Isny-Runde Sorge um Risse im Fundament der Wirtschaft

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So viel Skepsis war selten. Firmenchefs und Politiker fürchten sich vor einer De-Industrialisierung Deutschlands. Viele treibt die Sorge vor zu hohen CO2-Auflagen um.

Klimaschutz und CO2-Vorgaben treiben auch die Teilnehmer der Unternehmerrunde in Isny  um. Foto: Julian Stratenschulte/dpa
Klimaschutz und CO2-Vorgaben treiben auch die Teilnehmer der Unternehmerrunde in Isny um. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Isny - Deutschland braucht in den kommenden Jahren durchgreifende Reformen, um den Wohlstand zu sichern und international nicht den Anschluss zu verlieren. Bereits die aktuelle Schwäche der Wirtschaft sieht BASF-Vorstandschef Martin Brudermüller weniger als Ergebnis einer konjunkturellen Flaute, sondern sie liege in strukturellen Problemen begründet. „Unser Fundament hat Risse. Wir werden uns noch wundern“, warnte Brudermüller die Firmenchefs und Politiker der traditionellen Isny-Runde, zu der Unternehmer Helmut Aurenz seit 40 Jahren ins Allgäu einlädt und die dieses Mal geprägt war von der Sorge vor einer Deindustrialisierung und einer aus ihrer Sicht zu schnellen Verschärfung von CO2-Vorgaben.

Nur mit sehr viel mehr Innovationen und einer höheren Veränderungsgeschwindigkeit könne Deutschland einem wirtschaftlichen Abstieg entgehen, meinte der BASF-Chef. Ein viel zu kompliziertes Planungsrecht, doppelt so hohe Energiekosten wie in den USA, zu niedrige Investitionen in Telekommunikation, zu wenig Erfolge bei der Vermarktung von Innovationen: Brudermüllers Mängelliste ist lang. Gleichzeitig sieht er aber auch Chancen, etwa beim Klimaschutz. „Wir haben Lösungen, die andere nicht haben.“

Porsche-Chef Oliver Blume wies auf den enormen Veränderungsdruck in der Autoindustrie hin, betonte aber auch die Möglichkeiten, die er für den Sportwagenbauer darin sieht. „Wir stellen uns unserer gesellschaftlichen Verantwortung“, betonte Blume. Porsche habe in einem großen Kraftakt über sechs Milliarden Euro allein in die Elek­tromobilität und den Elek­trosportwagen Taycan investiert.

„Europa wird das Museum der Welt“

Außerordentlich pessimistisch äußerte sich der gerade aus dem Amt geschiedene EU-Kommissar Günther Oettinger. „Sie sind erstaunlich ruhig hier im Allgäuer Paradies. Haben Sie bemerkt, dass das EU-Parlament den Klimanotstand ausgerufen hat?“, rief er den Anwesenden zu. Schon die bisherigen Ziele zur CO2-Reduktion bis 2030 seien kaum zu erreichen, doch die neue Kommission arbeite daran, sie weiter zu verschärfen. Am Ende werde die Industrie wegen der Energie- und CO2-Auflagen abwandern. „In zwei oder drei Jahren werden Sie sich wundern, was die Klimaziele bedeuten“, warnte er. „Europa wird das Museum der Welt, hoffentlich besser geschützt als das in Dresden.“

Auch der Chef des Anlagenbauers Dürr, Ralf Dieter, fürchtet zu hohe Belastungen für die Industrie in zu kurzer Zeit, zumal seine Branche, der Maschinenbau, auch in anderer Hinsicht herausgefordert sei. Zum einen komme das deutsche Modell des Exports an sein Ende – immer mehr Länder forderten deutlich höhere lokale Fertigungen. Zum anderen erwartet er, dass die Digitalisierung den Maschinenbau in Gewinner und Verlierer teile. „Nicht alle werden mitkommen“, warnte er und sieht vor allem kleinere Anbieter in Schwierigkeiten.

Einigkeit herrschte in Isny vor allem darin, dass die Probleme nur europäisch angegangen werden könnten. Insbesondere CDU-Politiker Friedrich Merz beklagte eine mangelnde Unterstützung aus Deutschland für den französischen Präsidenten Emmanuel Macron und dessen europäische Initiativen. Merz, der sichtlich bemüht war, kein weiteres Öl ins Feuer seiner Auseinandersetzung mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer zu gießen, warnte vor den Folgen eines Scheiterns Macrons bei der nächsten Wahl.

EU-Binnenmarkt – Erfolgsmodell für Deutschland

Ohnehin sei der EU-Binnenmarkt zwar für Deutschland ein Erfolgsmodell. Andere EU-Länder nähmen ihn hingegen als Bedrohung wahr. Wer ihn erhalten wolle, müsse sich darauf einstellen, dass Deutschland in den kommenden Jahren einen überproportionalen Beitrag zum Gelingen der EU leisten müsse, und zwar sowohl wirtschaftlich wie auch politisch.