Interview zum Fitnesskult Vorbeugend leben – und gesund sterben

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Der Kölner Arzt und Theologe Manfred Lütz kritisiert das übertriebene Streben nach Gesundheit und Glück. „Es gibt Menschen, die leben nur noch vorbeugend und sterben dann gesund“, sagt er im Interview.

Sport ist gesund – aber nur, wenn man es nicht übertreibt, sagt Manfred Lütz. Foto: Fotolia
Sport ist gesund – aber nur, wenn man es nicht übertreibt, sagt Manfred Lütz. Foto: Fotolia

Stuttgart - Gesunde Ernährung und Sport sind heute eine Art Bürgerpflicht. Das ärgert den Mediziner und Theologen Manfred Lütz. Er hält es für falsch, „erwachsene Menschen dauernd zu pädagogisieren“. Den Fitnesswahn mancher Zeitgenossen vergleicht er mit einer Religion.

Herr Lütz, immer mehr Menschen achten auf ihre Gesundheit, treiben Sport und ernähren sich bewusst. Manche zeichnen sogar ihre Trainingsdaten auf, um zu sehen, wo sie sich verbessern können. Ist das nicht eine erfreuliche Entwicklung?
Nicht unbedingt. Das Problem ist die Übertreibung. Es gibt Menschen, die leben nur noch vorbeugend und sterben dann gesund. Aber auch wer gesund stirbt, ist leider definitiv tot. Ich glaube, dass die Menschen auch heute noch eine tiefe Sehnsucht nach ewigem Leben haben und da die Religion sich ein bisschen zurückgezogen hat, versuchen sie, durch gute Gesundheitswerke den Tod zu vermeiden. Ich habe solche Patienten erlebt, die dann bei einer Krebsdiagnose völlig fassungslos waren . . .
. . . weil sie das als ungerecht empfanden?
Ja. Die hatten ein entsagungsreiches Leben mit Körnern und regelmäßigem Joggen geführt und fühlen sich nun um den Erfolg betrogen.
Was ist schlecht daran, den Körper in Form zu halten? In einem gesunden Körper wohnt doch auch ein gesunder Geist – oder?
Da haben Sie den antiken Schriftsteller Juvenal falsch verstanden. Der hat gesagt, man solle darum beten, dass ein gesunder Geist in einem gesunden Körper sei. Schön wär’s. Steven Hawking hat einen total ungesunden Körper, aber einen brillanten Geist. Dagegen verfügt Boris Becker wohl immer noch über einen gesunden Body, aber wenn man liest, was er so von sich gibt, ist man nicht gerade versucht, mit ihm eine intellektuelle Diskussion zu führen.
Sie sagen, der Fitness- und Gesundheitskult sei eine Art Religion. Woran machen Sie das fest?
Es gibt Ärzte als Halbgötter in Weiß, Wallfahrten zum Spezialisten, den bruchlosen Übergang von der katholischen Prozessionstradition in die Chefarztvisite. Diätbewegungen gehen wie wellenförmige Massenbewegungen über Land – in ihrem Ernst die Büßer- und Geißlerbewegungen des Mittelalters bei Weitem übertreffend. Beobachten Sie selber mal, wo in Ihrem sprachlichen Umfeld der Ausdruck Sünde vorkommt: Nur noch im Zusammenhang mit Sahnetorte!
Fitness ist heute fast schon eine Bürgerpflicht. Wer ungesund lebt, wird ja auch leichter krank.
Es gibt weltweit keine einzige Studie, die belegt, dass gesundheitsbewusstes Verhalten zu weniger Kosten für die Solidargemeinschaft führt. Wenn ein Raucher mit 41 Jahren am Bronchialkarzinom stirbt, dann bekommt er all die teuren Alterskrankheiten nicht mehr, nimmt die Pflegeversicherung nicht in Anspruch und vor allem nicht die teure Rente. Es gibt nur eine Methode, mit der Sie sicher älter werden als andere: Sie müssen sich alte Eltern aussuchen – was natürlich schwierig ist. Wenn beide Eltern erst mit 100 gestorben sind, können Sie ziemlich wüst leben und werden trotzdem alt. Wenn aber beide schon mit 40 an Herz-Kreislauf-Problemen gestorben sind, wird Ihnen das Körner-Essen auch nicht viel helfen.
