Stuttgart - Mit diesem Mann ist man schon durch dick und dünn gegangen. Man weiß alles über das komplexe Verhältnis zu seinem tyrannischen Vater, kennt die Ambivalenzen seiner eigenen Vaterschaft, seine Geliebten, seine Eheprobleme, Zweifel und Niederlagen. Den einen oder anderen Kontrollverlust hat man mit ihm durchlebt, Teufel Alkohol. Knapp 5000 Seiten sind eine lange gemeinsame Zeit. In dieser Dimension erstreckt sich das autobiografische Experiment, das den bis dahin kaum bekannten norwegischen Schriftsteller Karl Ove Knausgard zu einem der erfolgreichsten Autoren unserer Tage gemacht hat. Unter dem ironisch-lapidaren, Massensuggestionen durchaus aufgeschlossenen Titel „Min Kamp“ sind die sechs Bände seines Lebensromans in Norwegen erschienen. In Deutschland zog man harmlosere Überschriften vor: „Sterben“, „Lieben“, „Spielen“, „Leben“, „Träumen“, „Kämpfen“.
Höchste Zeit also, ihn endlich kennenzulernen. Bei der diesjährigen Poetikdozentur in Tübingen hat der Herold der Autofiktion, der den Blick einer ganzen Schriftstellergeneration auf das eigene Leben gewandt hat, die Geheimnisse seines Schreibens enthüllt. Damit wäre dann ja eigentlich alles offen gelegt, die Privatsphäre und die damit korrespondierende Ästhetik. Doch so einfach ist das nicht. Das fängt schon damit an, dass der gutaussehende glattrasierte Mann in den besten Jahren am Pult im vollbesetzten Audimax der Universität mit jenem nicht minder gutaussehenden, leicht verwilderten Zausel nicht mehr viel gemein hat, den man bisher mit dem Namen Knausgard verbunden hat: vollbärtig, vom Leben und einigen anderen Dingen gegerbt. Aber womöglich geht es ja genau darum: dass Literatur, so eng sie sich mit der Wirklichkeit verbündet, in stetem Werden ihre eigene Welt hervorbringt.
So könnte man zusammenfassen, was Knausgard in einem auf Englisch gehaltenen Vortrag ausführt, der so raffiniert schillert, dass man nicht genau sagen kann, ist es noch Theorie oder schon das, was diese beschreibt: Literatur. Er sei eingeladen worden, etwas über grundsätzliche Fragen und Konzepte von Literatur, von literarischen Formen und Genres zu sagen, so beginnt der 50-Jährige. Glücklicherweise erzählt er dann aber von der Reise mit einem Freund 1992 nach Oslo, um morgens den französischen Philosophen Jacques Derrida zu hören und abends die britische Band Blur. „Wir kannten uns ebenso mit französischer Gegenwartsphilosophie aus wie mit jungen, aufstrebenden britischen Bands.“
Alle Probleme beim Schreiben sind praktischer Natur
Die versteckte Pointe ist nun, dass Knausgard im Stil einer gelehrten Abhandlung vorführt, wie er sein Werk gerade dem Faible für Theorie abgetrotzt hat. Wenn er schreibe, jeden Montag bis Freitag zwischen zehn und halb drei, sei keine der Schwierigkeiten, auf die er stoße, theoretischer Natur. „Alle Probleme, die im Schreibprozess auftauchen, sind praktischer Art“. Wenn es hakt, räume er die Spülmaschine ein und stelle sie an, hole die Kinder von der Schule ab, gehe in den Supermarkt, koche, spüle, lege sich schlafen: „Wenn ich mich am nächsten Morgen an den Schreibtisch setze, ist das Problem gelöst.“
Ist man damit nicht schon mitten drin in einem Knausgard-Roman? Jenem viel gerühmten Sog des Erzählens in dem die alltäglichen Dinge, Kinderszenen, Einkäufe dahintreiben, die Sorge, wie sich die Bedingtheiten des Lebens mit dem Unbedingtheitsanspruch des Ich vereinbaren lassen. Als bedürfte es eines Gegengewichts für das in Banalitäten verfliegende Dasein, holt Knausgard wie in seinen Büchern allerlei Bildungsballast ins Boot. In diesem Fall den Tübinger Lokalmatador der Hoffnung Ernst Bloch. In seinem Beharren auf das Kommende, Noch-nicht-Bewusste wird er zum Gewährsmann für einen offenen Schreibprozess, der zwischen Gegenwart, unfertiger Vergangenheit und möglicher Zukunft vermittelt.
Wo aber ließe sich dieses Prozesshafte besser fassen als in einem eben entstehenden Werk? Knausgard liest den Anfang des Romans, an dem er gerade arbeitet. Eine abendliche Kinderszene zwischen Wachen und Schlafen im Angesicht des Meers, auch hier geht es darum, „dass nichts jemals stehenblieb, alles nur immer weiterging, Tag zu Nacht wurde, Nacht zu Tag, Sommer zu Herbst, Herbst zu Winter, Jahr auf Jahr.“ Vom Noch-nicht-Bewussten dieses kommenden Werks lässt sich Knausgard über die erhabenen Gipfel der Literaturgeschichte tragen. An Flauberts „Madame Bovary“, „dem besten Roman, der jemals geschrieben wurde“, wird das Erstaunen über das Sichtbarwerden des Neuen demonstriert. Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“ entwickle die Vergangenheit Seite an Seite mit dem Gegenwärtigen, das Ergebnis sei ein grenzenloses Ich, durchströmt von jeglicher Kultur und Geschichte. Joyces „Ulysses“ schließlich habe die Zeit umgekehrt schwindelerregend reduziert, indem er sie nur einen Tag lang gelten ließ.
Man könnte nun eingeschüchtert und betäubt von der dünnen Höhenluft der Reflexion nach Fassung ringen. Aber zum Prozesshaften dieses Vortrags gehört auch, dass der objektive theoretische Standpunkt immer wieder unversehens umkippt in fesselnde Subjektivität. Statt dem rasierten Theoretiker, der vorgibt über grundsätzliche Fragen und Konzepte von Literatur zu reden, meint man dann plötzlich wieder jenem alten bekannten Bartträger zuzuhören, der von seinen Leseabenteuern berichtet, so genau und aufmerksam, wie er Windelwechseln, Teekochen, die drückenden Alltagsangelegenheiten und dräuenden Selbstzweifel in seinen Büchern zum literarischen Ereignis werden ließ.