InterviewInterview zum Glasfaser-Ausbau im Kreis Ludwigsburg „Wir suchen die weißen Flecken im Kreis“

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Dompteur, Diplomat, Koordinator: Viktor Kostic hat als Geschäftsführer des neuen Ludwigsburger Zweckverbands Kreisbreitband viele Rollen auszufüllen. Er spricht er über die Bedeutung von Glasfaser-Internet, mangelndes Vertrauen in die Telekom und Filme in HD.

Viktor Kostic beschäftigt sich beruflich schon lange mit dem Thema Internet in den Kommunen. Nun koordiniert er den Glasfaserausbau im Landkreis. Foto: factum/Granville
Viktor Kostic beschäftigt sich beruflich schon lange mit dem Thema Internet in den Kommunen. Nun koordiniert er den Glasfaserausbau im Landkreis. Foto: factum/Granville

Ludwigsburg - Seit knapp einer Woche ist Viktor Kostic im Landkreis Ludwigsburg so etwas wie der Mr. Internet: Als Geschäftsführer des Zweckverbands Kreisbreitband, der sich am 28. Februar konstituiert hat, ist er der Haupt-Ansprechpartner, wenn es darum geht, den Kreis flächendeckend mit Glasfaser-Verbindungen auszustatten. Gelingen soll das mit der Telekom und einem regionsweiten Verband.

Herr Kostic, wann haben Sie Ihren letzten Film in High Definition gestreamt?

Das mache ich quasi täglich, ich schaue Filme oder Sportübertragungen nur noch in HD. Und immer mehr in 4K.

Wo wohnen Sie denn, dass das geht?

In Remseck. Ich habe Glück: In meiner Straße gibt es schnelles Internet. Die Telekom schafft es dort bislang aber nur auf 16 Mbit/s. Sobald es dann aber Glasfaser bis ins Haus gibt, bin ich auf jeden Fall dabei.

Warum ist Glasfaser-Internet im Landkreis denn so wichtig?

Zum einen, weil wir eine gute Mobilfunkabdeckung brauchen – jetzt und in Zukunft, Stichwort 5G. Da ist Glasfaser notwendig, um die ganzen Bandbreiten abzutransportieren. Und natürlich wird es auch für Gewerbe, Haushalte und Schulen immer wichtiger. Die Bandbreitenbedarfe gehen ja stetig nach oben. In Zukunft werden wir Übertragungsraten brauchen, die nur noch mit Glasfaser möglich sind.

Die Kupferkabel reichen nicht mehr aus?

Nein. Das ist das Programm, das in Deutschland die vergangenen 20 Jahre gefahren wurde: Man versucht, die Lebensdauer der alten Technik zu verlängern und das Maximum rauszuholen. Aber das schiebt die Problemlösung nur auf. Wenn wir es heute nicht lösen, werden wir in zehn Jahren wieder darüber diskutieren.

Der Start des Zweckverbands lief gut. Wie es aussieht, sind bald alle 39 Kommunen Mitglied. War das wichtig für Sie, dass Sie alle Kommunen mit im Boot haben?

Ja. Nur gemeinsam funktioniert es.

Kornwestheim, Bietigheim und Ludwigsburg wollten erst beitreten, wenn sie selbst noch mal einzeln mit der Telekom verhandelt haben. Hat man Ihnen das nicht zugetraut?

Nein. Denn da ging es darum, dass die dortigen Stadtwerke selbst bereits schon viel ausgebaut haben und auch noch werden. Da braucht es technische, kaufmännische und organisatorische Rahmenbedingungen, die abgeklärt werden müssen, wenn man die Leitungen in Zukunft gegenseitig zur Verfügung stellt – Stichwort Open Access. Die von den Stadtwerken bereits geschaffenen Strukturen helfen dem Projekt Glasfaserausbau.

Einige kleinere Kommunen haben den Kooperationsvertrag abgelehnt, weil er noch mit der Telekom ausgehandelt werden muss.

Ja, drei von 39 Kommunen waren da anderer Meinung als wir. Aber am Ende ist es so, dass jede Gemeinde und Stadt auf Basis dieses Kooperationsvertrags als Rahmen selbst entscheiden kann, wie viele Mittel sie in den Glasfaserausbau steckt. Die Kommune vereinbart also individuell eine Umsetzungsvereinbarung mit der Telekom, wie viel Glasfaser sie haben möchte und sich leisten kann.

