Jede Stadt hat ihre neuralgischen Orte und Plätze. Die räumlichen und sozialen Strukturen einer Stadt wie Gebäude oder Straßenzüge, aber auch die Dynamik der menschlichen Aktivitäten und der zugrundeliegenden Prozesse, lösen unterschiedliche menschliche Empfindungen aus. In Stuttgart ist es das Züblin-Parkhaus im Leonhardsviertel, das niemand kalt lässt. Ein auf den ersten Blick unscheinbares, in die Jahre gekommenes Gebäude, das unmittelbar Stress auslöst, auch weil seit Jahren die Frage im Raum steht: Soll es abgerissen werden oder nicht? Und wenn nicht, wie soll die Umnutzung ausschauen? Erst recht stellt sich diese Frage, seitdem das meistdiskutierte Parkhaus der Stadt ein Projekt der Internationalen Bauausstellung IBA `27 ist.
Einer Machbarkeitsstudie aus dem vergangenen Jahr zufolge könnte die vielstöckige Parkgarage in ein Wohnhaus verwandelt werden, was der Ausschuss des Gemeinderates seinerzeit goutierte, der Bezirksbeirat aber wegen angeblicher Unstimmigkeiten in der Studie heftig kritisierte. Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle fasst den momentanen Zustand der Debatte so zusammen: „Wir diskutieren seit Jahren über das Thema, haben Bürgerbeteiligungen abgehalten über das Thema Leonhardsvorstadt, es muss endlich etwas passieren und entschieden werden, damit es mit dem IBA-Projekt Züblin-Parkhaus weiter gehen kann.“ Anders gesagt: Es ist fünf vor zwölf!
Aber vielleicht ist der allgemeine Druck auch gut, schließlich können solche Diskussionen durchaus kreative Impulse auslösen. Vor allem dann, wenn man das Problem des Züblin-Parkhauses um eine weitere virulente Frage ergänzt: Wo und wie soll die freie Tanz- und Theaterszene eine eigene Spielstätte erhalten?
Der Bund deutscher Architekten (BDA) veranstaltet dazu eine Ausstellung über Nutzungsmöglichkeiten des Parkhauses. Thema der sehenswerten Schau im Wechselraum sind außerdem die Allianz-Hochhäuser an der Karlshöhe. Wie das Züblin-Gebäude künftig bespielt werden könnte, war das Thema einer Semesterarbeit von Studierenden der Universität Stuttgart und der Akademie der Bildenden Künste München. Vier Entwürfe samt zahlreicher Skizzen, Pläne und Modellen sind in dem kleinen, feinen Ausstellungsraum zu bewundern.
Parkhaus-Dach als Begegnungsort
Was nicht untertrieben ist, denn in allen Beispielen ging es um einen Umbau im Bestand, jeweils mit Aufstockungen und Anbauten. Auf den schon bestehenden Baukörper – das war die Bedingung – haben die Studierenden Tanzsäle, Probenräume und Cafés vorgesehen. Doch die Kultur schottet sich nie ab, im Gegenteil. Die Übergänge zwischen Stadt, Quartier, Parkhaus und Bühne sind fließend, die komplizierte architektonische Aufgabe bestand ja darin, Anwohner, Passanten und Publikum als Einheit zu denken, was nicht einfach ist im Leonhardsviertel. Das Dach des Parkhauses als Aussichtsplattform für Begegnungen zu nutzen, ist der größte Reiz der Entwürfe. Stuttgart ist vielleicht reich an Halbhöhen, aber arm an öffentlich zugänglichen Hochflächen im Kessel selbst. Das Züblin-Parkhaus würde von einem Un-Ort zu einem echten Treffpunkt nicht nur für Kulturgänger werden.
Freitreppe und Open-Air-Kino
Ein Studierendenteam hat sich zudem für eine kreative Nutzung einer Freitreppe entschieden, die auch als skulpturale Halterung für eine großdimensionierte Leinwand fungieren kann. Das Züblin-Parkhaus als Freiluft-Kino, warum eigentlich nicht? Allen Vorschlägen ist gemein, dass sie die konkreten gesellschaftspolitischen Veränderungen an diesem empfindlichen Ort der Stadt verinnerlicht haben und einen wertvollen, bedenkenswerten Beitrag zur Umnutzung dieses viel diskutierten Gebäudes darstellen. Dieser Ideenreichtum, aber auch die IBA nähren die Zuversicht, dass es mit dem Züblin-Parkhaus ein gutes Ende nehmen könnte.
Oder, wie es Andreas Hofer, nimmermüder Intendant der IBA sagt: „Vor nun auch schon wieder zwei Jahren gab es die sehr zielorientierte Beteiligung ‚Planspiel Zukunft Leonhardsvorstadt’, bei der mit den Menschen vor Ort entwickelt wurde, was die Neue Mitte können muss. Die Ergebnisse wandern seitdem durch die Ämter, um daraus eine Ausschreibung zu formulieren für die Suche nach Investorenteams, die das bauen können und wollen – durch Umbau des Parkhauses oder im kompletten Neubau. Die Hoffnung wäre, dass diese Suche nun mit mutigem IBA-Geist schlank und schnell über die Bühne geht, das sind wir den Menschen vor Ort schuldig.“