Parc Monceau, Arc de Triomphe, Eiffelturm, entlang der Seine und nach neun Kilometern und einigen Fotostopps zurück ins Homeoffice. Für Palwasha Hashimi waren die Tage in Paris eine Mischung aus Arbeit, Sightseeing und einer guten Zeit mit ihrer besten Freundin, die sie besuchte. Während diese ins Büro ging, nutzte die Teamleiterin Anfang Juli die Wohnung im zentralen achten Arrondissement als Homeoffice für ihre Arbeit bei Mercedes. Abends ging es wieder vor die Tür, zu Spaziergängen und Restaurantbesuchen.
„Die Arbeit selbst fühlte sich mit den vielen Videokonferenzen wie an jedem anderen Tag an, nur meine Laune war noch besser“, sagt Hashimi. Diese stieg weiter, als sie die drei Arbeitstage in Paris mit zwei Urlaubstagen abrundete. „Das macht meine Arbeit attraktiv – auch das Vertrauen, die Freiheit und die Flexibilität, die ich bekomme. Mir ist bewusst, dass diese Form des Arbeitens nicht mit jedem Job vereinbar ist.“
Die Pandemie hat nicht nur das Homeoffice in den eigenen vier Wänden, sondern zeitverzögert auch das Homeoffice im Ausland salonfähig gemacht. Die Beschäftigten profitieren davon, dass sie auf Mallorca oder in Prag ihren Urlaub verlängern oder Freunde treffen können und auf diese Weise Urlaubstage sparen. Die Unternehmen wiederum halten ihre Fachkräfte bei Laune oder gewinnen gar neue hinzu.
„Insbesondere die jüngere Generation erwartet deutlich flexiblere Arbeitsbedingungen“, heißt es bei Hugo Boss, wo Beschäftigte seit Herbst vergangenen Jahres für maximal 30 Tage aus dem Ausland arbeiten dürfen. Der Reiseveranstalter Tui betont, durch die maximal 30-tägigen Programme gewinne man Bewerber, „die uns bisher vielleicht nicht als potenzieller Arbeitgeber auf dem Schirm hatten“. „Wir stehen für Diversität und Internationalität. Deshalb wollen wir es möglichst allen Beschäftigten in Deutschland ermöglichen, in ihre Heimatländer zu reisen“, sagt eine Sprecherin von Bosch.
Bosch lässt die Beschäftigten bis zu 54 Arbeitstage im Ausland arbeiten
Seit April 2022 haben bei Bosch mehr als 2200 Beschäftigte aus Deutschland zeitweise das Auslands-Homeoffice genutzt. Der Technologiekonzern gewährt mit bis zu 54 Tagen nicht nur einen der längsten Zeiträume, sondern weitet die Zahl der möglichen Länder stetig aus. 56 sind es aktuell. Gerade in Afrika und Asien sind die Auflagen für Arbeitserlaubnis, Sozialversicherung und Steuer komplizierter als in der EU – wie auch Kanchalika Borriboon aus Reutlingen erfahren musste. Ein Jahr lang dauerte es, bis auch Thailand auf der Liste stand. Im Mai konnte sie dann ihre Familie in ihrem Heimatdorf Mae Chua im Norden Thailands besuchen.
„Familie ist mir sehr wichtig, wir unterstützen uns, wo wir können“, sagt Kanchalika Borriboon. Einmal im Jahr sei sie vor Ort und brauche dabei den Großteil ihres Urlaubs auf. Dieses Mal konnte sie Urlaub auch für andere Reisen sparen. In der heißen Trockenzeit stellte sie für 18 Arbeitstage ihren Schreibtisch im klimatisierten Schlafzimmer auf, der Laptop erhielt zur Sicherheit über einen Kleinventilator mehr Luft zum Kühlen. Wegen der fünfstündigen Zeitverschiebung legte die Ingenieurin in der Halbleiterfertigung die meisten Konferenzen und Absprachen in den Vormittag. Manche Meetings nahm sie bis 15 Uhr deutscher Zeit an. Probleme gab es dadurch nicht, bei Bosch zählen die Arbeitszeiten am jeweiligen Einsatzort.
