Klimawandel auf den Fildern Unter dem Flughafen staut sich das Wasser

Von Claudia Barner 

Der Entwässerungsexperte Cornel Ritter kümmert sich darum, dass der Betrieb des Landesflughafens auch bei extremen Niederschlägen reibungslos weiterläuft. Wir haben uns mit ihm Orte angeschaut, die normalerweise nicht begehbar sind.

Bauingenieur Cornel Ritter zeigt beim Rundgang  die Kammer 2 des großen Kombispeichers mit einem Fassungsvolumen von 20 000 Kubikmetern. Zu Reinigungsarbeiten wurde das Becken leergepumpt und war deshalb begehbar. Foto: Claudia Barner
Bauingenieur Cornel Ritter zeigt beim Rundgang die Kammer 2 des großen Kombispeichers mit einem Fassungsvolumen von 20 000 Kubikmetern. Zu Reinigungsarbeiten wurde das Becken leergepumpt und war deshalb begehbar. Foto: Claudia Barner

Leinfelden-Echterdingen - Auf dem Landesflughafen gibt es vor allem eine Richtung – steil nach oben. Was nur wenige wissen: Es gibt auch ein Leben im Untergrund. „Wir sind für die Fluggäste meist unsichtbar“, sagt Cornel Ritter. Sein Reich ist der Betriebshof im Südosten des umzäunten Flughafengeländes. Dort befindet sich die Zentrale des Entwässerungsmanagements am Filder-Airport. Der Bauingenieur ist verantwortlich dafür, dass in den Gebäuden, auf dem Vorfeld sowie der Start- und Landebahn alles im Fluss bleibt. Das ist vor allem bei Starkregen eine besondere Herausforderung.

Wenn der Himmel die Schleusen öffnet, herrscht bei Ritter und seinen Kollegen Hochbetrieb. „Wir hatten erst im Juni ein fünfjähriges Regenereignis. Da muss dann alles funktionieren, damit der Flugbetrieb reibungslos weiterlaufen kann“, sagt der 43-Jährige. Um das rund 400 Hektar große Flughafengelände – etwa die Hälfte davon ist versiegelt – zu entwässern, braucht es ein sorgfältig ausgeklügeltes System, in dem alles aufeinander abgestimmt ist.

Der Hochwasserschutz ist auf dem neuesten Stand

Pfützen haben keine Chance. Die 3345 Meter lange Start- und Landesbahn hat ein Gefälle von fast 50 Metern. Der Regen wird seitlich abgeleitet. Die Grünflächen sind von Drainagen durchzogen. „Pro Millimeter Niederschlag fallen in der Fläche 2000 bis 3000 Kubikmeter Regen an“, hat Ritter berechnet. Das bringt den Entwässerungsspezialisten nicht aus der Ruhe. „Wir haben im Hinblick auf die Zunahme von extremen Wetterlagen unser Hochwasserschutzkonzept auf den neuesten Stand gebracht und sind gut gerüstet“, sagt er.

Ein digital gesteuertes und überwachtes Kanalsystem von 250 Kilometern Länge fängt das Wasser auf und leitet es ab. Das Schmutzwasser aus den Terminals, Büros und Gebäuden fließt über einen getrennten Kreislauf direkt in die Kläranlage nach Plieningen. Der Frachthof ist an die Sielminger Kläranlage angeschlossen. Das Regenwasser wird in den insgesamt fünf Regenklär- und Speicherbecken aufgefangen, die auf dem Flughafengelände verteilt sind. „Zusammen haben sie ein Fassungsvermögen von mehr als 100 000 Kubikmetern. Das entspricht dem doppelten Volumen der Hanns-Martin-Schleyer-Halle. Ein 50-jähriges Regenereignis schaffen wir deshalb locker“, sagt Ritter und lädt zum Rundgang in sein Reich ein.

Wie die Säulen eines antiken Tempels

Hinter einer silbernen Stahltür geht es in die Tiefe. Ein Warnschild erhöht die Wachsamkeit: Gaswarngerät benutzen! Rutschgefahr! Handschuhe tragen! Cornel Ritter geht voran. „Alles in Ordnung, wir haben genug Sauerstoff“, stellt der Experte fest und steigt die steile Treppe hinab. Die Luft ist feucht und es riecht modrig. An der Wand lehnt ein schwarzes Schlauchboot. „Das brauchen wir nur für dringende Revisionsarbeiten“, sagt Ritter und setzt den Abstieg zum Herzstück des Entwässerungssystems fort. Ziel ist der große Kombispeicher, der 50 000 Kubikmeter fasst.

Mit den Molchen reinigt man die Druckleitungen des Entwässerungssystems.

Das Dröhnen der startenden Flugzeuge verstummt. Unter der Erde zeigt sich ein spektakuläres Bild. Das Wasser in Kammer 2 des Speichers ist abgelassen. Der Boden wurde gereinigt. Wie die Säulen eines antiken Tempels erheben sich in der Stille die acht Meter hohen Stützen des unterirdischen Sammelbeckens. „Hier passen bis zu 20 000 Kubikmeter Oberflächenwasser rein“, erklärt Ritter. Bevor es in den Steppachstausee und den Waagenbach abgeleitet wird, werden Schmutzpartikel und Kohlenstoff entfernt.

Die Wasserqualität wird ständig kontrolliert

Ein 800 Kubikmeter fassender Schwebebettreaktor ist verantwortlich dafür, dass die vorgegebenen Messwerte stimmen. „Durch den Einsatz von Enteisungsmitteln kommt es in den Wintermonaten zu Belastungen mit organischem Kohlenstoff. Der Reaktor behandelt das Wasser vor“, erklärt Ritter. Der Flughafen verfügt über ein zertifiziertes Abwasserlabor, in dem die Wasserqualität ständig kontrolliert wird.

Die Ableitung erfolgt nach strengen Regeln. „Auch bei Starkregen fließen nicht mehr als 3300 Liter pro Sekunde Richtung Bernhausen ab“, betont der Abwassermanager, der auch als Gewässerschutzbeauftragter des Flughafens fungiert. Die Flächen im Norden entwässern in den Langwieser See bei Plieningen. Hier liegt die Obergrenze bei 2300 Litern pro Sekunde.

Das Entwässerungsmanagement hat seinen Preis. Die laufenden Kosten für Investition und Betrieb liegen bei rund zwei Millionen Euro im Jahr. Und während es auf der Startbahn weiter steil nach oben geht, bleibt auch im Untergrund alles in Bewegung. „Wir müssen uns immer wieder neu an die Gegebenheiten anpassen“, sagt der Bauingenieur.

Nachdem die Kanäle nachgerüstet worden sind, steht nun der Austausch der veralteten Sonden auf den Entwässerungsflächen auf dem Plan. Sie sorgen dafür, dass Cornel Ritter und sein Team rechtzeitig eingreifen können, wenn der nächste Starkregen das System fordert und die Sicherheit des Flugbetriebs davon abhängt, dass Mensch und Technik reibungslos funktionieren.