Der gebürtige Korntal-Münchinger Karl-Heinz Babczynski reist im Jahr 1966 ins französische Pamiers. Eine ganz besondere Beziehung beginnt.

Ein Aushang am schwarzen Brett in seiner Schule prägt Karl-Heinz Babczynskis Leben bis heute. Es ist anno 1966, als er, 15, erfährt, dass der Chor in Pamiers einen Austauschschüler sucht. Pamiers, das ist eine Gemeinde in Frankreich mit rund 16 000 Einwohnern, südlich von Toulouse gelegen, gut 70 Kilometer davon entfernt. Die Kommune pflegt seit dem Jahr 1969 eine Städtepartnerschaft mit Crailsheim (Kreis Schwäbisch Hall) – wo Karl-Heinz Babczynski als Jugendlicher lebt, als er unbedingt nach Frankreich fahren will. Was er nicht ahnt: Mit dem Austausch beginnt eine außergewöhnliche Geschichte. Aus Fremden wird Familie. „Claude Soula ist bis heute mein bester Freund“, sagt Karl-Heinz Babczynski über seinen Austauschpartner.

Er sei damals der Einzige gewesen, der sich für den Austausch nach Pamiers interessiert habe, erinnert sich der 72-Jährige. Er ist in Korntal-Münchingen aufgewachsen und mit zwölf Jahren nach Crailsheim gezogen. In jener Zeit, sagt Karl-Heinz Babczynski, waren Zugreisen teuer, die Bahnkarte nach Toulouse habe „einen Haufen Geld“ gekostet. So aufregend wie heute die Reisen der Jugendlichen nach zum Beispiel Australien seien, so aufregend seien in den 1960er Jahren Reisen nach England oder Frankreich gewesen. Sie waren nicht selbstverständlich, und ein Schüleraustausch war das vor fast 60 Jahren erst recht nicht. Karl-Heinz Babczynski überzeugt seine Eltern mit dem Argument, mit dem Aufenthalt in Frankreich seine Sprache zu verbessern.

„Expedition ins Ungewisse“

Ehe Karl-Heinz Babczynski sich versieht, sitzt er am 3. April 1966 im Nachtzug von Stuttgart nach Paris. Ohne Handy, ohne Whatsapp, ohne Google sei das eine „Expedition ins Ungewisse“ gewesen, so Babczynski, zumal sein Französisch schlecht ist. Nur ein einziger Brief habe seine Ankunft am Bahnsteig in Toulouse angekündigt.

Nach 20 Stunden Fahrt dann die große Erleichterung: „Ich bin angekommen und habe mich sofort wohlgefühlt“, sagt Karl-Heinz Babczynski. Nie habe es prüfende Blicke gegeben, Vorurteile oder Ressentiments gegenüber ihm, dem Jungen aus Deutschland, einst verfeindet mit Frankreich. Claude Soula und seine Familie hätten ihm gleich Offenheit und Vertrauen entgegengebracht. Schnell wird Babczynski auch in Claudes Freundeskreis aufgenommen. „Heute würde man von einer perfekten Integration sprechen“, sagt der 72-Jährige. Er habe einfach den Willen gehabt, dazuzugehören. Die Neugier auf beiden Seiten tut ihr Übriges. „Jeder interessierte sich für mich und fragte mich nach Deutschland aus. Das war ein tolles Gefühl.“

Abschied nur auf Zeit

Sein erstes Abendessen in der neuen Umgebung dauert gut zwei Stunden. Kein Problem für Karl-Heinz Babczynski, der, wie er sagt, ohnehin binnen kurzer Zeit ein Franzose gewesen sei. Er lacht. „Ich habe sogar auf Französisch geträumt.“ Überhaupt habe ihn der Lebensstil der Menschen „total beeindruckt“, die Lockerheit, der „würdevollere Umgang mit dem Leben“. Jeder habe jeden in Pamiers gekannt, und wohin auch immer man kam, habe man erst einmal geplaudert.

