Interview mit Brigitte Dethier Intendantin des Kinder- und Jugendtheaters: „Man darf nicht aufhören zu ackern“

Von Nicole Golombek 

Brigitte Dethier hat das Junge Ensemble Stuttgart seit der Gründung im Jahr 2002 zu einem international anerkannten Haus für junges Theater gemacht. Im Interview sagt sie, warum sie das Haus verlassen wird, worauf sie sich freut und was sie im Umgang mit der Politik enttäuscht hat.

Brigitte Dethier (60) hat in den nächsten drei Spielzeiten viel vor, doch nach  2022 ist Schluss, sagt sie. Dann hat sie zwanzig Jahre lang das Junge Ensemble Stuttgart geleitet. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Brigitte Dethier (60) hat in den nächsten drei Spielzeiten viel vor, doch nach 2022 ist Schluss, sagt sie. Dann hat sie zwanzig Jahre lang das Junge Ensemble Stuttgart geleitet. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Seit das Junge Ensemble Stuttgart im Jahr 2002 gegründet wurde, haben Kinder und Jugendliche die stets strahlend gelaunt wirkende Brigitte Dethier als Leiterin in dem Stuttgarter Theater erlebt. Mit Stückentwicklungen, genreübergreifenden Arbeiten hat das Haus auf sich aufmerksam gemacht und schafft es regelmäßig, beim Festival „Schöne Aussicht“ interessante Produktionen aus der ganzen Welt nach Stuttgart zu bringen. Jetzt hat die Intendantin gesagt, das nach 2022 Schluss ist.

Frau Dethier, Sie haben das Junge Ensemble Stuttgart (Jes) gegründet und aufgebaut. Wie kamen Sie zu dem Entschluss, aufzuhören?

Vertragsverlängerungen beginnen bei Intendanten und Intendantinnen ja meist recht früh, normal sind Verlängerungen um fünf Jahre. Ich hätte auch sagen können, ich mache es noch zwei oder drei Jahre. Aber ich finde, dass das Jes nach zwanzig Jahren frischen Wind bekommen muss. Sicher machen wir gute Arbeit, so selbstbewusst sind wir schon. Aber es ist wichtig, dass auch die Öffentlichkeit wieder einmal frisch und neugierig auf das schaut, was da gemacht wird im Jes.

Wie waren die ersten Reaktionen?

Die, die ich bekomme, sind alle mit großer Hochachtung verbunden, mit Sätzen wie: das gibt’s doch gar nicht, Du bist doch das Jes! So habe ich mir das gewünscht, einen Abgang mit erhobenem Haupt. Ich wollte immer gehen, wenn es am Schönsten ist und nicht weitermachen, bis mir die Haare aus den Ohren wachsen. Schon als ich mit dem Jes angefangen habe, wusste ich, das Haus ist ein so großer Schatz. Ich mache das nicht, nur weil es praktisch ist, bis zur Rente, sondern nur bis ich das Gefühl habe, es ist gut jetzt. Die Kraft weiterzumachen habe ich, möchte mich aber neu erfinden.

Können Sie dazu schon etwas verraten? Werden Sie Kinder- und Jugendtheater nun an Staatstheatern inszenieren?

Ich bekomme Angebote und habe das ja auch schon gemacht, in Saarbrücken „Ronja Räubertochter“ und in Bochum „Pünktchen und Anton“, und jetzt probe ich gerade in Berlin an der Deutschen Oper in der Tischlerei „Die Schneekönigin“ in einer Neubearbeitung. Der Jes-Dramaturg Christian Schönfelder hat das Libretto geschrieben und ein junger australischer Komponist hat eine Neukomposition gemacht. (Premiere ist am 22. November, ab 8 Jahren.) Im Jahr darauf werde ich in Weimar bei Hasko Weber voraussichtlich ein Stück für Erwachsene inszenieren.

Machen Sie es dann wie alle und ziehen nach Berlin?

Nein. Stuttgart ist meine Homebase. Ich habe nirgends so lange gelebt wie hier und ich habe hier meine Familie und viele Freundinnen und Freunde.

Was wünschen Sie Ihrem Nachfolger für das Haus?

Dass das Jes weiter wachsen kann! Wir haben uns immer noch eine Spielstätte gewünscht, zum Beispiel in der Tiefgarage, da sind Stellplätze für städtische Angestellte, die teils nicht genützt werden. Man hätte einen direkten Durchgang vom Foyer in die Tiefgarage, das wäre ein super Raum für die Jugendclubs und die Jugendtheaterschiene. Ich wünsche mir Expansion und dass das Haus nicht stehen bleibt. Für das Innerbetriebliche wünsche ich mir, dass wieder jemand kommt, die oder der mit flachen Hierarchien arbeitet und die Teamarbeit schätzt. Man muss das Theater immer wieder neu entdecken, eine große Neugierde haben, ästhetisch und inhaltlich immer neu denken.

Sorge, dass das eigenständig agierende Haus als 4. Sparte ans Staatstheater angedockt wird, haben Sie nicht?

Nein. Bei der Gründung des Jes’ wurde schon mal errechnet, dass wir als 4. Sparte eines Staatstheaters doppelt so teuer geworden wären...

Noch ist es zu früh für einen Rückblick, aber können Sie dennoch schon einmal nach hinten spickeln?