Arbeit bleibt auch im Ausland Arbeit – sie fühlt sich aber anders an
Auch sonst fühlte sich die Arbeit für sie normal an – wenn nicht die Gespräche auf der schmalen Straße gewesen wäre oder ihr Neffe, der fragte, wann sie denn endlich mit ihm spielen könne. Neu war auch, dass sie ausgiebig bekocht wurde. Das gemeinsame Essen sei sehr wichtig, meint sie. Wenn man in Thailand frage, wie man gegessen habe, bedeute das, wie es einem gehe.
Borriboon hat in dieser Zeit, die sie mit etwas Urlaub zu sechs Wochen dehnte, sehr gut gegessen. So gut, dass sie bei Bosch Werbung macht. „Ich bin sehr dankbar, das Programm ist ein großer Vorteil für uns Ausländer.“ Zwei Frauen aus Georgien und Israel würden auf diese Weise ebenfalls gerne ihre Familien besuchen. „Damit hat unser komplettes Team einen Antrag gestellt.“
Auch in anderen Unternehmen werden die Programme immer stärker nachgefragt, wie eine Umfrage unserer Zeitung zeigt. Im vergangenen Jahr arbeiteten allein bei SAP, der Allianz und dem Mobilfunker Vodafone rund 7000 Beschäftigte zeitweise im Ausland. Aber auch der Modekonzern Hugo Boss, der Stuttgarter Finanzdienstleister GFT, der Sportartikelhersteller Adidas, der Automobilzulieferer Continental und der Pharmariese Merck berichten von dem wachsenden Interesse. Die Beliebtheit ist so groß, dass auch konkurrierende Unternehmen wie Deutsche Bank oder Telekom derzeit an eigenen Programmen arbeiten.
Innerhalb der EU benötigen die Antragsteller meist nur das Okay der Führungskraft, sowie ein Formular, dass das Arbeitsrechtliche absichert. Datenschutzbestimmungen müssen vor Ort eingehalten werden können. „Ich habe für den Antrag nur fünf Minuten gebraucht“, sagt Hashimi. Sie betont, wie gut ihr Arbeitsplatz in Paris technisch eingerichtet war. „Die Basics müssen stimmen – in einem Café vertrauliche Gespräche zu führen, das ginge überhaupt nicht.“
Sie wolle auch als Mercedes-Führungskraft zeigen, dass man mit modernen Tools fast überall gut arbeiten könne. „Nicht inflationär – und natürlich unter Berücksichtigung der Rahmenbedingungen.“ Sie selbst könne sich vorstellen, Ende August nochmals im Ausland zu arbeiten – in London oder Zürich beispielsweise, meint Hashimi: „Ich habe viele Freundinnen, die irgendwo in Europa wohnen.“
Was Homeoffice vom mobilen Arbeiten unterscheidet
Sprachgebrauch
Homeoffice und mobiles Arbeiten werden landläufig als Synonyme gebraucht – vor allem weil mobiles Arbeiten in der Praxis meist in der eigenen Wohnung stattfindet. Es gibt aber Unterschiede. Homeoffice bedeutet, regelmäßig in den eigenen vier Wänden zu arbeiten, betont die Gewerkschaft Verdi. Mobile Arbeit könne im Gegensatz zum Homeoffice an unterschiedlichen Orten erbracht werden, also zum Beispiel auch in einem Café. Handelt es sich um mobile Arbeit, die an einem Urlaubsort ausgeübt wird spricht man auch von Workation – ein Kofferwort aus englisch „Work“ (Arbeit) und „Vacation“ (Urlaub).
Arbeitsschutz
Sowohl für das Homeoffice als auch für das mobile Arbeiten gelten das Arbeitsschutzgesetz und das Arbeitszeitgesetz, betont die IHK. Striktere Vorgaben gelten für die Telearbeit. Hier wird vom Arbeitgeber ein fester Arbeitsplatz eingerichtet, der Laptop, Bildschirm oder sogar Büroausstattung umfasst. Dies wird in der Arbeitsstättenverordnung geregelt. Allerdings ist auch die Abgrenzung zwischen Homeoffice und Telearbeit nicht immer klar definiert.