Die neue Strategie von Mercedes-Chef Ola Källenius trägt den Namen „taktische Flexibilität“ Foto: AFP/Thomas Kienzle
Mercedes hat die Bilanz für das Jahr 2023 vorgelegt – mit Zahlen, die Konzernchef Ola Källenius „sehr solide“ nennt. Dennoch droht ein Abwärtstrend. Welche Probleme der Autobauer nun schnell lösen muss.
Unter einem glänzenden Markenstern hat Ola Källenius am Donnerstag die Mercedes-Bilanz präsentiert. Mit glänzenden Zahlen konnte der Konzernchef allerdings nicht dienen. Zu deren Einordnung sagte er: „Mercedes hat 2023 in einem herausfordernden Umfeld ein sehr solides Ergebnis erzielt.“ 153,2 Milliarden Euro Umsatz bedeuten eine Steigerung von zwei Prozent. Dennoch sank der Gewinn um knapp zwei Prozent. Was sich mit gestiegenen Kosten im Zuge der Inflation erklären lässt.
Mercedes-Kennzahlen für 2023 Foto: red
Und dann sprach Ola Källenius von „strategischer Flexibilität beim Verbrenner“. Der herkömmliche Antrieb wird bei Mercedes nun nicht mehr als Auslaufmodell gesehen, sondern als Absicherung auf einem immer unkalkulierbarer werdenden Weltmarkt. „Das Tempo der Transformation bestimmen die Marktbedingungen und die Wünsche der Kunden“, sagte Källenius, lange Zeit E-Antreiber. Und dann gibt es auch noch sechs weitere Problemzonen bei Mercedes. Ein Überblick.
China
Um das Geschäft in China musste sich Mercedes über viele Jahre hinweg keine Sorgen machen. Es lief fast schon von alleine. Das hat sich grundlegend geändert, wie ein Absatzrückgang von zwei Prozent deutlich macht. Beim E-Auto-Verkauf steht Mercedes gegen die übermächtige einheimische Konkurrenz weiter auf verlorenem Posten. In diesem Bereich sind vor allem preisgünstige Klein- und Mittelklassewagen gefragt, die Mercedes nicht zu bieten hat. Im Luxussegment können chinesische E-Auto-Hersteller zumindest dagegenhalten. Und eine Garantie, dass die Mercedes-Verbrenner auf High-End-Level gefragt bleiben, gibt es auch nicht. Weil das Geld im Zuge der Immobilienkrise auch in China nicht mehr ganz so locker sitzt wie früher.
Lieferkette
2021 brachten fehlende Mikrochips die Produktion bei Mercedes in Verzug, 2023 waren es Batterien, die nicht geliefert werden konnten. Mit Auswirkungen auf die Jahresbilanz: 2023 konnten rund 100 000 Fahrzeuge der neuen E-Klasse nicht ausgeliefert werden, weil es an 48-Volt-Batterien fehlte. Bosch kam mit der Lieferung der Komponenten nicht mehr hinterher, die den Kraftstoffverbrauch herkömmlicher Verbrenner-Autos reduzieren. Was 2023 zu einem entgangenen Umsatz in Milliardenhöhe führte. Die eigene Hilflosigkeit infolge von Abhängigkeiten birgt auch künftig große Gefahren. Zumal damit gerechnet wird, dass sich das Batterieproblem erst Mitte des Jahres lösen lässt.
Nach wie vor gilt „Made in Germany“ in vielen Ländern als verlässliches Qualitätssiegel und ein Mercedes als bester Beweis für deutsche Ingenieurkunst. Gerade für einen Premiumhersteller ist der gute Ruf von existenzieller Bedeutung. Kratzer am Image sind gefährlich, so wie aktuell der Anfang der Woche weltweit ausgesprochene Massenrückruf für 250 000 Pkw. Bei verschiedenen Mercedes-Modellen können fehlerhafte Sicherungen zum Ausfall des Motors führen. Eine erhöhte Brandgefahr lässt sich zudem nicht ausschließen. Auch wenn die schadhaften Teile von einem Zulieferer stammen, fällt das Problem auf Mercedes zurück. Deshalb rückt die eigene Qualitätskontrolle in den Fokus.
Personalsituation
Eine frohe Botschaft gibt es für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Mercedes-Benz, die wie schon im vergangenen Jahr den höchstmöglichen Bonus von bis zu 7300 Euro beinhaltet. Eine noch bis 2029 geltende Beschäftigungssicherung verspricht der Belegschaft eigentlich weitere Sicherheit. Was aber nicht unbedingt der Fall ist: Der Betriebsrat befürchtet nämlich, dass von 2030 an Arbeitsplätze im großen Stil ins Ausland verlagert werden. Deshalb fordert der Chefvertreter der Untertürkheimer Belegschaft, Michael Häberle, eine baldige Verlängerung der Vereinbarung. „Das wäre ein ganz wichtiges Zeichen, dass man sich auf die Strategie des Konzerns verlassen kann“, sagt der Betriebsratschef, der darauf verweist, dass es seit 2004 eine Jobsicherung gibt: „Und damit ist man sehr gut gefahren.“ In diesem Fall steht der Betriebsfrieden auf dem Spiel.
Kritisch sieht der Betriebsrat auch die Entscheidung der Geschäftsführung, sich von den hinter den finanziellen Erwartungen zurückbleibenden Mercedes-Autohäusern zu trennen. Mit dem Verkauf will der Konzern mehr als zwei Milliarden Euro verdienen. Ob sich dies als gutes Geschäft herausstellt, hängt davon ab, wie viel Unruhe davon ausgeht. Im Mittelpunkt stehen dabei 8000 bisherige Mercedes-Mitarbeiter und -Mitarbeiterinnen, die einem Betriebsübergang zustimmen müssen. Die Verhandlungen dürften sich schwierig gestalten – zumal es auch um den Bruch mit einer Tradition geht.
Betriebssystem
Es ist ein Prestigeobjekt, das Mercedes-Benz gerade auf den Weg bringt. Entsprechend groß ist die Bedeutung des firmeneigenen Betriebssystems MB.OS, das erstmals im Jahr 2025 im neuen CLA zur Anwendung kommen soll. Ein „Meilenstein“, sagt Ola Källenius, der die Basis einer Innovationsoffensive sein soll. Entsprechend groß sind die Erwartungen an die Software. Einen Fehlschlag kann sich der Konzern eigentlich nicht erlauben. „Es ist kein gemütlicher Spaziergang durch den Park“, sagt Källenius zur Entwicklung.