Wie läuft denn der Ausbau konkret? Wenn Kommune A gerne im Jahr 2022 Glasfaser hätte, die Telekom in ihrer Rahmenplanung den Ausbau dort erst im Jahr 2023 anvisiert hat – was kann die Kommune da tun?

Da kommt unsere Aufgabe als Koordinator ins Spiel: unser Zweckverband mit 39 Kommunen beziehungsweise der Regions-Verband Gigabit Region Stuttgart mit hoffentlich dann allen 179 Kommunen. Das müssen wir individuell mit den Kommunen verhandeln. Die Einflussfaktoren auf den Ausbau sind ja sehr vielschichtig. Die Städte und Gemeinden können selbst steuern, auf Basis Ihrer Haushaltssituation und dort, wo Förderung möglich ist. Es ergeben sich Synergien im Rahmen von Straßenbaumaßnahmen und Nutzung bereits vorhandener Infrastrukturen der Kommunen, oder durch eigenwirtschaftlichen Ausbau.

Wollen nicht alle Kommunen Breitband und zwar am besten vorgestern?

Ja, es ist zu erwarten, dass viele „Hier“ schreien werden. Das müssen wir koordinieren. Dabei wird es zwangsläufig auch Kommunen geben, denen man sagen muss: Dieses Jahr wird’s nichts mehr. Der Zweckverband soll ja als Solidargemeinschaft in der Verbandsversammlung letztlich entscheiden. Wichtig ist das Ziel: Alle Kommunen sollen bis 2030 eine Glasfaserversorgung von mindestens 90 Prozent haben.

Jetzt gab es in der Vergangenheit auch Kommunen, die schlechte Erfahrungen mit der Telekom gemacht haben. Müssen Sie da auch Diplomat spielen, der vermittelt?

Es war uns bewusst, dass der Vertrauensvorschuss für die Telekom leider nicht bei jedem gegeben ist. Ich finde aber, dass es uns gelungen ist, die alten Kriegsleiden mit der Telekom zu begraben. Sie hat das beste Angebot bei der Marktabfrage abgegeben, und hoffentlich alle 39 Kommunen sind im Zweckverband dabei.

Nicht jedem gefällt, dass man mit der Telekom ausbaut. Ursprünglich gab es auch den Plan, dass die Region selbst das macht.

Ich glaube, dass der Ausbau nur in Kombination mit einem privaten Telekommunikationsunternehmen gelingen kann. Ein Unternehmen muss wirtschaftlich denken und handeln. Und die öffentliche Hand kommt da ins Spiel, wo das nicht mehr geht.

Insofern könnte man sagen, dass die regionalen Pläne, eine eigene Breitband-Infrastruktur in Form eines Backbone-Netzes zu schaffen, ein guter Bluff waren, um die Konzerne aus der Reserve zu locken.

Als Bluff würde ich das sicher nicht bezeichnen, was im Übrigen rechtlich nicht zulässig wäre, aufgrund der Fördermöglichkeiten für das Projekt. Die wirtschaftlich stärkste Region Europas, die die Region Stuttgart nun einmal ist, braucht einfach eine gute Breitbandversorgung. Deswegen hat man sich diese Gedanken gemacht. Darauf haben die Telekommunikationskonzerne gemerkt, dass die Sache mit dem Ausbau ernst gemeint ist und sich auf uns zu bewegt.

Wie sehen nun die nächsten Schritte aus?

Aktuell muss noch der Kooperationsvertrag mit der Telekom zu Ende verhandelt werden. Dann muss noch die Gigabit Region Stuttgart GmbH (GRS) gegründet werden. Hier sind wir im Plan. Danach werden wir im Landkreis Ludwigsburg eine Markterkundung machen und die vorhandenen Infrastrukturen und Pläne erfassen, um Fördermittel von Bund und jetzt auch vom Land zu akquirieren. Wir suchen also die weißen Flecken im Kreis. Die Priorität liegt dabei zunächst auf den Schulen und den Gewerbegebieten.

Können Sie sagen, wer zuerst drankommt?

Nein, so weit sind wir noch nicht. Aber dennoch wird’s bald eine Überraschung geben: Ein Ort im Landkreis wird bald eigenwirtschaftlich von der Telekom ausgebaut.

Das Gespräch führte Philipp Obergassner