Stuttgart - Nein, der Bodensee wird vorerst nicht leerlaufen, egal wie heiß und trocken ein Sommer im Südwesten wird. Das „Dargebot“ an Trinkwasser, wie die Experten sagen, dürfte grundsätzlich auch in Zeiten des Klimawandels ausreichen. Und doch sind die Wasserversorger in Baden-Württemberg seit einiger Zeit mehr als nur in Alarmbereitschaft – sie planen schon konkret Investitionen in Höhe von vielen Millionen Euro, um die Versorgung auch in der Zukunft zu sichern.
Warum ist das notwendig? Vor allem in den trockenen Jahren 2003 und 2018 sind vielerorts lokale Trinkwasserquellen mehr oder weniger versiegt. Im Hochschwarzwald etwa gab es im vergangenen Jahr Gemeinden, die kurzfristig mit Tankwagen versorgt werden mussten. Manche der mehr als 1300 kleineren Wasserwerke im Land mussten verstärkt Trinkwasser von der Bodenseewasserversorgung (BWV) oder der Landeswasserversorgung (LW) zukaufen, weil ihre eigenen Vorräte nicht ausreichten. Mehr als 100 Millionen Kubikmeter hat die LW im vergangenen Jahr abgegeben, so viel wie noch nie in der mehr als hundertjährigen Geschichte.
In den letzten fünf Wintern hat es nicht ausreichend geregnet
Bei der LW beobachtet man zudem, dass die Grundwasserstände auch bei ihr tendenziell sinken – derzeit liegt das Wasser an der Referenzstelle 1,5 Meter unter dem langjährigen Mittel. „Seit fünf Wintern wurden die Reservoire nicht mehr richtig aufgefüllt“, sagt Bernhard Röhrle, der Sprecher der Landeswasserversorgung. In heißen Sommern tritt verschärfend hinzu, dass der Pegel der Donau fällt, aus der die LW ebenfalls Wasser entnimmt. Sprich: Gerade wenn sehr viel Wasser benötigt wird, ist eher wenig vorhanden. Künftig muss man auch von einem höheren Bewässerungsbedarf in der Landwirtschaft ausgehen.
Mancherorts geraten die Leitungen für so hohe Wasserabgaben deshalb schon heute an ihre Grenzen, auch bei der Bodenseewasserversorgung. Das bedeutet: Unterm Strich ist zwar derzeit genügend Trinkwasser vorhanden, es wird landesweit nur ein Prozent des „Dargebots“ als Trinkwasser genutzt. Aber bald könnte nicht mehr an jedem Ort und zu jedem Zeitpunkt genügend Wasser verfügbar sein. Bernhard Röhrle sagt: „Wir sind gut beraten, uns auf den Klimawandel einzustellen. Schon heute wird es an Spitzentagen eng.“
Genau diesen Prozess haben die Wasserversorger und die Landesregierung in diesem Jahr angestoßen; ein gemeinsames Strategiepapier liegt jetzt vor. Klar ist schon, dass „große Anstrengungen in politischer, planerischer und finanzieller Art erforderlich“ seien, so heißt es im Papier, da erhebliche Investitionen notwendig seien, um die Infrastruktur anzupassen. Die LW erneuert zum Beispiel jetzt ihre „Ellwanger Leitung“, künftig haben die Rohre einen größeren Durchmesser. Viele örtliche Wasserversorger werden sich überlegen müssen, eine Stichleitung zu einem Nachbar- oder zu einem Fernversorger zu bauen, damit im Krisenfall von dort Wasser bezogen werden kann. Auch muss man sich überlegen, wie man mit Wasserverunreinigungen, etwa durch zunehmende Algenblüten oder nach Starkregen, umgeht. Konkrete Pläne gibt es erst im Einzelfall; der Prozess hat gerade begonnen.
Quagga-Muschel macht im Bodensee große Probleme
Das Umweltministerium will Daten in großem Umfang erheben und Prognosen anstellen. Wie viel Wasser werden die Menschen im Südwesten im Jahr 2050 in Extremfällen benötigen? Wie viel Wasser wird dann zur Verfügung stehen? Und wie sieht es mit den Transportkapazitäten aus? Das sind die Leitfragen bei diesen Analysen. Dabei werden in den nächsten fünf bis sechs Jahren alle Landkreise einzeln betrachtet, um „kommunenscharfe Handlungsempfehlungen“ formulieren zu können, so Ralf Heineken, der Sprecher des Ministeriums. Die Analyse kostet 100 000 Euro pro Landkreis. Bernhard Röhrle fordert aber schon heute, dass die öffentliche Förderung überdacht wird: Sie müsse künftig dorthin gelenkt werden, wo „kritische Hotspots“ seien.
Im Bodensee wird es zwar immer genügend Wasser geben, aber die BWV hat dennoch große Probleme, wenn auch etwas anderer Art. Das dringlichste hat den eher drolligen Namen Quagga-Muschel. Sie wurde vor etwa zehn Jahren aus dem Schwarzen Meer eingeschleppt und verbreitet sich in beängstigender Geschwindigkeit. Auch in den Rohren der BWV setzt sich die Muschel in Massen fest. Schon heute müssten Mitarbeiter deshalb regelmäßig in mühevoller Arbeit die Rohre reinigen, sagt Maria Quignon, die Sprecherin der BWV.
Unklar ist, ob der Wasserpreis nach oben geht
Die kleinen Larven der Quagga-Muschel gelangen sogar ins Hauptwasserwerk auf den Sipplinger Berg; der immense Druck in den Rohren macht ihnen nichts aus. Bisher könne durch eine Ozonanlage verhindert werden, dass die Larven ins Leitungsnetz kämen, so Quignon. Aber das sei keine Dauerlösung. Am Bodensee denkt man deshalb richtig groß, zumal auch aufgrund zunehmender Spurenstoffe im Wasser neue technische Anlagen notwendig werden – was umfangreiche bauliche Maßnahmen erforderlich macht. „Die Quagga-Muschel ist nicht die alleinige Ursache, aber doch die treibende Kraft bei diesen Überlegungen“, so die Sprecherin: „Wir müssen jetzt in die konkrete Planung gehen.“ Daneben überlegt die BWV, wie sie ihr Wassernetz ausbauen muss – in der Zukunft wird man mehr Wasser in den Norden des Landes bringen müssen, was auch mit dem Bevölkerungswachstum, zum Beispiel im Raum Heilbronn, zu tun hat.
Inwieweit sich durch die hohen Investitionen der Wasserpreis für die Endkunden erhöhen wird, ist angesichts der Dimensionen des Aus- und Umbaus noch nicht absehbar. Maria Quignon geht eher von kleinen Beträgen aus, da sich die Kosten auf sehr viele Menschen verteilten und über viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte gestreckt würden.