.
Derzeit lässt Heinkele beim Metzger Kienzle in Gechingen schlachten und achtet bei den Lieferanten darauf, dass diese aus der Region kommen und alles nachverfolgbar ist: Schweinefleisch aus Ostelsheim, Rindfleisch aus Aidlingen und für den Gaststättenbedarf kommen Kartoffeln, Öl, Mehl, Eier, Linsen und Bauernbrot ebenfalls aus nächster Nähe. „Fleischkonsum, der aus pervers gewordener Tierhaltung stammt“, wie Heinkele das nennt, ist ein „No Go“.
Bürokratische Vorgaben machen Metzgern das Leben schwer
Die bürokratischen Vorgaben von Ampel und EU machen den Metzgern das Leben dennoch schwer. „Die Lebensmittelkontrolle erfordert jeden Tag, eine Flut von DIN A4-Seiten ausfüllen zu müssen. In Deutschland achtet man, im Gegensatz zu manch anderen EU-Ländern, besonders pedantisch auf die Befolgung jedes kleinen und oft überflüssigen Details“, sagt Dominik Heinkele. Das erfordere Kraft und Durchhaltevermögen, die für wichtigere Dinge gebraucht werden könnten, wenn man ohnehin bestrebt ist, bestmögliche Arbeit abzuliefern.
Dennoch verzagt Heinkele nicht, auch wenn er manchmal kaum mehr weiß, wie die Anforderungen zu stemmen sind. Neben einem Partyservice kam vor 10 Jahren auch noch ein „Essen auf Rädern“-Angebot hinzu – für ältere oder behinderte Menschen ein Segen. Dafür ist inzwischen vieles auf die Schultern von rund 20 Mitarbeitern verteilt. Da die Heinkeles mehrgleisig unterwegs sind, kamen sie auch bei Corona nicht unter die Räder und konnten den Gaststättenbetrieb aufrecht erhalten.
Die Metzger wollen im Gemeinderat die Finger in Wunden legen
Die Heinkele-Brüder wollten aber auch politisch ein Zeichen für mehr Gerechtigkeit setzen und gründeten 2018 den Ortsverband der Partei „Die Partei“, mit der sie es auch in den Gemeinderat schafften. Das traf wohl bei vielen Grafenauern auf Unverständnis; doch Dominik Heinkele sagt: „Kritiker sollten sich lieber mal das Wahlprogramm anschauen. Die Partei legt Finger in die Wunden, auch wenn nicht jeder den satirischen Ansatz versteht. Das ist quasi wie beim Hofnarren, der dem König den Spiegel vorhält“.
Inzwischen sitzt aber nur noch Bruder Christoph im Gemeinderat. Weil ihm der zeitliche Aufwand zu groß ist, hat Dominik inzwischen auch folgende Ehrenämter abgegeben: Stellvertretender Obermeister der Fleischerinnung Böblingen, Wirtschaftsleiter der Narrenzunft Weil der Stadt und Schriftführer beim Billardclub Dätzingen. Aber wenigstens ein Hobby will er sich bewahren, nämlich seine Gefühlswelt in der Kunst auszuleben.
Kunsterzieherin macht ihn auf Talent aufmerksam
Lange wusste er nichts von seiner künstlerischen Ader – bis er von einer Kunsterzieherin auf sein Talent aufmerksam gemacht wurde. Sein Hauptthema wurden Engel, was auch sonst? Er schuf „englische“ Holzskulpturen, die mittlerweile die Gaststätte zieren und schließlich kam er auch noch auf die Idee, mit Schweineblut zu malen und betrat damit künstlerisches Neuland.
Wann hat das Metzger-Original dafür Zeit? „Es gibt ja auch noch Sonntage, oder ich verzichte auch mal auf ein paar Stunden Schlaf.“ Dann muss er los zum Stuttgarter Feuerseefest. Maultaschen und Kartoffelsalat aus dem Heckengäu sind bestellt.