Wollen Sie behaupten, dass zwischen Verhalten und Gesundheit gar kein Zusammenhang besteht?
Natürlich nicht. Als Arzt plädiere ich selbstverständlich dafür, verantwortungsvoll mit der Gesundheit umzugehen, nicht dauernd Fast Food zu essen und vielleicht auch etwas Ausgleichssport zu betreiben. Ich polemisiere nur gegen die mitunter aberwitzigen Übertreibungen. Gesundheitsgläubige sind gewöhnlich auch leider komplett humorlos.
Ein Beispiel?
Ein Raucher hat mich mal im Spaß gefragt: „Warum soll meine Lunge eigentlich älter werden als ich?“ Wenn Sie so was in gesundheitsbewegten Kreisen erzählen, müs­sen Sie mit allen Reaktionen rechnen, die im Mittelalter auf Gotteslästerung standen. Und der Spruch „Wer früher stirbt, lebt länger ewig“ ist zwar theologisch präzise, löst aber selbst in Kirchenkreisen im Zweifel blankes Entsetzen aus.
Auch die Frage der richtigen Ernährung artet heute für viele in Stress aus.
Es gab mal eine Studie, die ergab, dass für jeden Menschen in der Regel das am bekömmlichsten ist, was ihm schmeckt. Das ist doch beruhigend. Schon Platon hat übrigens gesagt: Die ständige Sorge um die Gesundheit ist auch eine Krankheit.
Nicht nur Gesundheit, sondern auch Glück und Zufriedenheit sind im Zeitalter der Selbstoptimierung für viele eine Art Managementprojekt. Dazu gibt es jede Menge Ratgeber.
Ich habe ein Buch mit dem Titel „Wie Sie unvermeidlich glücklich werden“ geschrieben. Das ist natürlich etwas ironisch gemeint – gegen all diese Glücksratgeber, die eine einzige Anleitung zum Unglücklichsein sind. Denn da beschreibt dann ein Autor, wie er persönlich glücklich wurde und lässt den Leser unglücklich zurück. Der kann sich dann gleich wieder den nächsten Glücksratgeber kaufen. Die ganze Glücksindustrie funktioniert nur, weil sie nicht funktioniert. Sonst bräuchte man ja nur einen einzigen Glücksratgeber – und Ende. In Wirklichkeit gibt es sieben Milliarden Wege zum Glück: so viele wie es Menschen gibt.
Aber ist die Suche nach Glück nicht ein legitimes Ziel?
Wenn man Glücksgefühle unbedingt absichtlich herstellen will, dann wird man nicht glücklich. Sie könnten sich zum Beispiel eine Elektrode in Ihr Glückszentrum ins Gehirn pflanzen lassen und sich dann auf die Intensivstation legen. Dann hätten Sie Ihr ganzes Leben lang ein permanentes euphorisches Glücksgefühl. Ich habe noch niemanden erlebt, der das wirklich wollte. Glück ist ein Geschenk, es blitzt plötzlich auf im Moment, vielleicht gerade dann, wenn wir eben noch ganz unglücklich waren.
Selbstoptimierung gilt vielen auch als Weg zu mehr Erfolg – sei es im Beruf oder privat.
Vor allem junge Leute machen sich durch die grassierende Casting-Mentalität unglücklich, indem sie sich dauernd mit anderen Menschen vergleichen – die aber eben andere Eigenschaften haben. Und wenn man sein Glück vom Erfolg abhängig macht, wird man auch unglücklich, denn Erfolg hängt von vielen Zufällen ab. Van Gogh war der erfolgloseste Maler aller Zeiten, seine Bilder waren unverkäuflich, aber wer wird bestreiten, dass er ein gelungenes Künstlerleben geführt hat? Und Josef Stalin war der erfolgreichste russische Herrscher aller Zeiten, aber wer wird das Leben dieses Massenmörders für gelungen halten?
Soll man sich lieber gar nicht anstrengen und mit der Chipstüte vor dem Fernseher hocken?
Jedem das Seine. Warum soll jemand nicht mal vor dem Fernseher abhängen, andere finden das ätzend. Wir sollten damit aufhören, erwachsene Menschen dauernd zu pä­d­agogisieren. Natürlich soll man über Gesundheitsgefahren informieren, entscheiden muss dann aber der mündige Bürger.