InterviewInterview mit Ludwigsburger Landrat Rainer Haas „Die Bürger haben nach 24 Jahren ein Anrecht auf ein neues Gesicht“

Rainer Haas ist seit fast 30 Jahren in der Kommunalverwaltung. Foto: factum/Weise 7 Bilder
Rainer Haas ist seit fast 30 Jahren in der Kommunalverwaltung. Foto: factum/Weise

Er ist der am längsten amtierende Landrat in Baden-Württemberg: Rainer Haas gibt nach 24 Jahren sein Amt in Ludwigsburg auf. Er spricht über seine umstrittene Wahl und seine Zeit bei Lothar Späth.

Politik: Rafael Binkowski (bin)
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Ludwigsburg - Die Ankündigung seines Rückzuges war ein „typischer Haas“: Nach einer stundenlangen Kreistagssitzung überraschte der 62-Jährige am Freitag Freund und Feind. Ende des Jahres hört der „König des Landkreises“ und Netzwerker auf – im Zenit seiner Macht.

Herr Haas, Hand aufs Herz, warum wollen Sie sich nicht erneut bewerben? Sie könnten rechtlich gesehen bis 2028 amtieren.

Ich bin der Meinung, dass die Bürger nach 24 Jahren ein Anrecht auf ein neues Gesicht und neue Impulse haben. Politische Wahlämter werden auf Zeit verliehen. Außerdem habe ich noch viele Interessen und Hobbys, mir wird nicht langweilig.

Sie sind seit 1995 im Amt, wie hat sich die Aufgabe seither verändert?

Die Verwaltungsreform von Erwin Teufel hat 2005 einen Zuwachs von Aufgaben und Mitarbeitern erbracht. Dazu haben wir als einer von wenigen Landkreisen 2009 beschlossen, das Jobcenter zu übernehmen und auch die Betreuung von Langzeitarbeitslosen zu managen. Dadurch sind unsere Zuständigkeiten noch einmal deutlich gewachsen.

Als Sie begonnen haben, wurde über die Abschaffung der Landkreise diskutiert.

Städte, Gemeinden und Landkreise sind für mich die wichtigste politische Ebene überhaupt. Nur wir verfügen über direkten Kontakt mit dem Bürger. Im europäischen Vergleich ist unsere föderale und kommunale Struktur die Ursache für unseren Erfolg. In Frankreich erleben wir, wohin Zentralismus mit großen regionalen Verwaltungseinheiten führt.

Ist es als Landrat schwieriger geworden, Kommunalpolitik zu gestalten?

Die Haltung in der Bevölkerung hat sich geändert. Die Bürger werden immer kritischer, was auch durch die Rechtsprechung begünstigt wird. Partikularinteressen rücken in de Vordergrund: Das private Gartentor ist wichtig, das Allgemeininteresse weniger. Das spiegelt sich übrigens auch in der Presseberichterstattung wider.

Ihre Wahl im Kreistag 1995 war ein Krimi und dauerte fünf Stunden, Sie mussten gegen den CDU-Fraktionschef Manfred Hollenbach und den Vaihinger OB Heinz Kälberer antreten, Landeschef der Freien Wähler.

Ich erinnere mich noch gut, wie Emissäre zwischen den Fraktionen hin und her gegangen sein. Am Ende lag ich mit einer Stimme vorne, vorwiegend gewählt von SPD und Grünen ...

...  die mit einem „rot-grünen Landrat“ einen schwarzen Kreisfürsten verhindern wollten.

Ausschlaggebend waren vor allem die zusätzlichen Stimmen aus den anderen Fraktionen. Es war nicht einfach, die Befindlichkeiten zu beruhigen. Aber Herr Kälberer kam nach wenigen Wochen auf mich zu und bot mir eine faire und konstruktive Zusammenarbeit an. Ich hatte niemals Anlass, daran zu zweifeln.

Zuvor waren Sie Vize-Landrat im Rems-Murr-Kreis unter Horst Lässing. Manche sprachen auch vom „Stahlbad Lässing“.

Das habe ich auch gehört. Das war eine hoch interessante Zeit. Ich habe damals gelernt, wie man es macht, und natürlich auch wie man es nicht macht.

Klären Sie uns auf: Wie geht das? Das wäre doch ein guter Rat für Ihren Nachfolger.

(lacht) Es steht mir nicht zu, Ratschläge zu erteilen. Aber Antennen für Befindlichkeiten zu entwickeln und Entscheidungsträger einzubinden, ist kein Fehler, wenn man sein Ziel erreichen will. Und einen anständigen menschlichen Umgang zu pflegen, wenn man unterschiedlicher Meinung ist. Davon habe ich in jüngster Zeit profitiert ...

... als Sie mit dem Ludwigsburger OB Spec um die Stadtbahn gerungen haben?

Sie sagen es.




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