Kommunalwahl 2019 in Stuttgart Junge Gesichter wollen den Gemeinderat entern

Von Sascha Maier 

Aktuell sitzt nur ein Stadtrat im Stuttgarter Gemeinderat, der unter 30 ist. Das ändert sich vermutlich im Mai – wir haben die fünf aussichtsreichsten jungen Kandidaten an einen Tisch gesetzt. Krempeln sie die Kommunalpolitik um?

Klicken Sie sich durch unsere Bildergalerie, um mehr über die aussichtsreichen U-30-Kandidaten zu erfahren, die bald ins Rathaus einziehen. Foto: Lichtgut/Leif-H.Piechowski 7 Bilder
Klicken Sie sich durch unsere Bildergalerie, um mehr über die aussichtsreichen U-30-Kandidaten zu erfahren, die bald ins Rathaus einziehen. Foto: Lichtgut/Leif-H.Piechowski

Stuttgart - Dem Stuttgarter Gemeinderat steht eine Frischzellenkur bevor: Wenn die Verteilung der Sitze am 26. Mai bleibt wie heute, wird er radikal jünger. Während heute abgesehen von der Studentischen Liste niemand unter 30 in dem 60-köpfigen Gremium sitzt, das die Geschicke der Stadt lenkt, werden aller Voraussicht nach gleich fünf Menschen in den Gemeinderat gewählt, die diese Marke noch nicht überschritten haben. Stellen sie die Kommunalpolitik gemeinsam auf den Kopf? Oder existieren die Gräben zwischen den Parteien auch hier?

Zumindest bei der Wahl des Lokals in der Stuttgarter Innenstadt sind sich Maximilian Mörseburg (CDU), Marcel Roth, Jitka Sklenarova (beide Grüne), Anna Lucia „Lucy“ Schanbacher und Jasmin Meergans (beide SPD) schnell einig. Den Zuschlag der jungen Kandidaten erhält das Mata Hari, eine hippe Bar am hippen Hans-im-Glück-Brunnen. Um 17.30 Uhr Biertrinken ist auch okay.

Sehen Sie im Video, wer die jungen Kandidaten sind:

Auffallen würde hier auch privat niemand. Keiner hat sich hier in jungen Jahren einen staatsmännischen Habitus angeeignet wie ein Philipp Amthor – der 26-jährige CDU-Bundespolitiker – und auch sein Parteikollege Mörseburg wirkt mit seinen bunten Hipstersocken überhaupt nicht wie einer, der in der Politik Karriere machen will.

Hart in der Sache, am Ende gibt’s Bier

Immerhin: Das Politikergerede hat zumindest Marcel Roth von den Grünen schon drauf: „Den Radentscheid in den Zielbeschluss überführen“, sagt der 26-jährige Grüne irgendwann, als es um Fahrradwege in Stuttgart geht. Später ist ihm die Wortwahl etwas peinlich. Abgesehen von dieser Ausrutscher in lupenreines Verwaltungsdeutsch: Was treibt diese Truppe an, die eher wie ein Betriebsausflug einer Werbeagentur wirkt denn die kommunalpolitische Elite von morgen?

„Wir wollen als junge Menschen etwas bewegen“, sagt Jasmin Meergans von der SPD. Den Satz der jungen Frau, die einen „Feminist as fuck!“-Jutebeutel über der Schulter trägt und mit 24 Jahren das Nesthäkchen ist, können in der Runde können alle so unterschreiben. Wenig später geht es dann zu wie im Gemeinderat. „Unter dem Grünen OB geht doch nix voran“, sagt Lucy Schanbacher, Jitka Sklenarova und Marcel Roth widersprechen vehement und Maximilian Mörseburg sitzt ein bisschen da wie der glückliche Dritte, wenn zwei sich streiten.

