Im Trend: Tonic Water Ganz schön herb
Einst war es nur ein bittersüßer Saft, jetzt entwickelt sich Tonic Water zum Trendgetränk mit ungewöhnlichen Geschmacksnoten. Ein Überblick.
Einst war es nur ein bittersüßer Saft, jetzt entwickelt sich Tonic Water zum Trendgetränk mit ungewöhnlichen Geschmacksnoten. Ein Überblick.
Stuttgart - Sommer, Sonne, Gin Tonic. Ein Klassiker. Trendcocktails kommen und gehen ja, aber der G & T bleibt. Der Drink funktioniert mit seiner herben Frische rund um die Uhr, als Aperitif oder Longdrink, vormittags um elf oder tief in der Nacht, wie es die britischen Kolonialherren im 19. Jahrhundert vorgemacht haben.
Weil aber auch Klassiker immer wieder neu erfunden werden wollen, entwickelte sich in den vergangenen Jahren ein Hype um den besten Gin. Jetzt rücken die Filler, also die Tonics, in den Fokus.
Gerade geht es bei der bitteren Limonade vor allem um Herbals, also Kräuter, und: weniger Zucker. Fast zur gleichen Zeit brachten im Frühjahr das Berliner Unternehmen Thomas Henry das „Botanical Tonic“ und der Marktführer Schweppes „Herbal Tonic Water“ heraus. Rosmarin, Thymian, Oregano und Majoran sind die neuen Noten der Tonics.
Jahrelang wurde diskutiert: Welcher Gin? Keine ordentliche Hausbar ohne wenigstens fünferlei Sorten. Pur, stark, wacholderlastig, mediterran, eher weich? Heute gibt es zum Thema Tonic die gleiche Diskussion. Denn so, wie vor ein paar Jahren in jedem dritten Großstadt-Hinterhof eine neue Gin-Destille gegründet wurde, um dem Schnaps neues Leben einzuhauchen, wird jetzt am chininhaltigen Wasser experimentiert.
„Neue Tonic-Marken sind wie Pilze aus dem Boden geschossen“, sagt der Schweizer Peter Jauch, Autor eines stattlichen Fachwerks namens „Gin“. Zurzeit sind es vor allem die britische Firma Fever-Tree und das Berliner Unternehmen Thomas Henry, die dem Marktführer Schweppes Konkurrenz machen: Beide sind von der Bar-Nische im Supermarktregal angekommen.
Der Tonic-Markt scheint zu explodieren. Neuzugänge wie Seventeen 1724 Tonic Water (Spanien), Fentimans (England) oder Ekobryggeriet (Schweden) – sie machen mit Fichtennadel- oder Nelkenaroma-Tonics wirklich Neues – sorgen allein schon durch Vielfalt für Begeisterung. „Die Zeiten jedenfalls, in denen man wusste, welcher Gin und welches Tonic sich nach der Bestellung im Glas befand, sind längst Geschichte“, sagt Kostas Ignatiadis, seit fast 20 Jahren Bartender in der Münchner Schumann’s Bar: „So wie uns vor zehn Jahren täglich drei neue Gins in der Bar zum Test angeboten wurden, ist es jetzt mit den Tonics.“
Inzwischen gebe es „so viele Tonics wie Gins, jeder macht sein eigenes“. Und mancher macht sogar beides: wie die Destillerie The Duke, die 2007 im Hinterhof am Gin-Rezept experimentierte und heute einen arrivierten Betrieb samt Tonic-Produktion in Aschheim bei München führt. Der World Gin Map zufolge gibt es 5498 Gins, die Tonic Map steht noch aus.
Gerade besonders beliebt sind Tonics, die mit Kräutern den Gins ein gutes Gerüst bieten. Das „Mediterranean Tonic“ von Fever-Tree mit ätherischen Ölen, Noten von Rosmarin, Zitronenthymian löste den Trend aus, allein deswegen, weil mit der Kohlensäure eine duftige Ahnung von Mittelmeerküste im Glas aufsteigt. „Es harmoniert mit pur gehaltenen Gins und auch mit Gins, die durch mediterranes Aroma brillieren, wie Gin Mare zum Beispiel“, sagt Peter Jauch.