Der Abschied ist für alle traurig – doch es ist nur einer auf Zeit. „Wir alle wollten, dass es gut passt und waren stark an einem guten Verhältnis interessiert“, sagt Karl-Heinz Babczynski. Die Städtepartnerschaft und persönliche Freundschaft zwischen ihm und Claude Soula sei schließlich zu einer Familienfreundschaft geworden.

Mit der Tochter beginnt Runde zwei

Zunächst reist Karl-Heinz Babczynski in den Schulferien oft nach Pamiers, Claude Soulas Eltern kommen mit dem Wohnwagen in Crailsheim vorbei. Ab 1970 sei es ruhiger um Pamiers geworden, Karl-Heinz Babczynskis Bundeswehrdienst geht los. Das Studium zieht ihn nach Freiburg. Die Freizeit wird knapper, der Kontakt zu Claude Soula besteht trotzdem weiter.

Als dessen Tochter Nathalie 14 Jahre alt ist, besucht sie Karl-Heinz Babczynskis Eltern in Crailsheim, um ihr Deutsch zu verbessern. Babczynski bringt sie zurück nach Pamiers, bleibt ein paar Tage. Das habe man Jahre so praktiziert, sagt er, der nun auch geheiratet und eine Tochter hat, Katharina – deren Patenonkel Claude Soula wird. Dessen Tochter wiederum studiert in Freiburg, in der Zeit wohnt sie bei Karl-Heinz Babczynski und seiner Familie. Klar, dass Claude Soula sie regelmäßig besucht. Später verschlägt es ihn aus beruflichen Gründen oft nach Crailsheim und Freiburg. Nathalie heiratet einen Lehrerkollegen, bekommt drei Kinder, wohnt in Deutschland. „Hier beginnt die dritte Runde der erweiterten Städtepartnerschaft, denn meine Tochter, meine Frau und ich wurden die Paten von Nathalies drei Kindern“, berichtet Karl-Heinz Babczynski.

Garant für friedliches und freundschaftliches Zusammenleben

Gemeinsam Weihnachten zu feiern, ist für die Familien eine Tradition geworden. Natürlich werde auch die Geschichte, der Krieg reflektiert, über Fehler gesprochen, sagt Karl-Heinz Babczynski. Das sei aber kein Grund, sich gegenseitig Vorwürfe zu machen, sondern man fasse den Vorsatz, es besser zu machen. Politik, sagt Karl-Heinz Babczynski, ist immer nur eine Randerscheinung – und eine Städtepartnerschaft sei ein Anfang, damit sich Leute kennenlernen. „Wichtig sind die Menschen und dass sie was daraus machen.“ Entstehe aus einer Städtepartnerschaft Freundschaft oder gar eine neue Familie, habe es einen Sinn und bringe auch künftigen Generationen etwas. Nur Freundschaft und Familie seien ein Garant für das friedliche und freundschaftliche Zusammenleben der Bürgerinnen und Bürger.

Erst Feinde, dann Freunde: Ein Vertrag besiegelt die Versöhnung

Meilenstein
 18 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, am 22. Januar 1963, haben der Bundeskanzler Konrad Adenauer und der französische Staatspräsident Charles de Gaulle den Élysée-Vertrag unterzeichnet. Die Vereinbarung legte den Grundstein für die Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich und damit für den dauerhaften Frieden in Europa. Der deutsch-französische Freundschaftsvertrag gilt als ein Meilenstein in der Geschichte Europas. Vor vier Jahren haben der französische Präsident Emmanuel Macron und die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) den Vertrag erneuert. Er wurde zum Vertrag von Aachen.

Austausch
 Unter anderem hatten die Regierungen 1963 auch vereinbart, sich in Erziehungs- und Jugendfragen enger abzustimmen. So entstand das Deutsch-Französische Jugendwerk, das bis heute Millionen Jugendlichen aus beiden Ländern die Teilnahme an mehr als 320.000 Austauschprogrammen ermöglicht.