Imogen Stidworthy im Württembergischen Kunstverein Wenn die Sprache verloren geht

Sprechen ohne Mundbewegung: Bauchrednerin in der Videoinstallation „Dummy“ Foto: WKV
Sprechen ohne Mundbewegung: Bauchrednerin in der Videoinstallation „Dummy“ Foto: WKV

Der Württembergische Kunstverein zeigt Videos der britischen Künstlerin Imogen Stidworthy. Besucher brauchen für die Ausstellung Zeit und Geduld.

Kultur: Adrienne Braun (adr)
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Stuttgart - Der Volksmund ist überzeugt: Manche Menschen muss man zu ihrem Glück zwingen. Auch im Württembergischen Kunstverein (WKV) scheint man überzeugt zu sein, dass man das Publikum manchmal zur Kunst zwingen sollte. In der neuen Ausstellung der britischen Künstlerin Imogen Stidworthy werden Videos gezeigt. Und damit die Besucher auch wirklich alle Arbeiten komplett anschauen, laufen die neun Video­installationen nicht parallel, sondern werden in einer Art Parcours nacheinander eingeschaltet. Gesamte Laufzeit: hundert Minuten.

Der WKV nennt das eine „neue Form der Präsentation von Medienwerken“. Aber man kann sich schon fragen, ob die Kuratoren ihrem Publikum so wenig trauen – oder gar glauben, dass Stidworthys Arbeiten selbst nicht fesseln können. In der Tat ist das Konzept der Videokünstlerin interessanter als das künstlerische Ergebnis. Ihr Thema ist das Sprechen – und die Frage, wie sich kommunizieren lässt, wenn die Sprache abhandengekommen ist. Deshalb besucht sie Menschen, die nicht sprechen können oder, wie der Abhörspezialist Sacha van Loo, blind sind. In der Videoinstallation „Sacha (listening)“ sieht man den Mann bei der Arbeit. Er hört etwas über Kopfhörer. Was er analysiert, was seine besonderen Fertigkeiten sind, das erfährt man allerdings nicht.

In „The Whisper Heard“ soll ein Mann, der seine Sprache durch einen Schlaganfall verloren hat, einen Text von Jules Verne nachsprechen. Wenn er hilflos sagt „Es ist alles verloren“ und „am Ende“, bekommt das zumindest eine ungeahnte Bedeutung.

Stidworthy hat eine WG autistischer Menschen besucht

Für eine dreiteilige Videoinstallation ist Stidworthy ins französische Örtchen Monoblet gereist, wo der Sozialpsychologe Fernand Deligny in den sechziger Jahren ein Wohnprojekt für autistische Kinder eröffnete. Die Bewegungsabläufe und Gesten der Kinder wurden beobachtete, notiert und auch gefilmt. Stidworthy verbindet das Material nun mit eigenem und zeigt in „Eine Kartografie des Fegens“, wie die inzwischen Erwachsenen bestimmte Bewegungsmuster oft stundenlang akribisch wiederholen. Der eine zeichnet zahllose Quadrate aufs Blatt, die andere wiederholt Schrittfolgen. Quietschend hinterlässt der dicke Filzstift breite Striche auf der Fläche, dann wieder scheuert ein Mann beim Spülen sorgfältig die Töpfe mit fast tänzelnden, hurtigen Handgriffen.

Es ist eine Choreografie der Gesten und Bewegungsmuster, bei der unweigerlich Fragen aufkommen, was sinnvolles von sinnlosem Tun unterscheidet. Wer zieht die Grenze zwischen gesund und krank, zwischen den Bewohnern dieser Wohn­gemeinschaft und den „anderen, die wir sprechen“, wie es einmal in der Arbeit heißt, um die Abgrenzung von den Kranken zu untermauern.

Die Künstlerin ist zugleich Sammlerin

Die Schau im Kunstverein ist die erste große Einzelausstellung von Imogen Stidworthy in Deutschland. Unbekannt ist sie hierzulande nicht. Sie war vor vielen Jahren Stipendiatin der Akademie Schloss Solitude und 2007 auf der Documenta 12 in Kassel vertreten. Heute lebt die 1963 geborene Künstlerin in Amsterdam und Liverpool. Stidworthy ist eine Art Sammlerin, die bei ihren Recherchen viel Material zusammenträgt, das sie für ihre Installationen verfremdet und collagiert. Häufig überlagern sich Texte oder werden Schrift und Bild auf mehrere Leinwände verteilt. Hier zeigt sie nur die Bewegungen des Mundes in einem Spiegel, dort beobachtet die Kamera die Hände der Redenden. Ihr geht es um das soziale Miteinander, um Kommunikation jenseits des Redens, aber nicht immer lässt sich an den Arbeiten ablesen, wer hier spricht, welche Eingriffe die Künstlerin für ihre Settings vorgenommen und welche Aufgaben sie ihren Gesprächspartnern gegeben hat. Deshalb sollte man sich vorab in die ausführlichen Erklärungen zu der Ausstellung einlesen, um all das zu verstehen, was die Künstlerin in den hundert Minuten Filmmaterial allein nicht vermitteln kann.




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