Tonic Water besteht seit der Patentzulassung im Jahre 1858 nach dem Rezept von Erasmus Bond aus Soda, Zucker, Zitronennoten und Chinin, was den bitteren Geschmack ausmacht. Lange beherrschte die Firma Schweppes mit ihrem Klassiker Indian Tonic Water den Markt, bis sich 2003 die zwei Freunde Charles Rolls und Tim Warrilow in Afrika auf die Suche nach den Zutaten für ein Spezialrezept machten. Ihr „Premium Indian Tonic Water“ startete die Erfolgsgeschichte des britischen Unternehmens Fever-Tree, das heute einen dreistelligen Millionenumsatz erzielt.
Klar, dass Schweppes da nicht tatenlos zuschauen konnte. Es brachte sein deutlich zuckerreduziertes „Dry Tonic Water“ heraus. Als „knochentrocken“ beschreibt Kostas Ignatiadis das Tonic, er meint: „Mehr Chinin, Zitrone, Grapefruit.“
Und kaum wurde im Jahr 2018 in Großbritannien die Zuckersteuer eingeführt, um den Volkskrankheiten Diabetes und Übergewicht entgegenzusteuern, legte Fever-Tree mit „Premium Dry Tonic Water“ nach: Das enthält gerade noch 2,9 Gramm Zucker in 100 Milliliter Tonic anstatt der sonst durchschnittlichen acht Gramm Zucker – immerhin knapp drei Würfelzucker. „Aber wer es wirklich trocken-bitter mag, sollte „Light at Heart Tonic Water“ mit 2,1 Gramm Zucker von Barker and Quin probieren“, sagt Jauch.
Die neueste Entwicklung: die Verdünnung des Alkoholgehalts. „Tonics sind dafür ideal, weil sie trotz des herben Geschmacks Filler mit erstaunlich vielen Kombinationsmöglichkeiten sind“, sagt der Barexperte und Inhaber der Kölner Bar Little Link, Stephan Hinz. Dass er mit seinem Trendgespür oft richtig lag, bestätigen zahlreiche Preise, zuletzt die Auszeichnung „Innovativster Bartender 2020/21“.
Nun entwickelte er seine eigenen reduzierten Spirituosen, wo er von der Wurzel bis zur Frucht die ganze Bandbreite pflanzlicher Zutaten einsetzt und trotz des geringen Alkoholgehalts einen ausbalancierten Geschmack erlangt. „Ricordino Tonic“ hat Noten von Zitrusfrüchten und mediterranen Kräutern, „Kalyx Tonic“ wird von fruchtig-floralem Geschmack mit Rose, Hibiskus und Himbeere bestimmt.
Bis seine fertig gemischten Getränke in den Handel kommen, dauert es noch. Bis dahin müssen Tonic-Freunde sie in der Bar trinken, am Fenster abholen, sich damit in den Park setzen oder einfach weiterhin klassischen Gin Tonic bestellen – in welcher Bar wo auch immer. Das geht jetzt wieder. Der Sommer ist da.
Info
Tonic Water und Gin Tonic
Seit der Patentzulassung im Jahr 1858 nach dem Rezept von Erasmus Bond besteht Tonic Water aus Soda, Zucker, Zitronennoten und Chinin, was den bitteren Geschmack ausmacht.
Chinin wurde zur Behandlung von Malaria eingesetzt, im 19. Jahrhundert erhielten britische Truppen in Indien Chinin täglich als Malaria-Prophylaxe. Chinin schmeckt bitter. Um das Schlucken der Medizin zu vereinfachen, wurde es mit Wasser, Zucker und Früchten gemixt – die Geburtsstunde des Tonic Water.
Die britischen Truppen hatten auch immer eine Gin-Ration bei sich. Mit der Erlaubnis ihrer Offiziere fügten sie ihrer täglichen Tonic-Medizin auch Gin hinzu – der Gin Tonic war erfunden.
Chinin
Chinin wird aus der Rinde des Cinchona, des „Fieberbaums“, gewonnen. Vor rund 350 Jahren wurde es als ein hochwirksames Mittel zur Behandlung gegen Malaria entdeckt. Heute gibt es andere Mittel zur Linderung der Krankheit, Chinin dient aber immer noch als Basis.