Ein bisschen frustriert hat mich in den letzten 17 Jahren, dass wir die Zusammenarbeit zwischen Theater und Schule nicht wirklich auf ein sicheres Fundament stellen konnten. Wir haben in Kunstkonzeptionen und Bildungspläne mitgeschrieben, aber immer dort, wo es Geld kostet, wurden die Empfehlungen nicht nachvollzogen. In die kulturelle Bildung zu investieren, das wäre so wichtig und da fehlt es meiner Meinung nach auf Landes- und Bundesebene. Aber man darf nicht müde werden, zu ackern. Was mich wirklich beglückt, dass die kulturelle Bildung im Jes so hervorragend funktioniert. Es ist sehr schön zu sehen, wie viele Menschen wir in unserer großen theaterpädagogischen Abteilung ans Theater herangeführt haben. Generationen von Spielclubern und Spielcluberinnen, die einem begegnen und von denen uns rückgespiegelt wird, wie wichtig diese Zeit für sie war.

Und was hat sich positiv verändert?

Was mich auch glücklich macht, ist die gute Kooperation mit der Schauspielschule Stuttgart. Kinder- und Jugendtheater gilt immer wieder als nicht ernst zu nehmende Kunstsparte. Es ist wichtig, Ausbildungsstätten von unserer wertvollen Arbeit zu überzeugen, und es ist wichtig, dass die Intendanzkollegen und Kolleginnen von Bewerbern und Bewerberinnen, die vom Kinder- und Jugendtheater kommen, nicht automatisch eine Absage erteilen. Es gibt gutes und weniger gutes Theater, das gilt für alle Sparten.

Jugendliche werden derzeit ja eher ernst genommen, Stichwort Greta Thunberg und das neue Spielzeitmotto im Jes „Jes for Future“, das sich an „Friday for Future“ anlehnt. Lassen Sie sich inspirieren von der Klimaaktivistin Greta Thunberg?

Tatsächlich sind wir begeistert von dem Enthusiasmus und der politischen Haltung der Jugend. Wir erleben auch in den Spielclubs, dass die Jugend sich viel politischer zeigt. Früher fehlte in keiner Stückentwicklung mit Jugendlichen der Catwalk von Germanys Next Topmodel. Das hat sich deutlich verändert.

Der neue Spielplan zeigt einige Stücke von Autoren. Ist der Trend der Stückentwicklungen rückläufig, ist es wieder interessanter für Schauspieler, sich mit einem fremden Text auseinanderzusetzen als mit dem Selbsterdachten?

Es gilt beides. Wir, Schauspieler und Schauspielerinnen und Regisseure und Regisseurinnen, brauchen immer wieder Arbeiten von Autoren und Autorinnen, Texte, an denen wir uns reiben. Und glücklicherweise gibt es immer mehr Autoren und Autorinnen, die offen sind, deren Texte nicht unantastbar sind und die während des Schreibens oder auch später noch die Bereitschaft zeigen, aufs Ensemble zu reagieren und sich auf Veränderungen einzulassen.

So wie René Polleschs Stücke während seiner Arbeit als Regisseur mit den Schauspielern entstehen?

So in der Art. Unsere erste Premiere am 9. November ist so ein Beispiel. Die Niederländerin Hanneke Paauwe, die schon früher bei uns gearbeitet hat – etwa „In Memoriam“ am Stuttgarter Pragfriedhof - wird „Als der Baum mit den roten Haaren weinte“ schreiben und inszenieren. Ein modernes Märchen über Armut und Reichtum.

Europa ist auch ein Schwerpunkt in der Saison. Ein Dauerbrenner, derzeit noch aktueller denn je.

Wir haben mit „Identity“ ein Europäisches Jugendprojekt, mit Jugendlichen aus vier europäischen Ländern, die sich mit dem Thema Identität beschäftigen. Und mit „Hotel Europa“ machen wir eine internationale Koproduktion mit dem renommierten Ensemble des New International Encounter Theater (Nie). Da wollen wir ein leeres Haus, wenn möglich ein leeres Hotel bespielen. Das ist in Stuttgart schwer zu finden, weil es so wenig unbenutzte Orte, leere Häuser gibt. Also wenn sich jemand findet, der uns helfen kann, das wäre super!

Zur Person

Brigitte Dethier, 1959 in Haslach im Schwarzwald geboren, ist seit dem Jahr 2002 Intendantin des im selben Jahr gegründeten Jungen Ensembles Stuttgart (Jes). Sie studierte Germanistik, Theaterwissenschaften und Psychologie in Frankfurt am Main und absolvierte eine Schauspielausbildung in Heidelberg. Sie war von 1989 bis 1993 die Leiterin des Kinder- und Jugendtheaters an der Landesbühne Esslingen, von 1993 bis 1995 in selber Funktion am Landestheater Tübingen. Von 1996 bis 2002 leitete sie als Direktorin das Kinder- und Jugendtheater Schnawwl in Mannheim.

2014 erhielt sie den Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg für die Gründung und erfolgreiche Arbeit am Jes. Für ihre Inszenierung „Noch 5 Minuten“, gemeinsam mit dem belgischen Choreografen Ives Thuwis-De Leeuw, erhielt sie 2009 den Deutschen Theaterpreis „Der Faust“. An der Hochschule für Musik und Darstellende Künste in Stuttgart unterrichtet sie Schauspiel.

Premieren-Info

Bereits am 3. Oktober hatte „Die beste Geschichte“ Premiere. Nächste Premieren: „Als der Baum mit den roten Haaren weinte“ (ab 8) am 9. November. „Die Bademattenrepublik“ (ab 9) am 29. November. „Wir müssen reden, Emmanuel“ (ab 20) am 7. März 2020. „Identity“ am 23. April 2020. „Hotel Europa“ (ab 14) am 13. Juni 2020. „Freispiel-Projekt: Boys“ im April 2020.




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