Nachdem der Themenkomplex Wohnungspolitik und die Frage des Stils der SPD-Wahlkampfplakate, die OB Kuhn massiv angreifen, durchgekaut sind, kehrt wieder etwas Ruhe am Tisch ein. „Hart in der Sache sein – und am Ende noch ein Bier zusammen trinken können“, ist das, was Lucy Schanbacher sich im Umgang mit ihren neuen Ratskollegen für die Zukunft wünscht.

Um 6 Uhr aus dem Club stolpern, dann Plakate aufhängen

Zumindest am Kneipentisch funktioniert das heute. Denn auch wenn es zu vielen Themen unterschiedliche Ansichten gibt und die Kandidaten ihrer Parteilinie in den meisten Fragen treu sind, durchleben sie seit ihren Kandidaturen ähnliche Phasen. „Mit Freizeit ist nicht mehr viel“, sagt die Grüne Jitka Sklenarova, und alle nicken.

Ebenso machen alle Kandidaten die Erfahrung, dass man sie anders behandelt als vorher, seit sie auf den Wahlplakaten grinsen. „Du kandidierst und trinkst Alkohol?“, sei Lucy Schanbacher neulich mal gefragt worden. „Wenn ich um 6 Uhr aus dem Club stolpere, stehe ich für Tausende junge Leute“, sagt Marcel Roth, der keinen Hehl aus seinem Faible für elektronische Musik macht.

Und da ist auch schon ein Thema, wofür die Runde sich fraktionsübergreifend einsetzen will. Das Nachtleben in Stuttgart ist für alle ein wichtiges Anliegen. „Die Sperrstunde gehört abgeschafft und wir brauchen einen Nachtbürgermeister“, sagt Mörseburg von der CDU. Mit der Forderung nach einem Nachtbürgermeister vertreten die jungen Kandidaten zwar keine andere Position als die altgedienten Stadträte. Aber sie können die Idee wahrscheinlich besser verkaufen.

Insta-Stories aus dem Technikausschuss

Überhaupt: Beim Verkaufen von politischen Ideen sehen die jungen Politiker bei den alten Hasen im Rat noch großen Nachholbedarf. „Manche von denen haben nicht mal einen Facebook-Account“, sagt das Nesthäkchen Jasmin Meergans. Alle fünf nutzen auch Instagram, um für sich die Werbetrommel zu rühren und um ihre Botschaften im Netz zu verbreiten. Stuttgart erwarten also Insta-Stories aus dem Technikausschuss.

Dass dennoch viel Sacharbeit auf die jungen Frauen und Männer zukommt und die Mühlen im Gemeinderat langsam mahlen, da macht sich am Kneipentisch niemand Illusionen. Ein Infrastrukturprojekt in greifbarer Nähe, auf die sich Kandidaten einigen können, ist der öffentliche Nachtverkehr in der Stadt. Jitka Sklenarova studierte im tschechischen Brünn, bevor sie vor drei Jahren nach Stuttgart und zu den Grünen kam. „Das war ein Kulturschock, dass hier nachts keine Bahnen fahren“, sagt sie – Brünn ist mit 377 000 Einwohnern etwas mehr als halb so groß wie die Landeshauptstadt.

Doch es gilt in der Kommunalpolitik auch ganz andere Kaliber von Projekten zu stemmen. Der Neckar zum Beispiel und die Surfwelle in Untertürkheim, die die Kandidaten zwar alle cool finden würden, woraus aber wegen der schlechten Wasserqualität nichts wird. Experten rechnen mit mit einer Dauer von 25 Jahren und Kosten in Milliardenhöhe, um den Fluss zu säubern. „Da haben wir den Vorteil, die Ergebnisse vielleicht noch erleben zu können“, sagt Maximilian Mörseburg von der CDU trocken.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, dass aktuell kein Stadtrat unter 30 im Gemeinderat sitzt. Dies ist falsch, wir hätten die Information, dass Christian Walter von der Studentischen Liste bereits 30 sei, nochmals überprüfen müssen. In Wahrheit ist er 29. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen. Am Ende unserer Bildergalerie erfahren Sie mehr über ihn.

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