Doch das Leiden hat ein Ende. Mit dem nun entschiedenen Wettbewerb für ein zukunftsweisendes Weiterbauen der Brenzkirche Stuttgart hat nun auch die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Stuttgart ihr eigenes Vorhaben für die IBA. Das Votum für die Kirche auf dem Weissenhof war einstimmig: Als erstplatzierter Beitrag geht aus dem Wettbewerb das Architekturbüro Wandel Lorch Götze Wach aus Frankfurt am Main hervor. Eine sehr gute Wahl.
Ursprünglich war das 1933 erbaute Gotteshaus am Kochenhof in Stuttgart-Nord an der Neuen Sachlichkeit der Bauhausarchitektur in der benachbarten Weißenhofsiedlung orientiert. Doch der vom Stuttgarter Architekten Alfred Daiber realisierte avantgardistische Bau mit seinem flachen Dach und der schlichten weißen Fassade war den Nationalsozialisten und selbst ernannten Heimatschützern sofort ein Dorn im Auge.
Auch die lokale Presse äußert sich damals kritisch bis abfällig über den formalistischen Wurf. 1938 wurde Rudolf Lempp mit dem Umbau beauftragt, ein Schüler von Paul Bonatz, der als Vertreter der sogenannten konservativen Stuttgarter Schule Karriere gemacht hat. Lempp ersetzte das Flachdach durch Satteldächer, die großen Glasflächen durch kleinteilige Fenster und ließ die gerundete Fassade begradigen.
Für viele war und ist das ein baukultureller Affront. Eine beschämende Umbausünde. Doch was tun? Der 2019 ins Leben gerufene Förderverein Brenzkirche erkannte die Chance, die sich mit der Ausrichtung der IBA `27 als Impulsgeberin bot. Die Überformung sollte getilgt werden, aber nicht ohne die Sensibilität für das historische Gedächtnis, das eben auch die Umgestaltung mit einschließt. Schließlich genießt die Brenzkirche seit dem Jahr 1983 als Kulturdenkmal besonderen Schutz.
Zurück in die Zukunft
Unter dem Motto „Brenzkirche – zurück in die Zukunft“ hatte die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Stuttgart Anfang März dieses Jahres einen Realisierungswettbewerb mit Ideenteil und einer Wettbewerbssumme von insgesamt 50 000 Euro ausgelobt. Ziel des Wettbewerbs sollte sein, Ideen und Konzepte aufzuzeigen, wie die wechselvolle (Bau-)Geschichte der Brenzkirche aufgearbeitet, dokumentiert und sicht- und erlebbar gemacht werden kann.
Eine reine Rückführung in den bauzeitlichen Ursprung war dabei nicht angedacht; eher eine behutsame Weiterentwicklung des Gebäudes, bei der sich der ursprüngliche Entwurfsgedanke im Erscheinungsbild abzeichnet. Zudem war klar: die Brenzkirche sollte Begegnungsstätte und Sakralraum bleiben, also kein Museum. Kurzum: ein zeitgemäßes Nutzungskonzept sollte her.
Als Gewinner des Realisierungswettbewerbs steht nun das renommierte Architekturbüro Wandel Lorch Götze Wach fest. Die Frankfurter sind Spezialisten für Sakralbauten. Das Büro, das schon in Dresden, München und Bayreuth beeindruckende Gebetshäuser etwa für die jüdische Gemeinschaft realisiert hat, konnte die Jury unter dem Vorsitz des Architekten, Stadtplaners und früheren Architektenkammerpräsidenten Wolfgang Riehle zweifelsfrei überzeugen. Großer Diskussionspunkt war freilich das geneigte Dach, das zwar wiederaufgenommen wird, aber nur als Zitat. Das neue Dach – „ein neues Spielfeld“ – wird wieder flach sein, man wird diesen Ort für Begegnungen nutzen können. Zudem ist so die freie Sicht über die Kreuzung zur Weißenhofsiedlung möglich. Die Kirche kommuniziert nicht nur visuell mit den benachbarten Architekturjuwelen der Stadt: Riehle betonte bei der Vorstellung des Projekts die Öffnung des Baukörpers hin zum Quartier.
Die Kirche will ein lebendiger und niederschwelliger Ort der Gemeinschaft bleiben – nicht trotz, sondern gerade dank einer geschichtsbewussten und doch anziehenden Architektur. Die Evangelische Kirche hat das Potenzial erkannt und mit Architekturwettbewerben bei der Neugestaltung ihrer Immobilien gute Erfahrungen gemacht, man denke da an den Hospitalhof, der seinerzeit nach Plänen des Architekturbüros Lederer Ragnarsdóttir Oei realisiert wurde und schnell zu einem Besuchermagneten wurde.
Bei der Brenzkirche könnte das auch funktionieren. Sowohl im Osten als auch im Westen ist der ständige Zugang für Besucher angedacht, ein Baumhain zur Landenbergstraße soll gepflanzt werden, ein natürlicher „Willkommensfilter“, wie Wolfgang Riehle sagt.
Auch die runde Ecke soll wiederhergestellt werden – genauso wie die typischen Fensteröffnungen. Die sakrale Qualität im eigentlichen Kirchenraum bleiben in den Plänen durch ein Relief und eine besondere Lichtinszenierung gewahrt. „Der Kirchenraum soll flexibilisiert werden, aber nicht zu einer Mehrzweckhalle verkommen“, sagte Wolfgang Riehle.
Nun geht es nur noch um die Umsetzung dieses spannenden und für die Stadtseele extrem diffizilen Eingriffs, wobei neben dem Baurechtsamt auch die Denkmalschutzbehörde noch ihr Okay geben müssen. Doch da bei der Jurysitzung schon ein Denkmalpfleger als Experte zugegen war, ist man von Seiten der IBA `27 und der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde als Bauherrin sehr zuversichtlich, dass man bis 2027 diesen bis ins kleinste Detail so klug gedachten Umbau im Bestand pünktlich hinbekommen wird.
Info
Vorstellung
Der Preisträger-Entwurf wird am 26. Juni 2023 in der Brenzkirche (Am Kochenhof 7) der Öffentlichkeit präsentiert. Zur Veranstaltung von 18.30 Uhr an sind alle Interessierten herzlich eingeladen, der Eintritt ist frei. Zu den Referenten gehören neben anderen Andreas Hofer, Intendant der IBA 2027, der Pfarrer der Brenzkirche Karl-Eugen Fischer sowie Thorsten Donn, Leiter des Amts für Stadtplanung und Wohnen in Stuttgart. Moderiert wird die Veranstaltung von der Studienleiterin der Evangelischen Akademie Bad Boll Kerstin Renz.